Home
http://www.faz.net/-gux-xsw2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Generation 30 „Das Ende der klassischen Karriere ist eingeläutet“

 ·  Früher kämpfte er mit Joschka Fischer auf der Straße. Heute ist er Personalvorstand der Deutschen Telekom: Thomas Sattelberger im Gespräch mit der F.A.Z. über BWLer, Philosophen und weshalb er 30-Jährige einstellt.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (26)

Herr Sattelberger, wären Sie gerne noch einmal 30?

Nein, das kann ich mir für mich nicht vorstellen, aber ich kann mich reinfühlen in die 30-Jährigen.

Als Personalvorstand der Deutschen Telekom sind Sie eine Art Verhaltensforscher der Generation 30. Haben es die jungen Leute heute schwerer als früher?

So mögen viele es empfinden. Die Generation 30 ist reingeraten in eine neue Phase der Ungewissheiten und Unsicherheiten. Früher stand das ungebrochene Wachstum der Wirtschaft außer Frage und damit auch die Karriere der Einzelnen. Heute zeigen die Krisen, wie zerbrechlich die wirtschaftliche Ordnung ist und wie instabil die gesellschaftliche Ordnung. Und wie persönliche Entwicklungen davon betroffen sind.

Der Aufstieg ist auch für Akademiker nicht mehr sicher.

Das liegt aber auch daran, dass wir es geschafft haben, die Zahl der Hochschulabsolventen massiv zu erhöhen: Bald 40 Prozent eines Jahrgangs sind Akademiker, die sich alle die Frage stellen: Was mache ich mit all dem Wissen in meinem Kopf? Wo setze ich dieses Kapital perspektivisch nützlich ein? Wir sind in der breitakademisierten Wissensgesellschaft angekommen.

Vorstandschef kann auch nicht jeder werden: Je mehr Akademiker, umso härter deren Wettbewerb untereinander um die Spitzenjobs.

Richtig, deshalb müssen wir klären: Was sind neue Karrierewege? Passt das alte Modell des linearen Aufstiegs noch in die Welt - die allein seligmachende klassische Managerkarriere?

Viele streben danach.

Da bin ich nicht so sicher. Viele sagen, ich will nicht in die Mühle, die wollen ein ausbalanciertes Leben, anders als die Eltern.

Das Elternhaus dient nicht als Vorbild und Maßstab?

Die Vorgängergeneration dient immer als Rollenmodell - positiv wie negativ. Entweder man sagt, so weit möchte ich es auch bringen. Oder man sagt: Nein, auf keinen Fall will ich in so eine Falle. Eines aber ist klar: Das Ende der klassischen Karriere, wie die Älteren sie noch kennen, ist eingeläutet. Sie ist nur noch nicht ganz tot.

Was tritt an ihre Stelle?

Mehrere Wege bieten sich an. Bin ich ein exzellenter Experte, heißt es: Wie mache ich eine Wissenskarriere? Festgefügte Strukturen lösen sich in Unternehmen immer mehr auf, aus Arbeitsplätzen werden Projekte. Wir sprechen von Projektkarrieren. Es geht hin bis zu Laufbahnpfaden, die unternehmerische Start-ups oder soziales Engagement zum Thema haben.

Weniger euphemistisch ausgedrückt: Die Jungen müssen sich auf befristete Jobs einstellen?

Zum Teil. Wir werden in der Gesellschaft eine stark wachsende Zahl von Freelancern sehen, sei es aus wirtschaftlichen Zwängen heraus oder sei es aus freien Stücken. Auch viele Menschen, die sagen: Ich will nicht in eine Konzernlogik, ich behalte meine Freiheit. Da es für Unternehmen häufig auch kreativitätsfördernder oder effizienter ist, auf Ressourcen von außen zurückzugreifen, werden sich große Marktnischen bilden für „Wissenskapitalisten“: Freelancer, die mit einem Expertise-Portfolio unterschiedliche Kundschaften bedienen, die man früher Arbeitgeber genannt hätte.

Wenn Sie heute einen Jungakademiker einstellen, können Sie dem noch versprechen: Sie gehen eines Tages bei der Telekom in Rente?

Wir haben den Berufsanfängern schon vor zehn Jahren gesagt: Ihr werdet mindestens drei, vier Berufe in eurem Leben haben. Schon heute haben viele Menschen vier, fünf Arbeitgeber in ihrem Berufsleben.

Ihr Rat lautet: Nicht lamentieren, sondern hübsch flexibel bleiben?

Ich bin überzeugt, dass das Lebensunternehmertum für die eigenen Fähigkeiten ein Schlüssel für die junge Generation ist.

Was meinen Sie damit?

Dass die Menschen Unternehmer ihrer eigenen Talente werden. Das hat auch ein freudiges, gestalterisches Element. Unternehmer sein, heißt Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen, sich zu fragen: Was wage ich als Nächstes? Wie schärfe ich mein Profil? Wie entwickle ich meine Fähigkeiten?

Der Kulturpessimist würde einwenden: So züchten Sie kleine, egoistische Ich-AGs. Es zählt nur die eigene Marke, weder Arbeitgeber noch Gesellschaft.

Millionen Menschen in unserem Land sind Selbständige - vom Taxifahrer bis zum Rechtsanwalt. Natürlich kann man jetzt ego-getriebene oder sozialdarwinistische Szenarien beschwören, aber ich beobachte eine andere Entwicklung bei jungen Menschen, hin zu zivilbürgerlichen Tugenden. Nachdem der Glaube an die Omnipotenz von Politik und Wirtschaft nachhaltig gestört ist, besinnen sich die Menschen auf das, was sie selbst gestalten können: die Familie, die Kommune, in der sie leben. Sie verbinden Eigenwohl und Gemeinwohl.

Klingt schön, aber ist das mehr als Ihre Hoffnung?

Ich bin ein hoffnungsloser Optimist, mein ganzes Leben schon. Wir müssen an der Stelle über Bildung reden, nicht nur über Ausbildung wohlgemerkt, sondern über Bildung: Die Hochschulen müssen wieder werden, was sie mal waren, Reflexionsstätten, in denen nachgedacht wird: Was ist der richtige Weg für die Gesellschaft? Jenseits der Ökonomie, jenseits der reinen Fakten, was ist der Sinn des Ganzen?

Das sagen ausgerechnet Sie als Vertreter der Industrie, die stets gestritten hat für ein kurzes und effizientes Studium?

Ja, natürlich. Die Wirtschaft hat aus einer gesunden Mischung aus Egoismus und Altruismus darauf hingewiesen, dass akademische Bildung verdaulich, in Portionen erworben wird - aber nicht um den Preis, dass Brutstätten für seelenloses Denken entstehen: Wenn in manchen Disziplinen 40 Prozent der Leute das Studium abbrechen, ist das nicht nur eine volkswirtschaftliche Vergeudung, sondern auch ein Drama für den Einzelnen.

Sie kritisieren die pure Reproduktion von Wissen. Sind die jungen Leute nicht mehr fähig, selbst nachzudenken?

Das hängt von den Fächern ab. Mit Freude sehe ich, welche Begabungen in Geistes- und Sozialwissenschaftlern stecken, mit welchem Tiefgang in diesen Fächern gelehrt wird. Das brauchen wir dringend. Unternehmen sind Gebilde, die nicht geistige Routine stupide reproduzieren, sondern wo man substantiell Themen hinterfragen muss. Wir tun gut daran, diese Art von Diversity zu pflegen.

Nach der Frauenquote auch noch eine für Geisteswissenschaftler?

Nein. Aber ich gebe an unsere Rekrutierungsprofis die deutliche Botschaft raus, multidisziplinär zu agieren. Und ich schaue mir das an.

Was beeindruckt Sie im Lebenslauf eines Bewerbers?

Berufliche und geistige Varietät, das ist viel wichtiger als glattgebügelte Lebensläufe. Das Prinzip, immer mehr vom selben, ist nicht gut für die eigene Entwicklung. Daraus folgt, dass im Lebenslauf auch mal ein Bruch sein kann: Wer sich verändert, kann auch mal scheitern. Ich bin auch ab und an gescheitert.

Sie haben einst Ihr Studium abgebrochen, warum?

Ich habe damals zu viele Flugblätter verteilt, habe mich mit Leidenschaft der politischen Auseinandersetzung gewidmet und Pflichtvorlesungen versaubeutelt. Bevor man mich offiziell rausgeworfen hat, bin ich freiwillig gegangen.

Sie haben mit Joschka Fischer auf der Straße gekämpft.

Ich habe mit ihm Flugblätter verteilt, ausgiebig diskutiert. Aber nie in irgendeiner Form Gewalt ausgeübt.

Wollten Sie die Welt verändern?

Natürlich. Ja, klar. Das will ich noch heute.

Und wie alle 68er-Veteranen werfen Sie der Jugend vor, sich nicht politisch zu engagieren?

Nein, die jungen Leute sind politisch ja sehr aktiv. Neulich habe ich nach einem Vortrag vor Mannheimer Studenten intensiv diskutiert, mit Pädagogen, Sozialwissenschaftlern, Geisteswissenschaftlern. Die Betriebswirte waren da nicht dabei.

Sie mögen die BWLer nicht sonderlich, richtig?

Die BWLer als Menschen schon, die klassische BWL weniger. Ich kritisiere seit Jahren, dass dieses Fach die philosophische, soziologische und historische Komponente fast ausradiert hat. Der extreme Ausdruck dieser uniformen Ideologie ist der angelsächsische MBA. Der ist geistig so arm, so einseitig.

Was hat Sie als Politaktivist geritten, ins Management zu wechseln?

Ich bin ja nicht sofort ins Management gewechselt, ich war Pädagoge und habe auf meiner ersten beruflichen Station mit Freude Ausbildungsgänge gestaltet, bei Daimler.

War es schwierig, dort als Studienabbrecher unterzukommen?

Es geht nicht darum, unterzukommen - ich mag diese Terminologie nicht. Es wäre verheerend, wenn junge Menschen so denken: Hauptsache, ich komme wo unter. Nein, ich bin da frisch, fromm, fröhlich, frei reinmarschiert. Dachte, das probiere ich mal.

Gab es keine Abstoßungsreaktion des Großkonzerns?

Nein, dort herrschte eine relativ tolerante Kultur. Der alte Daimler, der alte Bosch, diese Unternehmer von altem Schrot und Korn haben keine Speichellecker herangebildet.

Ihr Weg führte Sie dann über Lufthansa und Conti in den Telekom-Vorstand. War es Ihr Antrieb, die Eltern zu übertreffen?

Nein. Von meiner Mutter, einer Hauswirtschaftslehrerin, habe ich das Temperament und das pädagogische Ethos. Meinem Vater war es nach dem Krieg verwehrt, Jura zu studieren. Trotzdem hat er sich durchgebissen vom einfachen Beamten zum Ministerialrat. Was ich von ihm mitgenommen habe, ist diese Sehnsucht, Größeres zu erreichen. Meist bleibt es bei dieser Sehnsucht. Auf dem Weg zu Größerem schafft man aber einiges.

Das Gespräch führten Georg Meck und Bettina Weiguny.

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen