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Die neue „Arche“ Und Lutz landet im Polsterhaufen

Das Kinderprojekt in Meißen hilft Kindern nicht nur bei den Hausarbeiten. Das Konzept der „Arche“ lautet vielmehr: „Wir betreuen nicht die Kinder, wir leben mit ihnen“.

© axentis.de / G.J.Lopata Vergrößern Spielen und lernen: Die Arche-Häuser beschäftigen Kinder altersgerecht

Gleich hinter der Eingangstür liegt ein Berg Schuhe, daneben steht ein Wäschekorb voller Socken. Durch die „Arche“ in Meißen läuft man nicht in Schuhen. Da flitzt man auf Socken durchs Haus, nach oben direkt in das Hausaufgabenzimmer (dorthin allerdings etwas verhaltener), oder nach nebenan in den Computerraum. Oder in den Toberaum im Keller des Neubaus, der gesperrt ist, weil sich Schwarzschimmel gebildet hat, so dass dort Tag und Nacht ein Trocknungsgerät brummt - den Svenja, zehn Jahre alt, und der zwölf Jahre alte Lutz dennoch zeigen wollen, weil der Raum wichtig ist im Leben der Kinder. Die Wände und der Fußboden sind mit bunten Schaumstoffmatten gepolstert. Den Kindern ist die Gummizellen-Anmutung egal. Kissen und Schaumstoffquader fliegen durch die Luft, und Lutz landet bald in dem Polsterhaufen.

Peter Schilder Folgen:  

Im Partyraum übt Thomas, der Chef des Hauses, ein Weihnachtsstück ein. Moritz turnt dabei auf seinem Stuhl herum und purzelt schließlich kopfüber auf den Fußboden. Einerseits möchte er ja an der Aufführung mitwirken, andererseits geniert er sich vor den anderen. Theater ist doch nichts für starke Kerle, meint er. Nach etwa einer halben Stunde gibt er ganz auf. Auch für die anderen ist so ein Krippenspiel eine Herausforderung. Sie kämpfen mit dem Text auf ihren Blättern. Das Lesen ist mühsam, das Aufsagen noch mehr. Thomas streicht immer wieder Sätze raus, lässt ganze Passagen wegfallen. Statt vieler Worte wird es Gesten geben.

Prekären Lebenssituationen

Am 4. November wurde die Arche in Meißen eröffnet. Sie ist das fünfzehnte Haus des Kinderprojekts Arche in Deutschland. Warum gerade Meißen? Der idyllische Ort in der Nähe von Dresden zwischen der Albrechtsburg auf der einen Seite der Elbe und den Weinbergen auf der anderen Seite ist ein touristischer Anziehungspunkt. Da vermutet man kaum Kinder in prekären Lebenssituationen.

Der Gründer des Projekts, Bernd Siggelkow, hat es anders erlebt. 2001, bei der Jahrhundertflut, war er, damals noch Pastor der Heilsarmee, nach Meißen gekommen und hat warme Getränke und Essen für die Flutopfer ausgeteilt. Da fielen ihm die Kinder auf, die im Triebischtal hinter der berühmten Porzellanmanufaktur in schwierigen sozialen Verhältnissen leben. Er schloss sie ins Herz und behielt sie dort. Immer wieder ist er nach Meißen zurückgekehrt. Dennoch hat es zehn Jahre gedauert, bis in Meißen eine Arche eröffnet wurde. „Es war dafür einfach kein Geld da.“

Claudia Michelsen ist neue Arche-Botschafterin © ZB Vergrößern Schauspielerin Claudia Michelsen (2.v.l.) ist die neue Botschafterin des Kinderprojektes

Das Kinderprojekt Arche lebt nämlich ausschließlich von Spenden, von vielen kleinen Einzelspenden und von größeren aus der Wirtschaft. So hat die Kinderstiftung von McDonald’s das Haus in Meißen gebaut und bezahlt. „Das ist kein mildtätiges Loskaufen aus sozialer Verantwortung“, sagt Thomas Defke, der Leiter der Meißener Arche. Die Wirtschaft müsse selbst daran interessiert sein, dass es den Kindern gut gehe, schließlich brauche sie später qualifizierte Fachkräfte. Siggelkow erinnert an eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, nach der 20 Prozent der Fünfzehnjährigen „funktionale Analphabeten“ seien. Auch das will die Arche durch Hilfe bei den Hausarbeiten bekämpfen. Wenn es Not tut, wird auch Nachhilfe gegeben. Die Abhängigkeit vom Spendenaufkommen macht manches langsam. Sie bietet aber auch die Unabhängigkeit, das zu tun, was als notwendig erkannt wird.

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