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Fernbeziehungen Wenn 48 Stunden genügen müssen

17.10.2008 ·  Abschied, Wiedersehen, Abschied: So ist der Alltag vieler Paare getaktet, die in Deutschland in Fernbeziehungen leben. Eine grenzenlose Liebe gegen die paar hundert Kilometer: Mit Ritualen, Zweifeln, Sehnsucht. Wichtig ist: Distanz selbst in der Nähe.

Von Lena Bopp
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Wenn er zu ihr kommt, ist sie schon lange ins Bett gegangen. Meist erreicht er sein Ziel am Freitagabend, nach sechs Stunden Bahnfahrt aus München. Der Zug fliegt vorbei an oberbayerischen Seen, schlängelt sich durch die Täler der Alpen und hält erst, wenn über dem Himmel von Luzern schon ein halber Mond aufgegangen ist.

Leise betritt er ihre Wohnung und legt sich zu ihr. „Das ist unser Ritual“, sagt sie. Nach zwei Wochen Trennung fremdeln die beiden, tasten sich ab, gewöhnen sich neu und finden heraus, ob sich in der Zeit, die sie nicht miteinander verbracht haben, etwas verändert hat. „Es ist ein komischer Moment. Aber wir akzeptieren, dass er komisch ist, legen uns hin, gucken uns an - und sagen ,Hallo'.“

Beziehung auf Distanz

Angelina und Martin (Namen geändert) führen seit anderthalb Jahren eine Fernbeziehung; als sie sich zum ersten Mal begegneten, lebten beide noch in München. Martin ist Ingenieur und arbeitet in der Automobilbranche, Angelina ist Schauspielerin und bekam eines Tages ein Angebot aus Luzern. Das Engagement war verlockend, auch wenn es ihrem Wunsch widersprach, keine Fernbeziehung mehr zu führen. Eine erste war schon in die Brüche gegangen, eine zweite wollte sie eigentlich nicht riskieren. Sie entschied sich trotzdem für Luzern. Es folgte der erste Abschied - und das erste Wiedersehen.

Abschied, Wiedersehen, Abschied: So ist der Alltag der schätzungsweise vier Millionen Paare getaktet, die in Deutschland in Fernbeziehungen leben. Wie viele es genau sind, vermag niemand zu sagen, weil sich die Wissenschaft nicht einig ist, was schon als Fernbeziehung gilt und was nicht mehr: Paare, die sich nur am Wochenende sehen? Menschen, die in regelmäßigen Abständen für ein halbes Jahr getrennt voneinander sind? Drei Besuche im Jahr? „Seriöse Schätzungen“ gebe es, sagt Peter Wendl, Theologe und Paarforscher an der Universität Eichstätt. Er hat mehr als 1000 Paare betreut, die mit der räumlichen Distanz leben müssen. Den Schätzungen von Wendl zufolge führt etwa ein Viertel der Akademiker mehr als ein Mal in ihrem Leben eine Fernbeziehung. Vor allem im Alter zwischen dreißig und vierzig Jahren leben Akademikerpaare getrennt voneinander. Ihre Zahl ist kräftig gestiegen: Rund 41 Prozent der im Jahr 1972 Geborenen lebten bis zu ihrem 30. Lebensjahr überwiegend getrennt von ihren Partnern. Bei den Angehörigen des Jahrgangs 1957 waren es nur 23 Prozent.

Die Gründe für diese Entwicklung sind oft genannt worden: Der globalisierte Arbeitsmarkt und immer mehr spezialisierte Berufsbilder fordern Flexibilität und Mobilität von den Arbeitnehmern. Dabei gelten diese Anforderungen längst nicht mehr nur für sogenannte „high potentials“. Auch Handwerker und Floristinnen zieht es aus wirtschafts- und strukturschwachen Regionen in Gegenden, in denen es Arbeit gibt. Wer den Ortswechsel verweigert, gefährdet seine „employability“ - die Kompatibilität mit dem Arbeitsmarkt. Unter diesen Umständen bedeutet „auf der sicheren Seite sein“, jederzeit alleine zurechtzukommen. Selbst wenn das in Wahrheit niemand will.

Schmerzhafter Abschied

Angelina und Martin nicht. Und Ulrike und Ralf Schwertfeger auch nicht. Die beiden sind sich im Sommer 1998 am Flughafen in Frankfurt über den Weg gelaufen. Seitdem sind sie ein Paar und viele Jahre lang auf dem Weg zueinander durch die Republik gereist: von Neuss (er) ins Sauerland (sie), von Hildesheim (er) nach Eichstätt (sie) und schließlich gemeinsam nach Kassel. Zwischendurch trennten sie sich, kamen wieder zusammen, feierten Verlobung, heirateten und zeugten ein Kind. „Wir haben Federn gelassen“, sagt Ralf.

„Die Abschiede waren schmerzhaft, das hat uns gezeichnet.“ Vor allem Ulrike konnte am Anfang mit der Situation schlecht umgehen. „Ich habe geklammert“, sagt sie. Sie habe „schuhkistenweise Briefe“ geschrieben und Ralf „mit Anrufen bombardiert“. Im Gegenzug hat er sie nachts um drei Uhr aus dem Bett geholt, um ihre Stimme zu hören. Und als er im Studium durch eine Klausur gefallen war, hatte er sich gewünscht, er käme nach Hause, sie wäre da - „und fängt mich auf“.

Vor allem für junge Paare sei es schwierig, eine Beziehung auf Distanz zu führen, sagt Experte Wendl. Sie hätten oft das Gefühl, dass an den gemeinsamen Wochenenden alles perfekt sein müsse. „Ich hatte immer Angst, wenn ich nicht gut drauf bin, denkt er: Für diese Frau lohnt es sich nicht, so weit zu fahren“, sagt Angelina. Das führt dazu, dass die gemeinsame Zeit mit Erwartungen überfrachtet wird, die nicht erfüllbar sind.

Das Phänomen „Weihnachtseffekt“

Den „Weihnachtseffekt“ nennt Peter Wendl dieses Phänomen. Der Versuch, Konflikte aus dem Wochenende herauszuhalten, sei typisch für Fernbeziehungspaare. Manchmal gehe das eine Weile gut, meistens aber nicht lange. Nach einer Weile schleichen sich nicht erledigte Verpflichtungen ins Wochenende. Und wenn erst die Zeit des Honeymoons etwas abgeklungen sei, erwache bei vielen auch das Interesse an den früheren Hobbys wieder, denen man am Wochenende nachgehen möchte. Angelina hat es in diesen Phasen zuweilen als stressig empfunden, wenn Martin drei Tage lang bei ihr war und nichts zu tun hatte. Dann war er gelangweilt, sie überfordert - und nach dem Abschied vom schlechten Gewissen geplagt.

Gerade dies ist gefährlich, denn der Alltag, den man allein verbringt, gibt beiden Partnern Zeit, das gemeinsam Erlebte zu reflektieren. Man stellt Fragen - und zuweilen manches in Frage. So schleicht sich zur räumlichen Entfernung eine emotionale Distanz. Angelina ist dieses Gefühl noch aus ihrer ersten Beziehung vertraut. Damals hatte sie irgendwann den Eindruck, der Partner sei gar nicht mehr wichtig. „Als er dann aber tatsächlich ging, tat sich ein riesiges Loch auf. Jetzt weiß ich, dass dieses Gefühl trügerisch ist. Ich unterschätze es nicht mehr.“

Gast im eigenen Haus

Paarexperte Wendl glaubt, dass gerade Frauen dazu neigen, in den Phasen der Trennung selbständiger zu werden: „Sie entwickeln ein größeres Selbstbewusstsein. Und dann möchten sie am Wochenende eben nicht mehr hören, dass es im Grunde falsch ist, wie sie die Hecke schneiden.“ Ein Familienvater hat diesen Prozess gegenüber Wendl einmal mit den Worten beschrieben: „Ich bin jeden Freitag der Gast in meinem eigenen Haus.“ Zuweilen hatten Frau und Kinder in seiner Abwesenheit neue Regeln eingeführt, Zuständigkeiten verschoben und Kompetenzen neu verteilt. Es dauerte dann, bis er sich in den Abläufen wieder zurechtfand.

Auch deswegen wird der permanente Wechsel zwischen Abschied und Wiedersehen von vielen Fernpaaren als ermüdend empfunden. Es gibt zwei Zahnbürsten, zwei Haushalte, zwei Freundeskreise und ein Leben aus dem Koffer zwischen hier und dort. Dann scheitert die Beziehung oft. „Eine grenzenlose Liebe / Gegen die paar hundert Kilometer“, singt die Hamburger Band „Kettcar“. „Und 48 Stunden können allen, / Aber nicht uns genügen.“

Die Sehnsucht kommt bestimmt

Manchmal wirkt die Unruhe aber auch anregend. Nämlich dann, wenn sie die Zeit des Verliebtseins verlängert, weil es an Gelegenheiten mangelt, das Idealbild des Partners mit Hilfe der Wirklichkeit zu korrigieren. Außerdem fehlt den Paaren schlicht die Zeit, Konflikte zu erkennen und auszutragen. Das führt zuweilen zu der paradoxen Situation, dass eine Beziehung gerade wegen der räumlichen Entfernung eine längere Lebensdauer genießt, als ihr unter anderen Umständen zustehen würde.

Was Paare, die in Fernbeziehungen leben, deswegen in meist schmerzvollen Prozessen lernen, ist, auch in der gemeinsamen Zeit Distanz zueinander zu üben. „Ausschließliche Nähe wirkt genauso zermürbend wie ausschließliche Distanz“, sagt Wendl. Und gefühlte Defizite an Geborgenheit, Zuneigung und Sex lassen sich ohnehin nicht aufholen. Ralf Schwertfeger sagt: „Es gab oft Momente, in denen ich dachte: ,Mensch, wäre das schön, wenn sie jetzt hier wäre.' Solche Augenblicke kommen nicht wieder. Man verliert durch die Entfernung ein Stück vom Leben.“ Genauso wenig lassen sich Gefühlsvorräte anlegen: Wenn am Sonntagmorgen den Liebenden der Abschied droht, kehrt auch die Anspannung unweigerlich zurück. Dann hilft ohnehin nichts mehr. Keine Liebesschwüre, keine tröstenden Worte, kein schneller Sex im Flur. Im Zug kommt die Sehnsucht sowieso wieder.

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Jahrgang 1979, Redakteurin im Feuilleton.

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