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Erziehung Weg mit den Ratgebern

27.12.2009 ·  Die Eltern von heute sind ängstlich und überfordert. Nichts ist mehr selbstverständlich. Die Flut der Ratgeber für jeden Aspekt kindlichen Lebens macht sie unsicher. Was ist aus der natürlichen Kompetenz geworden?

Von Christine Brinck
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Die Nachrichten von verwahrlosten Kindern reißen nicht ab. Da magern Kinder deutlich ab, und die Eltern merken nichts. Da liegt ein Baby wimmernd im zehn Grad kalten Zimmer mit einem dünnen Hemdchen bekleidet im schmutzigen Bett, und seine Mutter sieht im Nebenzimmer fern. Babys werden vernachlässigt, sie werden geschüttelt, geschlagen, falsch ernährt. Im schlimmsten Fall werden sie allein gelassen, gequält oder gar getötet.

Auf der anderen Seite der Skala haben wir die überversorgten Kinder, die sich ebenso wenig wie die unterversorgten die Schuhe zubinden können, dafür sind es Designerschuhe. Sie haben mit vier Jahren ein i-Phone, mit fünf keine kleinen Pflichten und mit sechs einen Laptop und einen vollen Terminkalender. Meist Einzelkinder, sind sie die herumchauffierten Zirkuspferdchen ihrer Mütter und Väter. Was ist los mit den Eltern?

So sind Babys eben

Es gab Zeiten, in denen Frauen keine dicken Bücher lesen mussten und doch wussten, was sie tun müssen. Heute indes ist die Verunsicherung groß. Schreit das Kind, nimmt sich kaum einer die Zeit, zu ergründen, wo es das Baby zwickt, was es so unerhört unglücklich machen könnte. Das Schreien strengt nur an und nervt. Wer genug Geld hat, lässt lieber eine Art Guru-Nanny kommen, die es schon richten wird. Je überforderter die Eltern, desto eher wird auch schon angebrüllt, gefährlich geschüttelt und zuweilen sogar geschlagen.

Die Kleinstfamilie hat mit sich gebracht, dass wenig Anschauung für Kinder herrscht. Als das Wickeln noch eine halbe Kunst und die Wegwerfwindel noch nicht erfunden war, konnten kleine Mädchen, zuweilen auch kleine Buben, recht geschickt fast so gut wie Muttern wickeln, baden, waschen, vorsingen oder in den Schlaf wiegen. Heute tun sich Frauen oft schwer, mit dem Kind zurechtzukommen. Sie fremdeln dem Neugeborenen gegenüber so wie früher oft nur die Väter. „Wie soll ich es halten?“, fragen sie entsetzt, als wäre es eine Porzellanpuppe. Verstört und nüchtern zugleich bemerkt dann eine junge Mutter über ihr vierwöchiges Kindchen: „So ein Baby hält einen ja ganz schön auf Trab. Aber ist doch auch sehr süß.“

Einen Konferenztitel „Kompetente Elternschaft, Früherkennung, Therapie“ hätte man vor vierzig, fünfzig Jahren nicht als Kracher empfunden. Eltern waren einfach kompetent. Kinder waren wechselweise ein Glück und natürlich auch eine Last, Schlafentzug war normal, so sind Babys eben. Man war Eltern, basta! Und man machte es eben, so gut man konnte. Das war zu allen Zeiten mal besser, mal schlechter. Natürlich gab es auch früher Moden. Babys wurden streng nach Plan gefüttert, dann wieder nach Gefühl. Die einen wogen ihr Kind jeden Tag und registrierten jedes zugenommene Gramm, während andere es eher locker nahmen. Stillen war nicht wirklich ein Debattenthema. Eltern fühlten sich offenbar meist imstande und in der Lage, ihre Kinder zu pflegen und zu erziehen.

Mozart hören oder chinesisch lernen

Was ist aus dieser natürlichen Kompetenz geworden? Eltern heute sind weniger überfordert, wie es gern heißt, als ängstlich. Die Flut der Ratgeber für jeden Aspekt kindlichen Lebens macht sie unsicher. Welche Windel? Welchen Kinderwagen? Welches Bett? Welchen Kindersitz? Wie wickeln? Eng oder locker? Zurzeit gibt es aus den Vereinigten Staaten einen Re-import uralter Festeinschnürung des Babys, das soll Schlaf- oder besser Einschlafprobleme lösen, das unruhige Baby buchstäblich stilllegen. Soll ich das Baby mit Mozart beschallen, die Zweijährigen Chinesisch lernen lassen? Früher hat man sich gesorgt, dass das Baby von der Wickelkommode fällt, heute quält manche Eltern der Gedanke, mit drei Jahren schon die falschen Weichen oder überhaupt keine Weichen gestellt zu haben. Ein verbreitet bräsiges: „So mach ich das eben!“ ist verschwunden.

„Hoppe, hoppe Reiter!“ hat früher jede Mutter mit ihrem Kind gespielt, auch Väter haben bei solchen Reimen mitgemacht. Keiner hat unseren Müttern und Großmüttern erklärt, wie pädagogisch wertvoll derlei Spielkram sei, schon gar nicht, welche Synapsen beim Reimen angestoßen werden, alle machten es. Viele Bücher mit Kinderreimen legen in allen Sprachen davon Zeugnis ab.

Heute indes kommen immer mehr Kinder in den Kindergarten, die gar nicht wissen, wie sich Reime anhören, denen nie ein Mensch vorgelesen, mit denen niemals jemand gesungen hat. Eltern, darüber klagen auch erfahrene Erzieherinnen, haben oft ein falsches Verständnis davon, was für ein Kleinkind gut ist. Viele Kinder haben bereits in jüngsten Jahren einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer, obwohl die Forschung längst erwiesen hat, dass Fernsehen den Spracherwerb verzögert und für Kinder bis zwei Jahre schädlich ist.

Ist ein Kind verlässlich gebunden, wird es auch gut schulisch lernen können

So gibt es in den Vereinigten Staaten einen riesigen Markt für Kleinkind-Videos, die „Baby Einstein“ heißen. Sie mögen ein grandioser elektronischer Babysitter sein, aber sie steigern, anders als die Werbung unterstellt, keineswegs die Intelligenz der Babys. Die Videos - simple Produktionen mit Musik, Puppen, bunten Farben und wenig Sprache - lassen die Kleinsten zwar fasziniert auf den Bildschirm starren, bringen aber für ihre Entwicklung so viel wie etwa die Teletubbies. Laut einer Studie aus dem Jahr 2003 hatten mindestens ein Drittel aller amerikanischen Babys zwischen sechs Monaten und zwei Jahren mindestens ein „Baby Einstein“-Video gesehen. Unlängst setzte sich eine Gruppe, die für eine werbefreie Kindheit kämpft, mit ihrem Feldzug gegen die angeblichen pädagogischen Qualitäten dieser Produkte durch und erreichte, dass jeder, der so ein Video seit 2004 besitzt, es zurückgeben kann und den Einkaufspreis erstattet bekommt.

Alle Eltern wollen kluge Kinder. Alle reden über Bildung und davon, dass ohne Bildung nichts mehr läuft, nur ist den jungen Eltern über all dem Hype für digitalen Schnickschnack der Sinn für das Allerwichtigste abhandengekommen. Babys brauchen Zuwendung, Bindung, Sprache, Reime, Verlässlichkeit. Ist ein Kind verlässlich gebunden, kann ihm nicht mehr viel passieren, dann wird es auch irgendwann gut schulisch lernen können. Aus der Babyforschung wissen wir, dass Babys natürliche Forscher sind, ihr ganzes Dasein ist darauf ausgerichtet, die Welt zu erforschen und jeden Tag ein bisschen besser zu verstehen. Dazu brauchen sie Betreuer mit Zeit und Armen und Beinen, keine Bildschirme, auf denen mit knalligen Farben irgendetwas abgeht.

Babys und kleine Kinder brauchen Körperkontakt und Blickkontakt; sie brauchen Bindung mit dem Herzen an die Mutter, den Vater, die Großmutter, auch die fremde Erzieherin oder Tagesmutter. Eltern fehlt das Zutrauen zu den ganz einfachen Grundvoraussetzungen, sie wollen viel mehr, als nötig ist, halten sich für altmodisch und nicht von dieser Zeit, wenn sie „Backe, backe Kuchen“ singen, statt Mozart zu hören.

Jede Blume, jedes Steinchen, jede leere Flasche ist eine Premiere

Die Babyforscherin Alison Gopnik von der Universität Berkeley erzählte unlängst, dass sie fünf Minuten zu ihrem Eckladen braucht. Macht sie aber diesen Ausflug mit einem Kleinkind, dann braucht sie für denselben Weg eine halbe Stunde. Nicht etwa weil das Kind so langsam geht, sondern weil es auf diesen 200 Metern die Welt entdeckt. Jede Blume, jedes Steinchen, jede leere Flasche am Wegesrand ist eine Premiere für das neugierige Kleinkind, das man in Ruhe forschen lässt. „Ich hatte keine Ahnung, was es auf diesem kurzen Weg alles zu entdecken gibt“, kommentierte die Psychologin amüsiert.

Nur wer sich mit seinem Kind ständig austauscht, es beobachtet in seiner Neugierde und mit seinen Nöten, wer sich die Zeit nimmt, auf dem Fußboden zu hocken, wird es befördern und emotional stabil machen. Strukturierte Bildung für Kleinkinder kann man getrost vergessen. „Wir brauchen zuerst eine Bindungsoffensive, auf die dann die Bildungsoffensive folgen könnte, denn bindungsgestörte Kinder lernen selbst bei bestem Bildungsangebot schlecht oder gar nicht“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Karl-Heinz Brisch. „Wenn Bindung vermarktbar wäre, wenn es sie ab morgen in Dosen im Supermarkt gäbe, dann würden die Leute das wahrscheinlich schon kaufen“, meint der Münchner Bindungsforscher. „Aber für die sichere Bindungsentwicklung“, so Brisch, „braucht es immer noch einen menschlichen Kontakt. Babys müssen ihre Eltern feinfühlig und emotional verfügbar erleben. Und diese Erfahrung ist weder über eine Pille noch über das Fernsehen zu vermitteln.“

In der Einladung zu einer Konferenz über kompetente Elternschaft hieß es: „Kinder finden ihren Weg in die Selbständigkeit nur mit verständnisvoller Begleitung ihrer Eltern.“ Es gibt auch heute noch Eltern, denen diese verständnisvolle Begleitung recht selbstverständlich ist, aber eine zunehmend große Gruppe von Eltern hat Angst, nichts richtig zu machen mit den neuen Kleinen. Angst lähmt und führt zu Fehlverhalten oder dazu, die Verantwortung auf andere abzuwälzen.

Das merken vor allem Erzieher und Lehrer immer mehr. „Nur gemeinsam mit den Eltern können wir das Ziel erreichen“, schrieb kürzlich eine erfahrene Erzieherin, „wir arbeiten familienergänzend, nicht familienersetzend - und doch ersetzen wir öfter die Familie, als uns lieb ist.“ Wie also schafft man kompetente Eltern? Die vielfältigen Therapieangebote für dysfunktionale Eltern, so wertvoll und erfolgreich sie auch sind, reichen wohl kaum. Zurück zu den Wurzeln also. Weg mit den Ratgebern! Das Baby in den Schlaf wiegen, Zeit haben, zuhören, beobachten und zugewandt sein.

Die Autorin ist Erziehungswissenschaftlerin und freie Journalistin

Quelle: F.A.S.
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