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Erwachsen werden Die Alleswoller

13.09.2009 ·  Die Perfektionisten um die 30 halten die Summe ihrer Leistungen für das Glück. Sie sind gut ausgebildet, flexibel und kommen einfach nicht zur Ruhe. Man strebt nach Einzigartigkeit - und lässt sich von den Vorgaben der Perfektionisten-Community versklaven. Das zehrt an Körper, Geist und Seele.

Von Florentine Fritzen
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Wir sind noch nicht alt und suchen das Glück. Leider haben wir keine Ahnung, wo es sich versteckt. Deshalb gehen wir auf unserer Suche systematisch vor: Wir bemühen uns einfach, überall perfekt zu sein, und hoffen, dass sich das Glück dann von selbst einstellt. Wir rackern uns ab für unseren Traumberuf und versuchen, unseren Partner zu einem Traumpartner umzuerziehen.

In unserer Traumwohnung kochen wir für unsere Freunde, für die wir natürlich immer jede Menge Zeit haben; nebenbei sparen wir aufs Traumhaus. Wir organisieren unsere Traumhochzeit und planen Traumreisen, auf denen wir so richtig entspannen wollen. Im Alltag entschleunigen wir uns in der kleinen, nicht allzu esoterischen Yogaschule um die Ecke. Selbstverständlich sind wir bemüht, bei all dem Stress eine Traumfigur zu behalten. Und am besten krönen wir das Ganze demnächst mit dem süßesten Baby der Welt.

Unser Leben verstehen wir als Coupon. Obendrauf steht „Das perfekte Leben“. Jeder von uns hat schon ein paar Coupon-Märkchen beisammen, und wir bilden uns ein, dass jedes einzelne dieser Märkchen uns dem Glück ein Stück näher bringt. Warum sonst würden wir uns so abstrampeln? Das Glück ist für uns gleichbedeutend mit der Ruhe, die wir in dem Moment vermuten, in dem der Coupon voll ist. Endlich wieder ruhig zu sein erscheint uns als das höchste Gut, weil wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr ruhig gewesen sind - zuletzt, als wir noch Kinder waren und bei unseren Eltern wohnten. Wir sehnen uns danach, irgendwann einmal nicht mehr das Nächste erreichen zu müssen, hinter dem schon wieder das Übernächste lauert. Aber vorerst haben wir einfach noch zu viele Probleme in dieser Phase, die wir tapfer die „Rushhour des Lebens“ nennen, damit die Sache wenigstens gut klingt.

Gelernt, immer alle Optionen offenzuhalten

Paradoxerweise haben wir unsere Unruhe zugleich liebgewonnen. In unserer Gesellschaft müssen die Akademiker erst in den Jahren um die 30 langsam erwachsen werden; das hinterlässt Spuren. Wir Perfektionisten sind fast ausnahmslos Akademiker, und so dürfen wir uns ziemlich lange noch richtig schön klein fühlen. Das ist ein gutes Gefühl, denn es bedeutet, dass uns noch Möglichkeiten offenstehen: Wer sich noch nie völlig auf einen Menschen, einen Ort, einen Beruf, eine Lebensform eingelassen hat, läuft weniger Gefahr, etwas zu verlieren.

Im Studium haben wir uns daran gewöhnt, mehrgleisig zu fahren. Deshalb macht es uns jetzt Angst, dass sich immer mehr Möglichkeitsfenster schließen. Schließlich sind wir eine Generation, die gelernt hat, sich immer alle Optionen offenzuhalten. Jeder lobte und bewunderte uns für unser Doppelstudium, unsere Praktika in verschiedenen Branchen und Ländern. Dass auch unsere Beziehungen letztlich unverbindlich blieben, gehörte mit Mitte 20 zu unserem Lebensstil. Jetzt müssen wir immer mehr große und wichtige Entscheidungen treffen. Und das ist nicht gerade unsere Stärke.

Manche von uns haben ihren Namen schon unter ein Papier gesetzt, in dem der sehr krasse Satz steht: „Dieser Vertrag endet, wenn der Arbeitnehmer das gesetzliche Rentenalter erreicht.“ Andere haben vielleicht vor einem Altar den einschneidenden Satz gesagt: „Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens.“ Und auch wenn manche von uns jetzt in der Wirtschaftskrise schon wieder um ihren Job bangen oder gerade in die erste Ehekrise schlittern, sind wir doch heilfroh über unsere Sammelmärkchen. Denn allmählich verwandeln sich vor den strengen Augen unserer Perfektionisten-Community all jene Menschen in tragische Fälle, die mit 30 noch immer alle paar Wochen den Partner wechseln oder sich von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangeln.

Keine Abstriche, aus Angst etwas zu verpassen

Schwer fällt uns der Abschied von der Jugend trotzdem. Weil wir erst so spät erwachsen werden müssen, erleben wir das Erwachsenwerden als bewussten Prozess. Und weil wir schrecklich verkopft sind, vollzieht sich dieser Prozess in endlosen Gedankenspielen, in denen die meisten Sätze im Konjunktiv stehen. Dass wir uns so ungern entscheiden, hängt damit zusammen, dass wir in einer Art kindlicher Hybris alles vom Leben wollen und dieses „alles“ mit dem Glück verwechseln. Wir suchen das ideale Gleichgewicht zwischen Arbeit und Entspannung, Beziehung und Selbstverwirklichung, zwischen Kind und Karriere, Familie und Zweisamkeit. Wir machen keine Abstriche - aus Furcht, dass genau dort, wo wir nicht 100 Prozent investieren, das Glück verborgen liegt, das wir dann verpassen.

Zu unseren Gunsten muss man sagen, dass wir es auch nicht gerade leicht haben. Früher hatte ein Mann perfekt im Beruf zu sein und eine Frau perfekt im Haushalt. Heute müssen alle überall perfekt sein. Zumindest glauben wir das. Wir sollen, egal ob Mann oder Frau, „hard skills“ haben und „soft skills“. Wir versuchen ohne Unterlass, dem gerecht zu werden. Wie sehr wir uns dabei selbst aufreiben, unterschätzen wir oft, weil wir uns für unendlich leistungsfähig halten. Schließlich hat bisher auch immer alles geklappt.

Unser Programm wächst und wächst. Und die Anforderungen sind gigantisch. Uns soll der Beruf nicht nur Geld einbringen, sondern auch Status und Erfüllung. Dasselbe gilt für unseren Partner: Eine Beziehung soll nicht einfach funktionieren. Sie soll - nach außen - etwas darstellen und - nach innen - glücklich machen. Unser Kind soll nicht bloß geboren werden und eine möglichst schöne Kindheit haben, sondern es soll hübsch sein und klug und alle, aber auch wirklich alle Möglichkeiten bekommen. Und es soll nicht zu oft zu einer Tagesmutter abgeschoben werden, während wir aber andererseits unsere Stundenzahl im Beruf möglichst nicht reduzieren wollen. Für jemanden, der Kompromisse hasst, wird es an dieser Stelle langsam eng.

Wir sind ganz schön bürgerlich. Dazu gehört, dass wir peinlich auf feine Unterschiede achten: So wie wir mit unseren Freunden über Reihenendhäuser spotten, so blicken wir auch auf Menschen mit „Nine-to-five-Jobs“ herab. Obwohl wir das einfache Leben manchmal verklären, wissen wir, dass dieses einfache Leben nicht unser Leben sein kann. Wir sind gut ausgebildet und haben das, was man einen breiten Horizont nennt. Leider haben wir alle auch mindestens eine kleine bis mittlere Psychomacke, aber die lässt sich mit Fußreflexzonenmassage oder Tae Bo prima in Schach halten. Doch während wir dafür schuften, möglichst einzigartig zu sein, merken wir nicht, dass wir auf genau dieselbe Weise individuell sein wollen wie alle unsere Freunde.

Gut ausgebildet und mit kleiner bis mittlerer Psychomacke

Es ist schon erstaunlich, wie sehr wir uns von den Vorgaben unserer Perfektionisten-Community versklaven lassen. In diese Gemeinschaft der Alleswoller haben wir uns schließlich freiwillig begeben. Wir spielen mit, weil wir wissen, dass wir gut sind, und weil wir Spaß daran haben, uns mit anderen zu messen. Wir sind in einer Lebensphase, in der wir glauben, besonders viel erreichen zu müssen. Das Gute ist, dass wir uns ganz darauf konzentrieren können, Leistung zu erbringen. Denn einerseits haben wir uns inzwischen immerhin so weit stabilisiert, dass Selbstfindungsexzesse unsere Kräfte nicht mehr so stark binden wie vor zehn Jahren. Andererseits hat sich unser Leben mit plus minus 30 noch nicht so verstetigt, dass wir nicht mehr flexibel wären. Wir können jederzeit Geschäftspartner in Hamburg, München, Berlin treffen. Wenn es uns überkommt, können wir auch unheimlich spontan ein Hotelzimmer auf Zypern buchen. Wer noch kein Kind hat, trägt nur für sich selbst Verantwortung. Der Partner hat schließlich sein eigenes Gehalt und sein eigenes Konto.

Weil wir glauben, dass wir uns ganz schön viel zumuten können, fühlen wir auch wenig Verantwortung für unser eigenes Wohlergehen. Dabei zehrt unser Perfektionismus an Körper, Geist und Seele. Aber wir wollen ausprobieren, wie weit wir gehen können. Dann merken wir, dass es immer weiter geht und dass wir immer mehr schaffen können. Das Glück scheint immer näher zu rücken. Das macht süchtig. Wir stacheln uns gegenseitig an, indem wir alle so gut sind und unser Leben so hervorragend meistern, zumindest dem Anschein nach.

Wir sind so beschäftigt, dass wir uns nur selten fragen, ob sich das Glück überhaupt steuern lässt. Dass es eine gute Portion Glück braucht, um das Glück zu finden, verstehen wir wahrscheinlich nur dann, wenn es uns eines Tages findet. Nicht umsonst ist die Geburt des ersten Kindes für viele Perfektionisten der Zeitpunkt, an dem sie anfangen zu begreifen, worum es geht. Die Märkchen auf unserem Coupon sahen vorher alle gleich aus. Erscheint aber irgendwann ein Mensch, wegen dessen bloßer Existenz alles andere fortan weniger wichtig ist, so trägt dieser Mensch einen Namen. Diesen Namen.

Finden wir das Glück nicht, werden wir noch eine Weile so weitermachen. Aber irgendwann wird unser Perfektionismus sogar uns selbst zu anstrengend. Oder wir klappen eines Tages zusammen. Oder wir starren auf unseren Coupon, auf dem wir alle Märkchen beisammenhaben, und stellen fest, dass wir trotzdem nicht glücklich sind. Dann werden wir vielleicht aufhören, nach dem Glück zu suchen. Und möglicherweise ein ganz zufriedenes Leben führen.

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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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