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Die Mutter am 2. Dezember 2008 „Nicht jedem zeigen, dass wir ein tolles Paar sind“

02.12.2008 ·  Abends ist Daniel jetzt genau so müde wie ich. Wir gucken zusammen Fernsehen und dann gehen wir ins Bett und unterhalten uns noch und alles. Jeder hat halt jetzt seinen Tagesablauf, ganz normal, wie es sein sollte. Das Komische dabei ist: Wir streiten uns eigentlich gar nicht mehr.

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Ich bin total happy, ich habe meine mündliche Abschlussprüfung mit einer Zwei geschafft. Geprüft wurde „Allgemeine Verwaltung“ und „Berufsbildung“ - das hatte ich zuvor ausgewählt. Ich musste das Berufsbildungsgesetz kennen und zum Beispiel Reisekostenabrechnung oder Seminarplanung. Die schriftliche Prüfung ist in drei Wochen, und dann bin ich fertig. Dann sind die vier Jahre Ausbildung um.

Ich werde übernommen und mache meine 30 Stunden die Woche weiter. Das war genau das, was ich wollte, aber dann hat es mich doch überrascht. Mein Chef hat zu mir gesagt: „Bei uns können Sie bleiben, so lange Sie wollen.“ Ich habe geantwortet: „Am besten bis zur Rente.“ Ich glaube, das ist Gottes Belohnung dafür, dass ich mich entschieden habe, trotz Kind eine Ausbildung zu machen.

Ständig Stress wegen des Geldes

Ich bekomme jetzt auch mehr Geld. Am Ende habe ich 1.067,76 Euro netto für 30 Stunden in der Woche. Eigentlich ist es aber nicht viel mehr als jetzt, denn ich bekomme dann keinen Unterhalt mehr von meinem Vater und kein Kindergeld mehr für mich. In der Zwischenprüfung letztes Jahr hatte ich eine Drei plus. Aber das Schlimmste war nicht, dass ich keine Zwei hatte, sondern dass David wegen dem vielen Lernen irgendwann gesagt hat: „Mama, deine Prüfung ist ja jetzt viel wichtiger als ich.“ Das tat mir weh. Ich habe dann gesagt: „Natürlich ist mir die Prüfung nicht wichtiger als du. Aber ich mache das, damit wir mehr Geld haben und weiterhin ein schönes Leben haben und uns vielleicht auch mal mehr leisten können.“

Daniel ist jetzt bei der Müllabfuhr. Ich bin stolz. Weil das jetzt endlich das ist, was er sich gewünscht hat. Die Ausbildung hat er abgebrochen. Zuerst war ich total dagegen, denn es war seine letzte Chance, einen Berufsabschluss zu bekommen. Aber er war mit den Nerven am Ende. Er ging sehr hart arbeiten und wurde am Ende des Monats nicht dafür entlohnt. Er hatte Neurodermitis, war nur noch gereizt und ständig beim Arzt. Und seine laufenden Kosten wurden trotzdem von seinem Konto abgebucht, so dass er ein Darlehen aufnehmen musste! Deshalb habe ich irgendwann eingelenkt. Denn wir hatten ständig Stress wegen dem Geld. Jetzt ist es besser. Ich bezahle die Miete und die Versicherung. Daniel bezahlt die Lebensmittel, die Unternehmungen, das Auto und den Sprit.

Alle Möglichkeiten nutzen

Abends ist er jetzt genau so müde wie ich. Wir gucken zusammen Fernsehen und dann gehen wir ins Bett und unterhalten uns noch und alles. Jeder hat halt jetzt seinen Tagesablauf, ganz normal, wie es sein sollte. Das Komische dabei ist: Wir streiten uns eigentlich gar nicht mehr. Es gibt keinen Grund mehr - höchstens vielleicht, wenn mal der Klodeckel oben ist. Es läuft einfach. Ich war zum Beispiel mit der Firma über Rosenmontag vier Tage in Bamberg. Meine Mutter hatte sich extra Urlaub genommen, weil sie dachte, sie müsse auf den Kleinen aufpassen. Aber er war nicht einen Tag bei ihr. Daniel hat auf ihn aufgepasst. Und dann haben die beiden mich jeden Morgen im Hotel angerufen. „Und, David, wie ist es denn?“, habe ich gefragt. „Mama, es ist so schön, ich liebe dich, vermisse dich auch, aber du kannst erst in 100 Tagen wiederkommen, weil mit Papa ist es so toll: Wir machen nur Männerabende“, hat er geantwortet. Und jetzt ist das manchmal schon so, dass er fragt: „Wann gehst du denn mal wieder weg, Mama? Wir wollen mal wieder einen Männerabend machen.“

Meine Mutter ist überrascht, wie gut sich alles entwickelt. Eigentlich meine ganze Familie. Sie akzeptieren Daniel jetzt endlich. Er hat sich bewiesen, so, wie ich mir das immer gewünscht habe. Teilweise habe ich es ihm ja selbst nicht zugetraut. Aber heute bereut er, dass er keinen vernünftigen Abschluss gemacht hat. Bei der Müllabfuhr ist zwar alles toll, und wenn er den Festvertrag bekommt, wäre das super. Aber ich möchte mir nicht in zehn Jahren anhören müssen: „Ja, hätte ich mal . . .“ Klar, wenn man älter ist, wird man bestimmt mal irgendwas bereuen. Aber ich persönlich möchte alle Möglichkeiten, die mir gegeben sind, nutzen. Ich habe einen sehr starken Willen. Ihm hingegen fehlt so ein bisschen das Selbstvertrauen, irgendwelche Ziele anzustreben. Was ist, wenn sein Vertrag nicht verlängert wird? Dann steht er wieder da.

Immer so tun, als hätten sie das Sagen

David entwickelt sich super gut. Das sagen die auch im Kindergarten. Ich hatte gestern das Elterngespräch. Bloß konzentrieren kann er sich nicht so gut. Das müssen wir noch ein bisschen üben, denn er kommt ja nächstes Jahr in die Schule. Dann würde ich gern ein bisschen weniger arbeiten. Damit er nicht in die Über-Mittag-Betreuung muss. Aber das geht nicht, weil wir nicht genug Geld haben. Ich habe deswegen ein schlechtes Gewissen David gegenüber. Ich habe Angst, dass er irgendwann sagt: „Mama, was willst du mir denn erzählen, du warst ja eh nicht da.“

Meine Oma hat angeboten, David könne mittags zu ihr kommen. Aber das ist auch keine Lösung. Sie wird schon 70. Daniel und ich verstehen uns gut. Die Leute finden zwar, dass wir ein bisschen derb miteinander umgehen. Aber wir müssen nicht jedem zeigen, dass wir ein tolles Paar sind. Meine Freundin sagt immer, wenn sie hier war, ist sie froh zu wissen, wie gut sie es mit ihrem Freund hat. Aber wenn ich bei ihr war, gehe ich auch nach Hause und weiß, was ich an Daniel habe. Jedes Paar hat seine eigene Art, miteinander umzugehen. Und wenn man damit glücklich ist, ist das in Ordnung. Als junges Mädchen hatte ich Träume, ich wollte den perfekten Mann, der sich toll ausdrückt und den jeder mag. Aber das brauche ich jetzt nicht mehr. Und klar, geändert habe ich ihn ja wirklich. Aber das darf ich ihm nicht sagen. Das muss man bei Männern ja immer geschickt machen. Immer so tun, als hätten sie das Sagen.

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