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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die neue „Arche“ Und Lutz landet im Polsterhaufen

 ·  Das Kinderprojekt in Meißen hilft Kindern nicht nur bei den Hausarbeiten. Das Konzept der „Arche“ lautet vielmehr: „Wir betreuen nicht die Kinder, wir leben mit ihnen“.

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Gleich hinter der Eingangstür liegt ein Berg Schuhe, daneben steht ein Wäschekorb voller Socken. Durch die „Arche“ in Meißen läuft man nicht in Schuhen. Da flitzt man auf Socken durchs Haus, nach oben direkt in das Hausaufgabenzimmer (dorthin allerdings etwas verhaltener), oder nach nebenan in den Computerraum. Oder in den Toberaum im Keller des Neubaus, der gesperrt ist, weil sich Schwarzschimmel gebildet hat, so dass dort Tag und Nacht ein Trocknungsgerät brummt - den Svenja, zehn Jahre alt, und der zwölf Jahre alte Lutz dennoch zeigen wollen, weil der Raum wichtig ist im Leben der Kinder. Die Wände und der Fußboden sind mit bunten Schaumstoffmatten gepolstert. Den Kindern ist die Gummizellen-Anmutung egal. Kissen und Schaumstoffquader fliegen durch die Luft, und Lutz landet bald in dem Polsterhaufen.

Im Partyraum übt Thomas, der Chef des Hauses, ein Weihnachtsstück ein. Moritz turnt dabei auf seinem Stuhl herum und purzelt schließlich kopfüber auf den Fußboden. Einerseits möchte er ja an der Aufführung mitwirken, andererseits geniert er sich vor den anderen. Theater ist doch nichts für starke Kerle, meint er. Nach etwa einer halben Stunde gibt er ganz auf. Auch für die anderen ist so ein Krippenspiel eine Herausforderung. Sie kämpfen mit dem Text auf ihren Blättern. Das Lesen ist mühsam, das Aufsagen noch mehr. Thomas streicht immer wieder Sätze raus, lässt ganze Passagen wegfallen. Statt vieler Worte wird es Gesten geben.

Prekären Lebenssituationen

Am 4. November wurde die Arche in Meißen eröffnet. Sie ist das fünfzehnte Haus des Kinderprojekts Arche in Deutschland. Warum gerade Meißen? Der idyllische Ort in der Nähe von Dresden zwischen der Albrechtsburg auf der einen Seite der Elbe und den Weinbergen auf der anderen Seite ist ein touristischer Anziehungspunkt. Da vermutet man kaum Kinder in prekären Lebenssituationen.

Der Gründer des Projekts, Bernd Siggelkow, hat es anders erlebt. 2001, bei der Jahrhundertflut, war er, damals noch Pastor der Heilsarmee, nach Meißen gekommen und hat warme Getränke und Essen für die Flutopfer ausgeteilt. Da fielen ihm die Kinder auf, die im Triebischtal hinter der berühmten Porzellanmanufaktur in schwierigen sozialen Verhältnissen leben. Er schloss sie ins Herz und behielt sie dort. Immer wieder ist er nach Meißen zurückgekehrt. Dennoch hat es zehn Jahre gedauert, bis in Meißen eine Arche eröffnet wurde. „Es war dafür einfach kein Geld da.“

Das Kinderprojekt Arche lebt nämlich ausschließlich von Spenden, von vielen kleinen Einzelspenden und von größeren aus der Wirtschaft. So hat die Kinderstiftung von McDonald’s das Haus in Meißen gebaut und bezahlt. „Das ist kein mildtätiges Loskaufen aus sozialer Verantwortung“, sagt Thomas Defke, der Leiter der Meißener Arche. Die Wirtschaft müsse selbst daran interessiert sein, dass es den Kindern gut gehe, schließlich brauche sie später qualifizierte Fachkräfte. Siggelkow erinnert an eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, nach der 20 Prozent der Fünfzehnjährigen „funktionale Analphabeten“ seien. Auch das will die Arche durch Hilfe bei den Hausarbeiten bekämpfen. Wenn es Not tut, wird auch Nachhilfe gegeben. Die Abhängigkeit vom Spendenaufkommen macht manches langsam. Sie bietet aber auch die Unabhängigkeit, das zu tun, was als notwendig erkannt wird.

„Wir betreuen nicht die Kinder, wir leben mit ihnen“, sagt Defke über das Konzept. Es ist umfassend und einfach. Die Devise: „Kinder stark machen“. Sie gilt für die Schule wie für das Leben. Das sind viele kleine Schritte, die schon beim Eintritt in das Haus beginnen, das von 12 bis 18 Uhr für alle Sechs- bis Zwölfjährigen offen ist. Wer sich seiner Schuhe entledigt hat, begrüßt erst einmal die Mitarbeiter, und wer das Haus verlässt, verabschiedet sich. Somit wissen die Mitarbeiter immer, wie viele Kinder im Haus sind, und zugleich werden die Kinder an ganz normale Umgangsformen gewöhnt, die für viele nicht selbstverständlich sind.

An Verantwortung beteiligt

In jedem Zimmer, in dem sich Kinder aufhalten, ist immer auch ein Erwachsener, ein freiwilliger Helfer oder einer der drei hauptamtlichen Sozialpädagogen. Sie greifen ein, wo sie gebraucht werden. Der Umgang ist vertrauensvoll, familiär. Auch während eines Gesprächs schmiegt sich der sechs Jahre alte Tom an Anna an, die Sozialpädagogin. Zart streicht er ihr über den Rücken und den Arm. Sie nimmt ihn kurz in den Arm, drückt ihn an sich, und schon ist er wieder weg.

Die Kinder haben sich selbst Regeln gegeben und achten darauf, dass sie eingehalten werden. So dürfen zum Beispiel keine Schimpfworte gebraucht werden, vor allem nicht die ganz bösen. Wer es dennoch tut, der wird zuerst mit der gelben Karte verwarnt. Wer nicht aufhört, muss gehen und hat für diesen Tag Hausverbot. Am nächsten Tag darf er wiederkommen. Das ist wirklich eine Strafe. Da ist die Blamage vor den anderen wegen des Rauswurfs. Und der Ärger, draußen zu stehen, während man doch lieber drin wäre. Es gibt auch Gesprächsrunden zum Beispiel über Respekt oder Verzeihen. Dann reden die Kinder selbst.

Da scheint dann auch das christliche Grundverständnis der Arche auf. Die Häuser sind zwar für alle offen, es wird auch nicht missioniert, aber einige religionsübergreifende Grundhaltungen werden eingeübt. Die Arche ist keiner Kirche oder christlichen Organisation zugeordnet. Mit der Heilsarmee, die zu Anfang in Meißen die Räume zur Verfügung gestellt hat, gibt es nur eine freundschaftliche Verbindung durch den Arche-Gründer Siggelkow. Das Kinderprojekt hat sich in das Diakonische Werk eingegliedert. Es profitiert von dessen Reputation und unterstellt sich dessen wirtschaftlicher Kontrolle. Deshalb verzichtet man auf das Spendensiegel, was noch einmal Geld gekostet hätte.

Selbst an der Verantwortung für das Haus werden die Kinder beteiligt. Bevor um 18 Uhr geschlossen wird, beginnen sie aufzuräumen, die Stühle hochzustellen und den Besen zu schwingen. Richtig putzen müssen am Vormittag die Hauptamtlichen. Für die Hilfsarbeiten werden „Jobs“ verteilt, die mit „Arche-Dollars“ entlohnt werden. Mit diesem Geld kann man tatsächlich etwas erwerben, zum Beispiel Süßigkeiten oder bei regelmäßigen Auktionen sogar einen MP3-Player. So lernt man, Arbeit wertzuschätzen und den Umgang mit Geld einzuüben.

Die Tätigkeit der Arche beschränkt sich aber nicht nur auf die eigenen Häuser. Wenn im Kontakt mit den Kindern offenbar wird, dass es zu Hause besondere Schwierigkeiten gibt, suchen die hauptamtlichen Mitarbeiter das Gespräch mit den Eltern und bieten Hilfe an. Zwei Schulen in Meißen, eine Mittelschule und eine Grundschule, versorgt die Arche auch mit einem gesunden Frühstück für alle Schüler.

Die Aufgaben und Herausforderungen reißen nicht ab. Mit dem Älterwerden der Kinder wird auch die Meißener Arche wachsen. Ideen für Ferienprogramme und Angebote am Wochenende haben die Hauptamtlichen schon. Erste Gespräche werden auch in Dresden geführt. Dort gibt es viele Kinder, aber noch keine Arche.

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent in Sachsen.

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