29.07.2008 · Früher war das Kinderkriegen ein Erlebnis. Inzwischen ist es ein Event. Stets haben wir Angst, etwas zu verpassen. Das liegt auch am Angebot: Immer auf der Suche nach neuen Reizen, kommt uns das Konsumangebot von Babymesse bis Baby-Blog gerade recht.
Von Florentine FritzenAls wir Kinder waren, war das Elternsein noch nicht so kompliziert. Wenn wir auf Familienfesten müde wurden, legten uns unsere Mütter und Väter in einen Korb im Nebenzimmer. Obwohl das Babyphon noch nicht erfunden war, starben wir dort nicht am plötzlichen Kindstod, und wenn wir brüllten, hörte uns eigentlich immer jemand.
Tagsüber spielten wir mit unseren Geschwistern, und wenn wir noch keine hatten, dann spielten wir eben allein oder mit Erwachsenen. Obwohl wir nicht in einer Pekip-Gruppe Sozialverhalten lernten, fanden wir im Kindergarten Anschluss. Unsere Eltern fütterten uns mit Brei aus Hipp-Gläschen. Hokkaido-Kürbis kochten sie uns nie. Trotzdem fühlten wir uns von ihnen geliebt.
Jetzt sind wir um die dreißig, und viele von uns bekommen selbst Kinder. Andere warten lieber noch ein paar Jahre, weil das Elternwerden heutzutage so viel Mut und Aufwand erfordert. Nachzulesen ist das in Eltern-Zeitschriften, die unsere Mütter höchstens im Wartezimmer beim Frauenarzt durchblätterten. Vor allem aber ist es von Eingeweihten zu erfahren, die solche Zeitschriften abonniert haben: Sie haben sich schon an das Projekt Kind herangewagt.
Wir sind schrecklich unsicher
Die Vorbereitung beginnt demnach lange vor der Geburt. Wer erwägt, die Pille abzusetzen, schluckt fortan Folsäure. In der Schwangerschaft wird dann bei vielen Tassen Himbeerblättertee (macht die Wehen erträglicher) mit Freundinnen darüber diskutiert, welche Eigenschaft der Periduralanästhesie schwerer ins Gewicht falle: dass sie den Geburtsschmerz lindere oder dass sie das Geburtserlebnis mindere. Auch unsere Mütter ahnten, dass eine Geburt weh tut. Sie hofften, dass sie nicht allzu weh tun würde.
Für unsere Eltern war das Kinderkriegen ein Erlebnis. Inzwischen ist es ein Event. Das liegt auch am Angebot: Als das Stillkissen noch nicht erfunden war, fütterten Frauen ihre Kinder auf dem Sofa. Als es noch keine Babyschalen gab, transportierten Väter ihre Säuglinge in einem Körbchen vom Krankenhaus nach Hause. Dass aber das Angebot so sehr gewachsen ist, liegt an unserer merkwürdigen Generation.
Wir bekommen nicht zu früh Kinder, weil wir Angst haben, sonst etwas zu verpassen. Später bekommen wir dann doch noch genau eins, weil wir Angst haben, sonst etwas zu verpassen. Und weil wir immer auf der Suche nach neuen Reizen sind, kommt uns das Konsumangebot von Babymesse bis Baby-Blog gerade recht.
Vor allem aber sind wir schrecklich unsicher. Uns beherrscht die Furcht, Fehler zu machen. Deshalb verlassen wir uns nicht auf unsere Instinkte, sondern auf die Weistümer der monatlich erscheinenden, sich stets fortschreibenden Schwangerschafts-, Geburts- und Babyliteratur. Wir machen alle Baby-Moden mit, auch wenn wir selbst über manche lächeln. Denn wer weiß, was wir und unser Kind möglicherweise verpassen könnten ohne die Nähe, die beim Baby-Shiatsu zwischen Eltern und Säugling entsteht. Wir wollen uns später keine Vorwürfe machen müssen.
Irgendwann fehlt nur noch das perfekte Kind
Dazu kommt, dass wir nicht mehr die Allerjüngsten sind und gelernt haben, dass das Leben nicht so einfach ist. Auch eine Hochzeit will ja heute akribisch geplant sein und eine Karriere erst recht. Wir sind Perfektionisten. Wir wollen den perfekten Job, die perfekte Wohnung, die perfekte Beziehung. Wir fühlen uns unter der Woche gern extrem erfolgreich und am Wochenende dann extrem entspannt. Da treffen wir Freunde zum Brunch, schwitzen im Fitnessstudio oder in der Sauna, und abends kochen wir gemütlich zu zweit. Irgendwann fehlt nur noch das perfekte Kind - auch wegen der emotionalen Erfüllung, von der wir immer so viel hören und lesen.
Dieses Kind soll später einmal alle Möglichkeiten haben. Deshalb würden wir, wenn wir in Jena arbeiten, möglichst nicht dort entbinden, damit das Baby in späteren Vorstellungsgesprächen nicht nach seiner Ossi-Herkunft gefragt wird. Weimar wäre noch okay wegen der Klassik, aber sicherheitshalber würden wir wahrscheinlich rechtzeitig zu unseren Eltern nach Hamburg oder in den Taunus fahren und dort ins Geburtshaus gehen. Unmittelbar nach der Geburt legen wir dann Stammzellen auf die Nabelschnurblutbank und Geld auf ein Ausbildungskonto.
Blutige Fotos im Geburtsvorbereitungskurs
In vielem sind die Unterschiede zum Verhalten unserer Eltern nur eine Frage der Intensität. Auch unsere Mütter hielten Nikotin, Koffein und Alkohol in der Schwangerschaft für grundsätzlich tabu. Aber ein Stück Rumkuchen hätten sie ohne Bedenken gegessen. Selbstverständlich gingen auch sie zur Schwangerschaftsgymnastik. Sie besuchten aber keinen Stillkurs, und unsere Väter mussten auch nicht in einem Geburtsvorbereitungskurs anhand von blutigen Fotos lernen, was da auf sie zukam. Vielleicht waren sie im Nachhinein ganz froh, dass sie das vorher nicht so genau gewusst hatten.
Manchmal fragen wir uns ja selbst, ob unsere Kinder - wenn wir denn überhaupt den Mut aufbringen, welche zu kriegen, - später einmal normal werden oder genauso sonderbar wie wir. Das beruhigt uns dann wieder: Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, ob man als Baby auf einem Öko-Lammfell eingeschlafen ist oder in einem Gitterbett aus Plastik.
Florentine Fritzen Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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