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Familie Wir haben kein Recht auf ein Leben mit Kindern

14.07.2006 ·  Die Ära der Männer ist vorbei: Schwedens Supermama Anna Wahlgren, Autorin des „Kinderbuchs“, über eine familienfeindliche Arbeitswelt, Mütter mit schlechtem Gewissen und das Glücksgeschenk Kinder.

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Anna Wahlgren ist Schwedens berühmteste Mutter. Neun Kinder von drei verschiedenen Männern bekam sie, und bislang ist sie siebenmal verheiratet gewesen. Ihr unkonventioneller Erziehungsratgeber „Das Kinderbuch“ ist seit Jahren in Schweden ein Bestseller, und auch in Deutschland hilft er vielen Eltern weiter. Auch zum Reizthema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ engagiert sich Anna Wahlgren indem sie Männer dazu auffordert, endlich mitzumachen.

Was geht schief, wenn in einem Land wie Deutschland immer weniger Kinder geboren werden?

Dazu habe ich zwei Dinge zu sagen. Erstens: Diese unsere westliche Welt ist angeblich die beste aller Welten, und wir sind stolz auf sie, nicht wahr? Wenn wir aber entscheiden, daß wir in dieser besten aller Welten keine Kinder haben können, dann stimmt etwas nicht. Alles was wir uns hier geschaffen haben, soll doch einem guten Leben dienen. Und ein gutes Leben möchte man weitergeben, und zwar an seine Kinder. Man möchte, daß dies alles eine Zukunft haben soll. Daher muß etwas fundamental falsch laufen, wenn so viele Leute sich gegen Kinder entscheiden.

Es gibt aber bei uns eine Menge Leute, die ihr Leben genießen und dennoch nicht das Bedürfnis haben, davon etwas weiterzugeben. Vor allem, weil sie glauben - und beobachten -, daß das Leben dann gleich weniger gut wird. Wenn junge, beruflich erfolgreiche Frauen ihre Freundinnen entweder auf dem Spielplatz verkümmern sehen oder in der Zerreißprobe zwischen Kind und Job, dann denken sie: Ich bin doch nicht blöd, das gleiche Schicksal auf mich zu nehmen.

Das führt mich direkt zu meinem zweiten Punkt: zu der Frage, wie das alles überhaupt anfing. Wie kam der Arbeitsmarkt zu seiner jetzigen Form? Er wurde entwickelt von Männern für Männer. Und Männer waren immer kinderlos. Sie hatten einfach keinen Kontakt zu Kindern, auch wenn sie welche hatten. Die Kinder waren daheim bei Mama, und die Männer konnten sich für den Rest des Tages verabschieden. Wenn sie nach Hause kamen, erwarteten sie ein warmes Essen auf dem Tisch und Kinder, die nicht störten. So fing es an.

Und dann?

Dann machten wir Frauen es ihnen nach, und zwar buchstäblich. Als wir anfingen, am Arbeitsmarkt teilzunehmen, dachten wir, wir müßten uns ebenfalls wie Männer benehmen. Das hieß, daß wir unter ihren Bedingungen zu arbeiten hatten: nämlich so, als ob es keine Kinder gäbe. Die meisten sogenannten Karrierefrauen haben das gemacht. Und das war ein fataler Fehler.

Ist die Frauenbewegung also mit schuld an der Misere?

Ja. Ich bin zwar eine überzeugte Feministin, aber hier haben wir einen Fehler gemacht. Warum haben wir eine Arbeitswelt akzeptiert, in der die Kinder derart ausgeblendet werden? Warum haben wir die Männer in diesem Punkt nicht ebenfalls in Frage gestellt wie in anderen Punkten auch? Sie selbst hatten keinen Anlaß, über dieses Thema nachzudenken.

Was schlagen Sie nun vor?

Ich wünsche mir, daß die Frauenbewegung sich für vollkommen andere Arbeitsformen einsetzt. Die Arbeitsplätze müßten für Kinder offen sein. Oder wir müßten mehr von zu Hause aus arbeiten. Ich selbst hatte nie einen Job außer Haus.

Aber Sie meinen nicht, daß Mütter grundsätzlich zu Hause bleiben sollten?

Nein. Ich wünsche uns nur einen Arbeitsmarkt, der sich mit einem Leben mit Kindern besser kombinieren ließe. Früher waren Kinder im Arbeitsleben präsenter, etwa in der Landwirtschaft. Es gibt immer noch eine Menge Arbeitsformen, an denen Kinder teilhaben könnten. Mir geht es um einen gemeinsamen Ort, wo auch immer.

Ist das denn realistisch?

Man muß anfangen, darüber nachzudenken, dann findet man Wege. Man sollte auch die Ergebnisse der Arbeitsforscher bedenken, nämlich die Tatsache, daß kein Mensch mehr als vier Stunden am Tag wirklich konzentriert arbeitet. Der Rest ist Kaffeetrinken, Reden, Telefonieren, das ganze Drumherum. Da könnte man viel reduzieren.

Wie haben Sie persönlich die Sache gelöst, alleine mit all den kleinen Kindern?

Ich habe die kurze Zeit, die mir zur Verfügung stand, voll ausgenutzt und auf diese Weise 27 Bücher geschrieben. Mir blieben anderthalb Stunden pro Tag, genau die Zeit, in der die kleinen Kinder Mittagsschlaf machten und die großen in der Schule waren. So kam pro Jahr ein Buch zustande. In diesen anderthalb Stunden war ich produktiver als manche Männer in der Nachbarschaft, die sich unentwegt darüber beklagten, daß sie mehr als zehn Stunden am Tag arbeiteten.

Was können wir nun tun, damit alle Seiten zufrieden sind?

Wir müßten einfach wieder zusammenkommen - Männer, Frauen, Kinder. Die Industrialisierung führte dazu, daß die Kinder nicht mehr teilhaben konnten und woanders untergebracht wurden, ebenso wie die Alten und Kranken. Alle möglichen Leute sind seitdem von der Bildfläche verschwunden. Übriggeblieben sind wir: produktiv, jung oder in mittleren Jahren. Und wir arbeiten, arbeiten, arbeiten, denn wir müssen ja all das Geld verdienen, mit dem wir das ganze System aufrechterhalten. Dabei können wir keine Kinder gebrauchen. Und dann fühlen sie sich allein gelassen und wissen nicht, wo sie hingehören. Wir Erwachsenen wiederum betrachten sie als Hindernis. Sie kosten Zeit, Geld und Nerven, und wir empfinden sie wie eine Strafe, was natürlich völlig absurd ist. Denn Kinder sind ein Geschenk. Wir haben nicht mal ein Recht auf ein Leben mit ihnen. Aber wenn wir es dürfen, ist es ein Glücksgeschenk. Wir müssen vielleicht neu lernen, wie man es genießen kann.

Kommt deswegen in Ihrem Buch so häufig das Wort „gemütlich“ vor?

Genau. Das Leben mit Kindern ist gemütlicher als ohne sie. Man merkt das übrigens richtig, wenn man über fünfzig ist und ein wenig Ruhe hat, vielleicht alleine ist. Dann wird klar, wie wichtig diese Runde von Menschen ist, die unverbrüchlich zu einem gehören, die Familie. Ich möchte, daß mehr Eltern es merken, wenn sie mittendrin stecken.

Gegen das gemütliche Leben spricht ein Grundgefühl vieler Mütter: das schlechte Gewissen. Woher kommt es, und wie können wir es loswerden?

Da müssen wir zwei Dinge unterscheiden. Das eine ist, daß die Mütter ständig für alles verantwortlich gemacht werden. Vom ersten Moment der Schwangerschaft an sollen sie alles mögliche tun oder lassen, und wenn etwas schiefläuft, tragen sie die Schuld. Mütter werden immer sehr schnell verurteilt. Damit sollte Schluß sein. Ich kämpfe gegen diese Schuldenlast an, die von den Ärzten, den Ehemännern, der Gesellschaft auf die Mütter abgeladen wird. Ein schlechtes Gewissen dagegen betrachte ich als Alarmsignal. Es versucht einem zu sagen, daß etwas nicht in Ordnung ist.

Aber vielleicht haben viele nur ein schlechtes Gewissen, weil sie alles perfekt machen wollen.

Ja, die Ärmsten, sie leiden unter unserem heutigen Bild vom Kind. Sie betrachten das Kind als etwas, in das man etwas hineinsteckt, und später kommt das gewünschte Produkt: ein guter Mensch. Sie denken, wenn man nichts unternimmt, hören die Kinder sofort auf, sich zu entwickeln. Daher kommt das Bestreben, ständig auf die Kinder einzuwirken: Tu dies, laß das, sei so, sei anders. Diese Haltung hat ebenfalls mit dem Verlust des gemeinsamen Alltags zu tun. Wir haben nur festgelegte gemeinsame Zeiten, in die wir alles mögliche hineinpacken. Das schlechte Gewissen, das mir sagt, ich sollte eigentlich einfach nur dasein, bringt mich dann dazu, Geschenke zu kaufen oder dem Kind nachts zu erlauben, zu mir ins Bett zu krabbeln. Da ich ja den ganzen Tag eine so schlechte Mutter war, möchte ich wenigstens abends oder am Wochenende die beste Mutter von allen sein. Also kaufe ich eine Menge Zeug und verabrede eine Menge Termine, die unterhaltsam sind oder bildend. Alles nur, um das Versäumte zu kompensieren.

Ganz schön anstrengend. Was sollte man statt dessen tun?

Wir sollten gar nicht viel tun. In den vierzig Jahren, die ich mit kleinen Kindern verbracht habe, habe ich gelernt, daß ein Baby sich ganz von alleine entwickelt, ob wir viel dafür tun oder nicht. Wir sollten dasein und das Kind beobachten, aber ich finde es eher gefährlich, es lenken zu wollen. Wenn ein Kind anfängt zu laufen, was soll man da schon tun? Wir müssen ihm nur einen Fußboden zur Verfügung stellen, in die Hocke gehen und es in Empfang nehmen, wenn es angetorkelt kommt, mehr nicht. Wir sind da zum Schutz, zum Loben und um glücklich zu sein über diesen großen Schritt. Und so geht es das ganze Leben lang weiter.

Viele gut ausgebildete Frauen begründen ihre Kinderlosigkeit damit, daß ihnen der richtige Mann fehlt.

Intelligente Frauen jagen den Männern nach wie vor Angst ein. Das ist das nächste, was wir wirklich brauchen: kluge, warmherzige, fürsorgliche Männer. Sie sind aber im Kommen. Ich selbst habe zwar keinen gefunden - ich bin siebenfach geschieden! -, aber die Männer sind dabei, sich zu verändern. Notgedrungen. Die Ära der Männer ist vorbei. Sie können uns nicht mehr aufhalten, sie können uns nicht mehr zu Hause isolieren. Wir sind da.

Das Gespräch führte Monika Osberghaus.

Quelle: F.A.Z., 14.07.2006, Nr. 161 / Seite 40
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