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China Die Zeit des Schlotterns beginnt

08.06.2009 ·  In China herrscht Ausnahmezustand, denn die Zeit der Aufnahmeprüfungen für die Universitäten beginnt. Ihre gesamte Schulzeit lang haben die Kinder auf diese Tage hin gelernt. Mit 10,2 Millionen Teilnehmern ist es die größte Prüfung der Welt.

Von Till Fähnders, Peking
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Jedes Jahr Anfang Juni schlottern in China den Eltern und Schülern die Knie. Es ist die Zeit der Aufnahmeprüfungen für die Universitäten, der „Gaokao“, die bis zu diesem Dienstag überall im Land laufen. Drei Tage lang sind die 8000 Oberschulen und anderen Einrichtungen, in denen die Tests stattfinden, im Ausnahmezustand. Manche Städte schießen Chemikalien in die Wolken, um Regen zu machen und den Prüflingen Kühlung zu verschaffen. Nichts soll die Konzentration stören: Auf den Straßen herrscht Hupverbot, und das Aufsichtspersonal darf weder mit Parfum eingestäubt sein noch Stöckelschuhe tragen.

Ihre gesamte Schulzeit lang haben die Kinder auf diese Tage hingepaukt. Mit 10,2 Millionen Teilnehmern ist es die größte Prüfung der Welt. Die Eltern hoffen, dass sich ihre Sprösslinge für eine der renommierten Universitäten qualifizieren und damit für eine lukrative Laufbahn in der Regierung oder in einem bekannten ausländischen Unternehmen. Nur wer einen Studienabschluss vorweisen kann, hat die Chance auf einen guten Job – so hieß es jedenfalls bis vor kurzem.

5,6 Millionen Uni-Absolventen arbeitslos

Doch in diesem Jahr lässt sich eine leichte Abkehr von der Prüfungshysterie erkennen. Zum ersten Mal seit sieben Jahren haben sich weniger Schüler angemeldet als im Vorjahr – es sind 3,8 Prozent weniger Prüflinge. Dabei werden dieses Jahr sogar vier Prozent mehr Studienplätze vergeben. Das ist eine unerwartete Entwicklung, denn allein von 2002 bis 2008 hatte sich die Zahl der Teilnehmer verdoppelt. Einen Grund erkennt die chinesische Presse in den schlechten Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Die Wirtschaftskrise fordert ihren Tribut. Mehr als eine Million der 5,6 Millionen Uni-Absolventen aus dem vergangenen Jahr haben noch keine Arbeit gefunden. Immer mehr Schulabgänger bewerben sich direkt für ein prestigeträchtiges Studium im Ausland. Zudem schrecken die hohen Studiengebühren ab.

Manche Schüler vom Land, die sich ohnehin geringe Chancen ausrechnen, verzichten nun von vornherein auf eine Teilnahme. Am stärksten gingen die Anmeldungen in den ländlich geprägten Provinzen Henan und Shandong zurück. Während die Prüfungen bei ihrer Einführung kurz nach Ende der Kulturrevolution 1977 die gerechte Vergabe der wenigen Studienplätze garantieren sollten, häuft sich heute die Kritik wegen Benachteiligung der Landbevölkerung, die keinen Zugang zu guten Schulen hat, und wegen Missbrauchs durch Funktionäre, die ihre Kinder regelwidrig durch die Prüfungen lotsen. Das Gaokao-System vergleicht man deshalb sogar schon mit den elitären Beamtenprüfungen der Kaiserzeit.

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Jahrgang 1976, politischer Korrespondent für Südostasien.

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