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Familienstudie Die Angst vor einem „Rund-um-die-Uhr-Job“

10.01.2008 ·  Mit Elterngeld und Krippenplätzen soll jungen Menschen die Entscheidung für Kinder erleichtert werden. Doch das nützt wenig, wenn der richtige Partner fehlt. Die Familienstudie des Allensbach-Instituts zeigt, dass Elternsein inzwischen nur noch ein Lebensentwurf unter vielen ist.

Von Rüdiger Schulz
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Deutschland nach Jahrzehnten niedriger Geburtenraten wieder zu einem Land zu machen, „in dem junge Männer und Frauen unbelastet Ja zu Kindern sagen“, ist das erklärte Ziel der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Mit der Einführung des Elterngeldes und dem Programm zur Schaffung zusätzlicher Kinderbetreuungsangebote wird die Verbesserung wichtiger Rahmenbedingungen angestrebt, um jungen Paaren die Entscheidung für Kinder zu erleichtern. Obwohl sich erste Erfolge der neuen staatlichen Regelungen abzeichnen, bleibt jedoch durchaus offen, ob sie ausreichen werden, die von vielen erhoffte Stabilisierung oder gar Wende bei den Geburtenzahlen zu bewirken.

30 Prozent der Bevölkerung zwischen 25 und 59 Jahren ist bisher kinderlos: 26 Prozent der Frauen und 35 Prozent der Männer dieser Altersgruppe haben kein Kind. Als wichtigsten Grund für ihre eigene Kinderlosigkeit gaben Frauen und Männer im Frühjahr 2007 meist an, „der richtige Partner, die richtige Partnerin für die Verwirklichung von Kinderwünschen fehlt(e)“. Erst mit Abstand wurden berufliche oder finanzielle Gründe genannt. Einen Partner zu haben oder zu finden, mit dem man Kinderwünsche teilt und in den man Vertrauen setzen kann, gemeinsam Kinder großzuziehen, ist offensichtlich die entscheidende Voraussetzung für das Ja zu Kindern.

Verzichten für die Familie?

Die Einstellungen von Männern und Frauen zum Elternsein rücken damit in den Vordergrund. Wichtige Erkenntnisse dazu liefert die „Vorwerk“-Familienstudie 2007, mit der das Institut für Demoskopie Allensbach die Initiative des Wuppertaler Unternehmens zur gesellschaftlichen Aufwertung von Familienarbeit in Deutschland wissenschaftlich begleitet („Familienmanagerin“). Die Studie geht auch der Frage nach, was es für Mütter und Väter zwischen 25 und 44 Jahren im Vergleich zu gleichaltrigen kinderlosen Frauen und Männern bedeutet, Kinder zu haben.

Dass Elternsein mit Verantwortung und Einschränkungen, auch Opfern und Sorgen verbunden ist, ist Eltern und Kinderlosen in ähnlichem Maße bewusst, wobei manche Belastung den Kinderlosen offensichtlich bedrohlicher erscheint, als dies von Eltern empfunden wird. Dagegen nehmen Kinderlose in viel geringerem Anteil Vorzüge wahr, die Mütter und Väter mit Kindern erleben.

Viele kinderlose Frauen verbinden mit der Vorstellung, Kinder zu haben, vor allem Einschränkungen ihrer Selbstverwirklichungsmöglichkeiten, einen „Rund-um-die-Uhr-Job“, der ihnen wenig Zeit für sie selbst lassen würde, sowie – nicht nur finanziell – auf vieles verzichten zu müssen. Hinzu kommt eine verbreitete Furcht, in der Mutterrolle überfordert zu sein. Die Erfahrungen vieler Mütter weisen durchaus auf Sorgen und Stress hin, die häufig mit dem Elternsein verbunden sind. Aber sie haben seltener als die kinderlosen Frauen das Gefühl, dadurch auf vieles verzichten zu müssen oder überfordert zu sein.

„Ein Leben voller Überraschungen“

74 Prozent der Väter von Kindern unter 14 Jahren überlassen die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder nach eigener Aussage überwiegend ihrer Partnerin. Sie sind in den meisten Fällen nur wenig an der Familienarbeit beteiligt und empfinden das Elternsein viel seltener als einen „Rund-um-die-Uhr-Job“. Auch klagen sie seltener als Mütter darüber, wenig Zeit für sich selbst zu haben oder gar überfordert zu sein. Väter verbinden mit ihrer Vaterrolle deshalb seltener Stress und Verzicht, als dies kinderlose Männer befürchten.

Besonders deutlich unterscheiden sich Eltern und Kinderlose bei den von ihnen wahrgenommenen Vorzügen, die mit einem Leben mit Kindern verbunden sind. Dies gilt vor allem für Männer. Während Väter das Vatersein in einem hohen Anteil auch mit „viel Freude“ und „lieben und geliebt werden“ verbinden und als „ein Leben voller Überraschungen“ beschreiben und durch ihre Kinder „die Welt mit anderen Augen sehen“, nehmen kinderlose Männer solche Vorzüge des Elternseins deutlich seltener wahr. Etwa jede zweite Mutter und jeder zweite Vater empfindet Kinder auch als „ein Geschenk Gottes“, Kinderlose sehen dies seltener so. 73 Prozent der Väter bilanzieren ihr Elternsein letztlich als „ein erfüllteres Leben“, aber nur 41 Prozent der kinderlosen Männer können sich vorstellen, dass ein Leben mit Kindern mehr Erfüllung brächte. Auch kinderlose Frauen sind seltener als Mütter von den Vorteilen überzeugt.

„Man kann ohne Kinder genauso glücklich leben“

76 Prozent der Frauen zwischen 25 und 44 Jahren in Deutschland bezeichnen heute „einen eigenen Beruf, ein eigenes Einkommen“ als sehr wichtig für ihr Selbstbewusstsein – noch vor „guten Freunden“ (68 Prozent) oder einer „stabilen Partnerschaft“ (66 Prozent). Dagegen ist „Kinder zu haben“ nur für 45 Prozent der Frauen dieser Altersgruppe „sehr wichtig“.

In unserer Gesellschaft ist ein Leben mit Kindern lediglich einer unter mehreren möglichen Lebensentwürfen; es wird noch von vielen gewünscht, doch mit in den letzten Jahrzehnten deutlich abnehmender Tendenz. Die Frage: „Glauben Sie, dass man Kinder braucht, um wirklich glücklich zu sein – oder glauben Sie, man kann ohne Kinder genauso glücklich leben?“ beantworten noch immer 51 Prozent der Bevölkerung mit „Ja, man braucht Kinder, um wirklich glücklich zu sein“. 35 Prozent der Bürger sind dagegen überzeugt, „man kann ohne Kinder genauso glücklich leben“, und zwar sagen dies heute 48 Prozent der Männer unter 45 Jahren, aber nur 28 Prozent in ihrer Vätergeneration. Nicht ganz so krass, aber mit gleicher Tendenz zeichnet sich diese Entwicklung auch bei Frauen ab: 36 Prozent der Frauen bis 44 Jahren, aber nur 29 Prozent derjenigen, die 45 Jahre und älter sind, denken so.

Diese Befunde zeigen klar, dass das Ja zu Kindern durch verbesserte Rahmenbedingungen wie staatliche Zahlungen, Steuererleichterungen für Familien, bessere Kinderbetreuungsangebote oder familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle in der Wirtschaft durchaus erleichtert werden kann. Und nicht zuletzt – zumindest aus Sicht junger Frauen – auch durch eine stärkere partnerschaftliche Beteiligung der Männer an der Familienarbeit. Aber die Entscheidung junger Paare für oder gegen Kinder ist letztlich abhängig von der Überzeugung oder Erwartung, ob Kinder zu haben glücklicher macht, ob das eigene Leben mit oder ohne Kinder besser gelingt. Das Glück, das Mütter und Väter – trotz vielerlei Belastungen und Einschränkungen – in ihrem Leben mit Kindern empfinden, den bisher noch Kinderlosen besser zu vermitteln ist eine große gesellschaftliche Aufgabe.

Dr. Rüdiger Schulz ist Mitarbeiter am Institut für Demoskopie Allensbach.

Quelle: F.A.Z.
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