05.07.2010 · „Early Excellence“ klingt nach der Förderung von Hochbegabten und nach Auslese. Doch der Ansatz versteht sich andersherum: Hier sollen Grundlagen geschaffen werden, damit Kinder aus schwachen Verhältnissen eines Tages zur Elite zählen können.
Von Uta RascheAuf dem Parkettboden im leergeräumten Wohnzimmer eines ehemaligen Pfarrhauses liegen bunte Kissen. Darauf knien im Kreis sechs Mütter, vor ihnen sitzen ihre Kinder. Ein Neugeborenes schläft auf dem Arm seiner Mutter, ein eineinhalbjähriges Mädchen weicht nicht vom Schoß einer weiteren Frau. Die anderen singen: „Oben im Himmel, unten auf der Erde...“: ein Lied, in dem die Kinder reihum sagen, welches Tier sie gerne wären, um dann Tierlaute nachzuahmen. Den Kindern macht es Freude, einen Moment lang im Mittelpunkt zu stehen - und natürlich die Erwachsenen dazu zu bringen, wie Hunde zu bellen.
Die Vormittagssonne taucht den Raum in ein warmes Licht. Die reinste Idylle könnte das sein - läge das Kinder- und Familienzentrum (Kifaz), in dem sich diese Spielgruppe zusammengefunden hat, nicht in einem „stabilen Armutsgebiet“. In Frankfurt-Fechenheim beträgt der Ausländeranteil 43 Prozent, die Arbeitslosigkeit 14. Die Cassella Farbwerke, noch vor 20 Jahren ein großer Arbeitgeber, wurden umstrukturiert und verkleinert. Fechenheim, in seinem Kern ein ehemaliges Fischerdorf in einer Mainschleife, liegt heute eingekeilt zwischen Bahngleisen, Fabrikgeländen und der Ausfallstraße nach Hanau. Lange Riegel aus früheren Werkswohnungen und Sozialbauten rahmen den Stadtteil ein.
Betreuung als Chance für Integration
Für Leyla Akpulat, 26 Jahre alt, ist der Kontakt zum Kinder- und Familienzentrum „das Beste, was mir passieren konnte“. Als sie vor acht Jahren ihrem türkischstämmigen Mann, den sie während dessen Heimaturlaub in der Türkei geheiratet hatte, nach Deutschland folgte, sprach sie kein Wort Deutsch. „Ich kannte keinen, habe immer zu Hause gesessen.“ Ihr Mann arbeitet von morgens um sechs bis abends um sieben auf Baustellen. Das Jobcenter schickte sie zum Deutschkurs; der fand im „Kifaz“ statt. Sie schloss erste Freundschaften. Als ihre Kinder Aylin und Khan, heute sechs und zwei Jahre alt, geboren wurden, ging es weiter: Sie nahm an einem „Fabelkurs“ (familienorientiertes Baby-Eltern-Konzept) teil, in dem Eltern lernen, die Signale ihres Babys zu verstehen und es entwicklungsgerecht zu fördern. „Anfangs hatte ich Schwierigkeiten mit meinem Sohn, weil er aggressiv war und andere Kinder gebissen hat. Hier habe ich viele Erziehungstipps bekommen. Jetzt ist es besser.“ Frau Akpulat hofft, dass Aylin in den Hort der direkt nebenan gelegenen Kindertagesstätte gehen kann, sobald sie in die Schule kommt: „Ich kann nicht genug Deutsch, also muss ihr jemand anders bei den Hausaufgaben helfen.“
100 Kinder im Alter von einem Jahr bis zum Ende der Grundschulzeit werden dort betreut. Träger der Einrichtung ist der Frankfurter „Sozialpädagogische Verein zur familienergänzenden Erziehung“, der mehr als 50 Einrichtungen für Kinder (Krabbelstuben, Kindergärten und Schülerläden) betreibt. Das dunkelrot verputzte, zum Teil mit Holz verkleidete Flachdachgebäude in ökologischer Bauweise hat die Stadt errichtet. Sie suchte einen Träger für die Einrichtung; der Verein mit seinem an die britischen „Early Excellence Centres“ angelehnten Konzept hat das Stadtschulamt überzeugt. Er führt die Kita mit dem angeschlossenen Familienzentrum nun seit vier Jahren.
Bildung - ein Sprungbrett für die Zukunft
„Early Excellence“ klingt nach Hochbegabtenförderung und Auslese, doch der Ansatz versteht sich andersherum: Hier sollen in der Breite die Grundlagen dafür geschaffen werden, dass Kinder aus unterprivilegierten Verhältnissen eines Tages zur Elite zählen können. Die „Early Excellence Centres“, die die Labour-Regierung in Großbritannien eingerichtet hat, gründeten auf der Erkenntnis, dass das wirksamste Mittel gegen Armut Bildung ist. Labour hatte sich zum Ziel gesetzt, die Lebensbedingungen für Kinder in Großbritannien zu verbessern. Denn die Säuglingssterblichkeit war eine der höchsten unter den OECD-Staaten, ebenso der Anteil der Kinder, die in Haushalten mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens leben. Erklärtes Ziel der Zentren ist es, die Schulleistungen von Kindern aus sozial schwachen Familien durch eine anregungsreiche Betreuung in jungen Jahren zu steigern. Dazu folgen sie drei Grundsätzen: Jedes Kind ist exzellent; Eltern sind die besten Fachleute für ihre Kinder; die Kindertagesstätten sollen die Erziehungskompetenz der Eltern stärken. „Every child matters“ lautet ihr Credo.
Zwei schockierende Fälle von Kindesmisshandlungen in London hatten zuvor zu heftigen Debatten über die Leistungsfähigkeit der Sozial- und Jugendämter geführt. Die acht Jahre alte Victoria Climbié war im Jahr 2000 von ihrer Großtante zu Tode gequält worden. Das Mädchen, das aus der Elfenbeinküste stammte, war von den Eltern in die Obhut der Verwandten gegeben worden, damit sie eine gute Ausbildung erhalte. Doch die Großtante und ihr Lebensgefährte benutzten das Kind, um mehr Sozialhilfe zu erhalten, und missbrauchten es sexuell. Victoria war mit Brandmalen übersät, unterernährt und bewusstlos, als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo sie einen Tag später starb. Ihr Fall war mehrfach aktenkundig, ihr Martyrium hatte sich unter den Augen der Behörden abgespielt, ohne dass jemand eingriff.
„Children's Centres“ sollen Kinder schützen
Im gleichen Londoner Vorort starb „Baby Peter“ im Alter von 17 Monaten, nachdem es von seiner Mutter und deren Freund misshandelt worden war. Am 3. August 2007 wurde das Kind, nur mit einer Windel bekleidet, voller Prellungen und Narben leblos in seinem Bett gefunden. Mehrere Rippen und das Rückgrat waren gebrochen. Noch einen Tag zuvor hatte seine Mutter es einer Kinderärztin vorgestellt, die seine Qualen nicht bemerkt haben will. 60 Kontakte mit dem Sozialamt, mit Familienhelfern, Ärzten und Krankenschwestern waren vorausgegangen. Eine Sitzung, in der darüber entschieden werden sollte, ob der Junge aus seiner Familie zu nehmen sei, wurde ein paar Tage vor seinem Tod aus Termingründen abgesagt. In der Folge analysierte der Laming-Report das Versagen der Behörden und verlangte deren bessere Vernetzung. Die Regierung legte das „Sure Start“-Programm auf. Es sollte verhindern, dass weiterhin Kinder in der Obhut zweifelhafter Pflegepersonen oder ihrer Eltern umkommen. Mit erheblichem finanziellem Aufwand wurden 3500 „Children's Centres“ im ganzen Land gegründet.
Eines von ihnen ist das „Lime Tree Children's Centre“ an der Heathfield Road im Birminghamer Stadtteil Handsworth. Vom Bahnhof fährt man durch lange Reihen geduckter Backsteinhäuschen mit zum Teil blinden Fenstern, vorbei an Gemüseständen auf der Straße und kleinen Supermärkten, dann durch den Rotlichtbezirk. Der helle, freundliche Neubau für den Kindergarten und die Beratungsräume sind allein schon architektonisch ein Lichtblick. Der junge Manager des Zentrums, selbst ein Kind spanischer Einwanderer, berichtet, dass in dem Viertel die Hälfte der Einwohner Schwarze, 35 Prozent Asiaten und 15 Prozent Weiße seien; immer wieder müsse die Polizei bei Prügeleien zwischen den ethnischen Gruppen einschreiten.
Verstärkte Fürsorge steht im Vordergrund
Ziel des Zentrums ist das „empowerment“ der Eltern. Mit „stay and play sessions“, für die man sich nicht anmelden und auch nichts bezahlen muss, versuchen die Mitarbeiter, Kontakt zu den Familien aufzubauen. Mundpropaganda und Hausbesuche helfen dabei. Knapp 1200 Familien sind im „Lime Tree Center'' mittlerweile registriert. In Gesprächen finden die Mitarbeiter heraus, wo die Familie Hilfe benötigt: Braucht sie eine größere Wohnung? Brauchen die Eltern einen Job? Täte den Kindern der Besuch eines Kindergartens oder der Vorschule gut? Mit Kursen zur Geburtsvorbereitung und zur Babypflege versucht man, Eltern schon dann zu erreichen, wenn noch nichts schiefgegangen ist. In dem Zentrum halten Sozialarbeiter, Jobvermittler und Hebammen Sprechstunden ab, der National Health Service bietet Vorsorgeuntersuchungen an. Die „Children's Centres“ sollen „one stop shops“ sein, wo alles unter einem Dach erledigt werden kann - wo aber auch die Mitarbeiter der unterschiedlichen Disziplinen ihr Wissen über die Kinder zu deren Wohl austauschen.
In der Kindertagesstätte, die von sieben Uhr morgens bis sechs Uhr abends geöffnet ist, herrscht ein Betreuungsschlüssel, der in Deutschland seinesgleichen sucht: Bei den Babys ist ein Erwachsener für drei Kinder zuständig, bei den Kleinkindern einer für vier und im Kindergarten einer für acht. Die Erzieherinnen, von denen viele ein Bachelor-Studium abgeschlossen haben, sind gehalten, die Stärken jedes einzelnen Kindes zu beobachten und diese zu fördern, anstatt seine Defizite in den Mittelpunkt zu stellen, wie das in Deutschland oftmals der Fall ist. Nach der Philosophie der „Early Excellence Centre“ sollen Erzieher Respekt und Interesse für die häusliche Lebenswelt des Kindes aufbringen, denn man geht davon aus, dass Kinder sich dann am besten entwickeln, wenn Eltern und Erzieher eng kooperieren.
Kinder und Eltern profitieren von den Einrichtungen
Ob der Besuch eines „Early Excellence Centres“ tatsächlich zu höherem Lernerfolg in der Schule führt, wurde in der EPPE-Studie (“Effective Provision of Preschool Education“) untersucht. Diese erste größere Längsschnittstudie in Europa über die Entwicklung fremdbetreuter Kinder kommt zu dem Ergebnis, dass eine hochwertige Vorschulerziehung einen positiven Effekt auf die kognitive und soziale Entwicklung hat. Insbesondere der Nachwuchs aus sozial schwachen Familien und aus Einwandererfamilien profitierte davon. Als besonders bedeutsam erwies sich jedoch die Qualität der häuslichen Erziehung für die intellektuelle Leistungsfähigkeit; so konnte eine anregende Lernumgebung zu Hause Mängel in der Tagesbetreuung kompensieren. Es wurde aber auch deutlich, dass der Einfluss der Schichtzugehörigkeit der Eltern geringer war, wenn diese von den Erziehern dazu angeleitet wurden, ihren Kindern zusätzliche Bildungsangebote zu machen. Bevor die neue Regierung aus Konservativen und Liberaldemokraten ihr Sparpaket verkündete, fürchteten die „Early Excellence Centres“, mit deutlich weniger Geld auskommen zu müssen. Die Ressorts Erziehung und Gesundheit bleiben jedoch von Einschnitten einstweilen verschont.
In Deutschland sind es Stiftungen, die sich um die Verbreitung des „Early Excellence“-Ansatzes bemühen. Das erste „Early Excellence Center“ in Deutschland ist das „Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße“ in Berlin, das von der Heinz- und Heide-Dürr-Stiftung gefördert wird. Die Karl-Kübel-Stiftung in Bensheim fördert das „Kifaz“ in Fechenheim. Darüber hinaus setzt sie sich dafür ein, dass jedes Bundesland ein solches Zentrum bekommt, und bietet Fortbildungen für Erzieherinnen im „Early Excellence“-Ansatz an.
Das „Kifaz“ in Fechenheim ist schon mehr als nur ein Kindergarten. Es hat eine eigene Bibliothek, in der jeden Vormittag vorgelesen wird. Ein Pensionär aus der Nachbarschaft kommt regelmäßig, um mit den Kindern zu musizieren. Samstags trifft sich eine Gruppe aus Vätern und Kindern zu gemeinsamen Unternehmungen; Eltern können sich mit einer Ausbildung zur Tagesmutter oder zum Tagesvater eine berufliche Perspektive aufbauen. Und manche kommen auch einfach nur ins Elterncafé, um sich Rat zu holen: „Mein Sohn Liam war ein Schreibaby, und ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte“, sagt die 29 Jahre alte Silke Dale. „Da war ich sehr froh, hier zu hören, dass das vorkommt und dass ich nichts falsch mache. Sonst wäre ich noch durchgedreht.“
Anerkennung - aber ein Wermutstropfen
A Haverkamp (Man__Ray)
- 07.07.2010, 12:10 Uhr