Home
http://www.faz.net/-gux-745a5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Erziehung Kinderkrippe – ja oder nein?

Schadet Fremdbetreuung kleinen Kindern, oder nützt sie? Es kommt auf die Qualität an, sagen Forscher. Die Mehrheit der Krippen erhält nur mäßige Noten.

© dpa Vergrößern Kinder in der Tagesstätte „Löwenzahn“ in Schwerin

Chancen und Risiken der frühen Fremdbetreuung werden leidenschaftlich diskutiert. Die Frage, ob kleine Kinder besser nur zu Hause betreut werden sollten oder genauso gut zusätzlich eine Krippe besuchen können, hat in einem Land, dessen einziger „Rohstoff“ die Bildung seiner Menschen ist, nicht nur private Bedeutung.

Uta Rasche Folgen:    

Die pädagogische Forschung über Vor- und Nachteile der Krippenbetreuung in Deutschland steht aber erst am Anfang. Im Wesentlichen werden dazu bisher die Ergebnisse internationaler Studien herangezogen, etwa die Untersuchung des amerikanischen National Institute of Child Health and Human Development (NICHD). Sie begleitet seit 1991 Kinder von der Geburt bis zum Ende der sechsten Schulklasse. Dabei zeigte sich, dass noch bei Zwölfjährigen eine qualitativ hochwertige Fremdbetreuung in Bezug stand zu einem besseren Gedächtnis und zu besseren Schulleistungen in Lesen und Mathematik. Bei unterdurchschnittlicher Betreuungsqualität waren Zusammenhänge mit geringeren sozialen Fertigkeiten und einer schlechteren Arbeitshaltung zu finden. Eine sehr viele Stunden umfassende frühe außerhäusige Betreuung korrelierte im Teenageralter auch mit vermehrten Konflikten mit Lehrern, Gleichaltrigen und den Eltern.

Die Mutter-Kind-Beziehung leidet nicht

Bei jüngeren Kindern zeigte sich, dass selbst eine längere Betreuungsdauer in guten Einrichtungen sich nicht negativ auf die Bindung zur Mutter auswirkte, wenn die Mutter empfindsam und sensibel auf die Bedürfnisse des Kindes reagierte. Kinder waren weniger sicher gebunden, wenn diese mütterlichen Eigenschaften schwach ausgeprägt waren und das jeweilige Kind zusätzlich in einer qualitativ schlechten Fremdbetreuung war - oder es sogar mehrere verschiedene Betreuungs-Arrangements gab. Entscheidend für die Mutter-Kind-Bindung ist demnach vor allem die Aufmerksamkeit, die die Mutter ihrem Kind entgegenbringt.

Kinderkrippe © dpa Vergrößern Mittagessen in der Krippe „Zwergenland“ in Staufen

Hans-Günther Roßbach, Professor für Elementar- und Familienpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, leitet aus dieser und anderen Studien die Empfehlung ab, Kinder unter einem Jahr nicht ganztägig außerhalb des Elternhauses zu betreuen. „Das ist mit zu hohen Risiken für die sozial-emotionale Entwicklung des Kindes verbunden“, sagt er. „Dafür besteht aber in Deutschland, anders als in den Vereinigten Staaten, durch das Elterngeld auch kaum Bedarf.“ Das Deutsche Jugendinstitut in München hatte in seiner AIDA-Studie (“Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“) herausgefunden, dass Eltern fast ausschließlich Kinder betreut wissen wollen, die älter sind als ein Jahr, und zumeist auch keine ganztägige Unterbringung wünschen.

Das Erzieherverhalten ist entscheidend

Für Kleinkinder nach dem ersten Geburtstag ist die Qualität der Krippe entscheidend - sowohl bezogen auf die Förderung ihrer kognitivem Fähigkeiten als auch auf ihr Sozialverhalten. Was aber macht eine gute Krippe aus? „In erster Linie ist es das einfühlsame Verhalten der Erzieherinnen“, sagt Roßbach. Darüber ist eine Umgebung vonnöten, die „Sicherheit und Vorhersagbarkeit“ vermittelt und in der „körperliche und seelische Bedürfnisse erwartbar erfüllt werden“. Für Kleinkinder brauche man keine speziellen Förderprogramme, sondern Zuwendung und Anregung im Alltag - „zum Beispiel beim Windelnwechseln, beim Essen und Spielen“.

Gerade für die Förderung der sprachlichen Fähigkeiten ist das Erzieherverhalten von großer Bedeutung: Die eigenen Aktivitäten wie die des Kindes ausdauernd mit Worten zu begleiten (und zwar in der Hochsprache, nicht in reduzierter Sprache) ist dafür entscheidend. „Gerade dieses Verhalten von Erzieherinnen finden wir aber zu selten“, sagt Roßbach.

Mäßige Noten für viele deutsche Krippen

Das Defizit in der empirischen Bildungsforschung im Bereich der Frühpädagogik sollte die „Nationale Untersuchung zu Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit“ (Nubbek) schließen helfen. Diese unter anderem vom Bundesfamilienministerium geförderte Studie sollte herausfinden, welche Betreuungsformen die kindliche Entwicklung am besten fördern. Die ausführlichen Ergebnisse sind noch unveröffentlicht. Doch der Mehrzahl der 403 untersuchten Kindertagesstätten und 164 Tagesmütter stellt die Studie schon in ihrer Kurzfassung ein mäßiges Zeugnis aus: Mehr als 80 Prozent der Betreuungseinrichtungen weisen nur eine mittlere Qualität auf. Gute pädagogische Arbeit wurde in weniger als zehn Prozent geleistet, schlechte in mehr als zehn Prozent. Die bildungsbezogenen Aktivitäten waren in mehr als der Hälfte der Einrichtungen unzureichend. In Westdeutschland war die Qualität höher als in Ostdeutschland, in altershomogenen Gruppen war sie höher als in altersgemischten Gruppen. Tagesmütter schnitten nicht schlechter ab als Kindergärten. Kinder aus Migrantenfamilien profitierten beim Spracherwerb. Enttäuscht stellten die Forscher jedoch insgesamt fest, dass „die vielfältigen Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung und zur Stärkung der Bildungsfunktion von Kitas offenbar kaum Früchte getragen“ haben.

Kinderkrippe in Freiburg © dpa Vergrößern In der Krippe haben die Kinder viel Kontakt zu Gleichaltrigen.

Roßbach, der selbst das Nationale Bildungspanel über „Bildungsverläufe in Deutschland“ leitet, empfiehlt, dass bei Kindern unter drei Jahren eine Gruppe nicht mehr als fünf Kinder umfassen sollte: „Nur so bleibt das Sprachangebot günstig.“ In den in Deutschland vorherrschenden altersgemischten Gruppen sollten zu bestimmten Zeiten die gleichaltrigen Kinder gemeinsam gefördert werden. Träger von Kindergärten müssten noch stärker als bisher, etwa durch videounterstütztes Training der Erzieherinnen, die Qualität der pädagogischen Arbeit verbessern. Eltern rät er, sich bei der Frage nach Chancen und Risiken des Krippenbesuchs zu entspannen: „Auch bei einer vielstündigen Betreuung bleibt die Familie immer die wichtigste Sozialisationsinstanz.“ Der Einfluss der Eltern sei in jeder Betreuungskonstellation der stärkste. „Für Unterschiede in der kindlichen Entwicklung sind Unterschiede zwischen den Familien zwei- bis dreimal so bedeutsam wie die Kindertagesstätte.“

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Deutsche und amerikanische Unis Wo Abgründe klaffen

Die Einladung an die Eltern, den Campus zu besuchen, ist in den Vereinigten Staaten gang und gäbe. Doch das ist sicher nicht der gravierendste Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Universitäten. Mehr Von Mark Roche

23.10.2014, 05:00 Uhr | Beruf-Chance
Mit Delfinen schwimmen

Im National-Aquarium der kubanischen Hauptstadt Havanna unterstützen Delfine behinderte Kinder dabei, ihre Sozialkompetenzen zu verbessern und vermitteln unvergessliche Sinneseindrücke. Mehr

06.08.2014, 12:36 Uhr | Gesellschaft
Biograph Reiner Stach Was für ein Kind war Kafka?

Franz Kafkas Kindheit fand ohne Freunde statt und wurde von den permanenten Drohungen des Vaters begleitet. Wie münzte Kafka seine schwierige Kindheit in literarische Stärke um? Mehr

10.10.2014, 13:08 Uhr | Feuilleton
Steinmeier wirbt in Ukraine für nationalen Dialog

In Kiew traf sich Steinmeier am Dienstag mit dem ukrainischen Ministerpräsidenten Jazenjuk. Steinmeier hofft, dass ein nationaler Dialog in Gang gesetzt werden kann, der dazu führt, dass besetzte Gebäude im Osten des Landes zurückgegeben und illegale Gruppen entwaffnet werden können. Mehr

13.05.2014, 14:05 Uhr | Politik
Eizellspende Der Trend geht zur Perfektion

Wo Eizellen gespendet werden dürfen wie in New York, war den künftigen Eltern bislang vor allem eines wichtig: dass ihnen ihre Kindern ähnlich sehen. Eine neue Studie zeigt, dass heute die Spenderinnen von Eizellen deutlich mehr mitbringen müssen. Mehr Von Joachim Müller-Jung

21.10.2014, 16:13 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.12.2012, 12:22 Uhr