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Ein Schuljahr weniger Wie man aus Kindern Manager macht

10.09.2007 ·  Frontalunterricht und Selektionsdruck nehmen zu. Freizeit gibt es kaum noch. Eltern verlangen verstärkt Antibiotika für ihre Kinder, um Fehlzeiten abzukürzen. Hannes Hintermeier berichtet, was die neuerdings acht Jahre lange Gymnasialzeit mit den Schülern macht.

Von Hannes Hintermeier
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Wenn sie am Montag nach acht Schulstunden gegen sechzehn Uhr nach Hause kommen, landet der bleischwere Schulranzen dort, wo er hingehört: neben dem Schreibtisch. Denn dann geht es an die Hausaufgaben, und zwar in drei Hauptfächern. Darüber vergehen noch einmal zwei Stunden. Dann ist Feierband. Privater Musikunterricht, Fußballtraining, Schwimmbad - alles längst abgesagt oder gleich ganz gestrichen. So geht die Woche hin, dreimal am Nachmittag Unterricht, zweiunddreißig Wochenstunden. Die Rede ist von Elfjährigen, Sechstklässler an einem ganz normalen deutschen Gymnasium. Oder sagen wir: an einem ehemals normalen Gymnasium.

Die Kinder sind der erste Jahrgang, den die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G 8) ereilt hat. Wenn sie 2014 Abitur schreiben, werden sie endlich Zeit haben, darüber nachzudenken, was denn das nun gewesen sein soll? Eingesperrt in ein Korsett, das ihnen regelmäßig Zwölfstundentage aufnötigte, der schmale Rest an Kindheit, der noch für sie vorgesehen war, geopfert. Leere Nachmittage, Muße, Sport, Musik, Spiel mit Freunden - Luxus längst vergangener Tage.

Neu: das Wortungetüm „Epochalunterricht“

Dafür haben sie gelernt, sich zu organisieren. Sind lauter kleine Filofaxe und Blackberrys geworden, den Terminplaner im Kopf, das Handy am Ohr. Sind Statisten einer Regieanweisung, die sich der Staat im Deckmantel der Fürsorge für sie ausgedacht hat: Weil er sich gern in alles einmischt, was ihn nichts angeht. Das Jahr Lebenszeit, das Jahr Kindheit musste in Hessen - wie in den meisten anderen Bundesländern - als Symbolpreis bezahlt werden, um den Pisa-Schock mit Aktionismus zu dämpfen. Die hessische Kultusministerin schlägt zur Begründung verbale Purzelbäume am laufenden Band.

So gibt es nun das Wortungetüm „Epochalunterricht“, wohinter sich aber nichts Historisches verbirgt, sondern der fragwürdige Umstand, dass man Nebenfächer in Halbjahreshappen unterrichtet: So haben die sechsten Klassen beispielsweise im ersten Halbjahr Erdkunde und Physik, im zweiten Geschichte und Biologie. Leistung gilt wieder etwas, spricht die Ministerin. Ihre „Unterrichtsgarantie plus“ führt dazu, dass offiziell keine Stunden mehr ausfallen - die Schüler machen Hausaufgaben oder werden von Aushilfskräften mit Filmen ruhiggestellt.

Der Familie traut man wohl nichts mehr zu

Das ist die Einführung der Ganztagsschule über die Hintertür, wobei die Betonung auf dem ganzen Tag und nicht auf dem ganzen Kind liegt. Dass zur Herausbildung einer Persönlichkeit mehr zählt, als Schule leisten kann, dass die freie Entfaltung des Geistes durch musische, sportliche, handwerkliche Zugaben befördert wird, ist eine Binse. Es ist schon eine merkwürdige Vorstellung, wenn Bildungspolitiker glauben, mittels der Formung von internetgeübten Power-Point-Robotern, die im Alter von zehn Jahren beginnen, ein Erwachsenenleben zu führen, der internationalen Konkurrenz begegnen zu können. Aber die staatliche Anmaßung im Namen einer nachgeholten Bildungsinitiative - die anderen Länder machen es doch auch! Schauen Sie mal nach China! - zielt im Kern auf nichts weniger als auf die Zermürbung der letzten intakten Familienstrukturen. Ausgerechnet der Familie traut man scheinbar nichts mehr zu; ausgerechnet der sozialen Organisationsform, der dieses Land gerade in der globalisierten Wirtschaft jede Menge mittelständische Weltmarktführer zu verdanken hat.

Jetzt, viel zu spät, sind die Eltern aufgewacht. Aber das Wehklagen hilft nicht. In dem endlosen föderalen Stimmengewirr, das sich Bildungspolitik nennt, haben sie eben Pech gehabt - und sind in einer instabilen Reformphase gelandet. Immerhin gilt der Leistungsgedanke auch für Eltern, besonders im Fach „Zeit- und Facilitymanagement“.

Frontalunterricht, Selektionsdruck, Erschöpfung

Spontane Verabredungen mit Nachbarskindern sind die Ausnahme, Kindergeburtstage bedürfen sorgfältiger Absprachen, das gesamte Schuljahr muss akribisch durchgeplant werden. Darunter leiden auch die Musikschulen, die jene Ausbildung anbieten, die der Staat in musischen Fächern marginalisiert hat. Vor dem späten Nachmittag kann kein Unterricht mehr stattfinden; für Mittelstufenkinder ist es keine Seltenheit, um sieben oder acht Uhr abends zur Musikstunde anzutreten. Kinderärzte berichten, dass Eltern verstärkt Antibiotika für die Kinder verlangen, um Fehlzeiten abzukürzen. Immer mehr Schulkinder klagen über Erschöpfungszustände.

Die Lehrer sehen das Elend, sind aber den Weisungen ihres Dienstherrn verpflichtet. Sie unterrichten teilweise mit Büchern, die für das neunjährige Gymnasium entwickelt wurden; im laufenden Schulbetrieb werden Lehrwerke ausgewechselt, was zu erneuter allseitiger Verunsicherung führt. Die Lehrpläne wurden in manchen Fächern entschlackt, aber nicht in allen. Der Frontalunterricht nimmt tendenziell zu, der Selektionsdruck sowieso.

Die Schulen sind in einer misslichen Lage: sie haben sich in Baustellen verwandelt. Aufenthaltsräume, Mensen und Cafeterien müssen nachgerüstet werden. Bei einer Mittagspause von fünfundvierzig Minuten kommt es einer Meisterleistung gleich, ganze Schüler-Hundertschaften abzufüttern. Das Essen kann man im Internet vorbestellen, Abbuchung bei Ausgabe per Chipkarte. Schöne neue Schulwelt: Eine leistungsorientierte Schulleitung ließ der Elternschaft unlängst bei einem Elternabend mitteilen, man befinde sich unzweifelhaft inmitten einer Entwicklung hin zur Ganztagsschule - genau das, was die versammelten Eltern nicht wollten, als sie ihre Kinder dorthin schickten.

Quelle: F.A.Z., 10.09.2007, Nr. 210 / Seite 41
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Jahrgang 1961, Redakteur im Feuilleton.

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