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Die Mutter am 12.11.2005 „Das Blaue vom Himmel versprochen“

05.06.2007 ·  Daniel wohnt seit letztem Sommer wieder bei seinen Eltern. Ich konnte nicht mehr mit ihm zusammenleben, er ist morgens abgehauen und abends wiedergekommen und hat sich überhaupt nicht um uns gekümmert.

Von Jennifer Merschieve
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Daniel wohnt seit letztem Sommer wieder bei seinen Eltern. Ich konnte nicht mehr mit ihm zusammenleben, er ist morgens abgehauen und abends wiedergekommen und hat sich überhaupt nicht um uns gekümmert. Wir haben uns dann getrennt, waren kurz darauf aber wieder zusammen. Jetzt ist es so, daß ich eigentlich nicht mehr will. Aber ich weiß schon: Wenn er dann wieder vor mir steht und das Blaue vom Himmel runtererzählt, will ich doch wieder. Vor allem möchte ich ihn als Freund nicht verlieren, ich kenne ihn doch schon so lange, und ich weiß auch, daß er anders sein kann. Ach, ich weiß auch nicht. Es ist eher so eine Haßliebe, Abhängigkeit oder Gewohnheit. Ich hänge noch voll an ihm. Er war ja mein erster richtiger Freund. Ich würde gerne noch über so viele Dinge mit ihm reden, die wichtig für uns drei sind. Aber das will er nicht, er macht dann immer Faxen.

Er ist so unreif: will nur sein Leben genießen, ein Single-Dasein führen. Ich dagegen will ein ganz normales Familienleben. Wenn es mal wieder eine Woche lang gutgegangen ist mit uns, mache ich mir auch immer wieder Hoffnungen. Er sagt dann immer: ,Ich ändere mich, nehme mir mehr Zeit für euch, kapsele mich von meinen Freunden ab . . .' Er lügt und lügt, redet sich das Leben schön und glaubt manchmal sogar selbst, was er da erzählt. Aber er kriegt nichts davon hin. Er wird sich nicht ändern, und trotzdem lasse ich mich immer wieder auf ihn ein. Ich bin so dumm, daß ich mir das immer wieder gefallen lasse! Ich habe auch schon voll mein Gesicht verloren vor seinen Freunden. Der eine ist jetzt mit meiner Cousine zusammen und hat neulich zu mir gesagt: ,Ach, Jenny, mit dir möchte ich auch mal zusammensein, du verzeihst ja alles!' Das ist wirklich übel. Daniel weiß gar nicht zu schätzen, was er an uns hat.

Ich glaube, Daniel hat keine Vatergefühle

Ich mache mir diese ganzen Hoffnungen eigentlich weniger für mich als wegen meinem Kind. Ich möchte, daß David einen Papa hat, den er jeden Tag sieht. Das ist mit Daniel nicht möglich. Er kommt vielleicht ein- oder zweimal in der Woche zu Besuch und beschäftigt sich dann ein bißchen mit seinem Sohn. So lange, bis sein Handy klingelt. Dann verschwindet er wieder. Ich glaube, Daniel hat keine Vatergefühle. Für ihn ist sein Sohn eher so wie sein kleiner Bruder: Wenn er Bock auf ihn hat, kommt er vorbei, aber verpflichtet fühlt er sich nicht. Er enttäuscht David auch genauso wie mich. Wenn ich zum Beispiel zu David sage: ,Heute kommt Papa, dann gehen wir auf den Spielplatz', dann freut der sich natürlich. Und dann kommt Daniel oft einfach nicht. Ich habe daraus aber gelernt. Inzwischen kündige ich ihn bei David erst an, wenn er schon in der Tür steht.

Mann, ich reg' mich da so drüber auf, daß ich das alles zulasse! Andere Mädchen hätten ihn schon längst in den Wind geschossen. Und meine Mutter hat auch schon gemeint, ich soll mich nicht verarschen lassen. Sogar Daniels Eltern sagen, ich soll ihn fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Und ich? Wenn er Probleme hat, versuche ich auch noch, das für ihn zu regeln! Ich fühle mich dann verantwortlich für ihn, weil ich ja weiß, daß das alles nur Getue ist, wenn er so cool tut. Aber natürlich nimmt er mich nicht für voll, wenn ich das alles mit mir machen lasse.

Ich brauche keine Mann, um zu überleben

Ansonsten geht es mir gut. David ist der Liebling der Tagesmutter, und ich bin stolz, daß ich nicht nur Mutter und Hausfrau bin, sondern auch diese Teilzeitausbildung für junge Mütter mache und mit meinem Leben gut klarkomme. Ich verdiene mein eigenes Geld und weiß auf jeden Fall, daß ich keinen Mann brauche, um zu überleben. Ich bin unabhängig. Na ja, also manchmal wünsche ich mir natürlich trotz allem einen neuen Mann, der mich glücklich macht. Ich habe ja gar keine großen Ansprüche. Er müßte einfach nur für uns dasein, arbeiten gehen und Verantwortung übernehmen. Aber ich suche nicht nach einem Mann. Wenn man sucht, findet man eh keinen. Das kommt bestimmt irgendwann mal durch einen Zufall. Und im Moment habe ich sowieso keinen Bock auf so was. Das ist wie eine Mauer. Ich will meine Ruhe haben. Und ich hab' ja auch gar keine Zeit dafür. Ich müßte dann ja meiner Arbeit, David und dem neuen Mann gerecht werden. Ich weiß, daß ich mir selbst widerspreche: Ich sage, daß ich will, und dann sage ich, ich will doch nicht. Das kommt daher, daß ich Angst habe, noch mal enttäuscht zu werden.

Ob Daniel glücklich ist, weiß ich nicht. Er spricht mit mir ja nicht darüber. Jedenfalls tut er immer so, als ginge es ihm gut. Aber an seiner Stelle wäre ich nicht zufrieden. Er hat ja nichts, worauf er seine Zukunft bauen kann. So weit wie er war ich vielleicht mit zwölf. Er hat keinen Schulabschluß, keine Ausbildung und keine richtige Aufgabe, für die es sich zu kämpfen lohnt. Er hat noch gar nichts erreicht. Bloß ein tolles Kind hat er gezeugt, das ist auch das einzige.

Er sagt, ich verlange zu viel von ihm

Und seine Freunde! Wenn er wirklich mal jemanden braucht, der ein offenes Ohr für ihn hat, hört ihm von denen doch auch keiner zu. Die denken alle nur an sich. Die treffen sich morgens schon und gehen ,abkacken', wie die das nennen. Von fünfzehn oder zwanzig Leuten haben da bloß zwei Arbeit! Wenn ich an Daniel und mich denke, bin ich total traurig. Ich weiß auch nicht, wie das weitergehen soll. Ich habe wirklich alles versucht, um ihm klarzumachen, daß wir ihn brauchen. Er sagt dann immer, ich verlange zuviel von ihm. Er sei noch nicht so reif. Ich soll warten. Er weiß genau, daß er das mit mir machen kann. Das tut mir dann weh, dann denke ich: Wie dumm bin ich eigentlich, daß ich nicht loslassen kann? Das ist mir schon richtig peinlich. Wenn Daniel und ich, so wie im Moment, nicht zusammen sind, wetten meine Freundinnen schon immer, wie lange ich es wohl diesmal ohne ihn aushalte. Vielleicht müßte ich ja mal eine Therapie machen - gegen Daniel.

Aufgezeichnet von Katrin Hummel

Quelle: F.A.Z.
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