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Bildungsdebatte „Mein Sohn ist kein faules Kind“

 ·  Sind die Eltern schuld an den schulischen Problemen vieler Migrantenkinder? Ein Gespräch mit drei Eltern – und einer Lehrerin. Über das Schulsystem, Hausbesuche und Lernerfolg.

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Sucht man nach Ursachen für die schulischen Probleme vieler Migrantenkinder, so landet man schnell bei deren Eltern: Sie förderten ihre Kinder zu wenig, heißt es häufig, und überließen die Bildung alleine der Schule. Ist das wirklich so – und wenn ja, wie kann man das ändern? Ein runder Tisch mit Eltern und einer Lehrerin.

Frau Bakal, Herr Güclu, Herr El Rayes: Wie wichtig ist Ihnen Bildung?

Hanife Bakal: Ohne Bildung läuft nichts. Ich weiß es ja von mir. Ich habe einen Realschulabschluss gemacht und bin Krankenschwester geworden, und wenn ich irgendwann mal ohne Arbeit dastehe, habe ich immer noch mein Krankenschwesterzeugnis. Einmal wurde mir gekündigt, da standen mir alle Türen offen. Deshalb sage ich auch meinen Kindern immer wieder, dass sie wenigstens einen Beruf lernen müssen. Und wenn es Friseurin ist.

Gürcan Güclü: Ich bin ein türkischstämmiger Vater, ich lebe seit 1972 in Berlin. Wie Sie merken, spreche ich gebrochenes Deutsch.* Ich kann mich verständigen, aber nicht sehr gut, das ist für mich eine Schande. Diese Schande sollen meine Kinder nicht erleben.

Abbas El Rayes: Ich komme aus dem Libanon. Viele Familien dort verkaufen ihre Grundstücke, um ihre Kinder ins Ausland auf gute Schulen zu schicken. Hier ist Bildung kostenlos. Allein deshalb müssten die Kinder ihre Schule gut machen. Man muss diese Chance wahrnehmen, um dem Land zu dienen und sich zu integrieren. Ich will, dass meine Kinder vielleicht später einen Doktor machen können.

Studien zufolge messen Zuwanderer der Bildung ihrer Kinder einen hohen Stellenwert bei. Zugleich wissen wir, dass diese Kinder in der Schule große Schwierigkeiten haben. Im Lesen liegen fünfzehnjährige Migranten im Schnitt zwei Jahre zurück. Wenn drei von zehn deutschen Kindern Abitur machen, ist es bei den Migranten nur eins. Der Anteil der Schulabbrecher ist hoch. Wie geht es Ihren Kindern in der Schule?

Güclü: Ich bin Vater von drei Kindern, zwei gehen in die Grundschule, der letzte wird nächstes Jahr eingeschult. Ich kümmere mich sehr intensiv. Ich selbst bin als Elfjähriger nach Deutschland gekommen und nach fünf Jahren Grundschule in der Türkei direkt in die Berufsschule geschoben worden. Wir waren ein bisschen wild, wir haben die Schule geschwänzt, auch meine Lehrerin hat sich nicht gekümmert. Am Ende musste ich die Schule abbrechen und ohne Abschluss verlassen. Ich wünsche mir, dass meine Kinder diesen Fehler nicht wiederholen. Aber in Deutsch und Mathe haben sie Schwächen.

Bakal: Ich habe einen fast dreizehnjährigen Sohn, der geht in die siebte Klasse eines Gymnasiums, meine achtjährige Tochter ist in der dritten Klasse. Mein Sohn hält sich tapfer, hat aber mit der Rechtschreibung sehr viele Probleme. Beim Elternabend habe ich erfahren, dass es da bei allen Kindern hapert. Das liegt nicht daran, dass wir Ausländer sind, das liegt an den Grundschulen. Die Lehrerin übt jetzt mit unseren Kindern Groß- und Kleinschreibung.

Wie sehen Sie die Lage, Frau Natz? Sie sind Lehrerin einer achten Klasse an einer Sekundarschule in Berlin-Wedding. Von Ihren 26 Kindern haben nur zwei keinen Migrationshintergrund.

Jane Natz: Beim Elternabend im September habe ich gesagt: Kaufen Sie Ihren Kindern Mathematikbücher für die dritte und vierte Klasse, üben Sie Grundrechenarten! Ähnlich ist es bei der Rechtschreibung. Auch wir üben Groß- und Kleinschreibung. Im Diktat sind die geübten Wörter dann richtig, dafür sind andere falsch. Es ist Sisyphusarbeit. Das Schreckliche ist, dass die sich im Unterricht wirklich Mühe geben, und dann schreibst du die Arbeit. . .

Bakal: ... und es ist trotzdem schlecht.

Natz: Wenn die Mehrheit mit einer Vier oder Fünf dasteht, muss ich mich als Lehrerin fragen: Was machst du falsch? Aber ich kann mit den Anforderungen nicht weiter runtergehen. Andererseits: Lesen die Kinder deutsche Bücher? Lesen sie deutsche Geschichten? Nein. Das war auch ein Tipp von mir am Elternabend: Sobald eine Zeitung auf dem Küchentisch liegt, und sei es nur Werbung, lassen Sie Ihre Kinder vorlesen, was da steht. Nur damit gelesen wird, gelesen, gelesen, gelesen. Sonst werden die Kinder weder Erdkunde noch die Mathematiksachaufgabe kapieren. Das Grunddilemma ist, dass die Sprache nicht verstanden wird. Im Gespräch vielleicht. Aber das Lesen ist ganz fürchterlich.

Güclü:: Wir können aber nicht von den Kindern erwarten, Zeitung oder Bücher zu lesen, wenn die Eltern nicht entsprechend ausgebildet sind. Wir können nicht erwarten, dass das zu Hause passiert. Deshalb wäre wichtig, dass diese Lesesache in die Schule verlagert wird, etwa durch Lesepaten.

Natz: Oder man ermöglicht es den Kindern, an einer kostenlosen Nachhilfe teilzunehmen, die die Schule anbietet. Die Hälfte meiner Klasse könnte das gut gebrauchen. Aber nur zwei Schüler nehmen das Angebot wahr.

Güclü: Ich weiß genau, warum meine Kinder so schwach sind in Deutsch und Mathe. Ich will nicht verallgemeinern. Aber gerade in diesen Fächern ist die Leistung der Lehrkräfte nicht ganz auf der Höhe. Die Noten der Kinder haben sich verbessert, seit sie externe Nachhilfe haben. Aber wenn die Lehrerin meine Kinder nicht so weit gebracht hat, dass sie besser schreiben und rechnen können, dann erwarte ich von der Nachhilfe in der Schule keine Vorteile.

Wenn es um schlechte Schulleistungen von Migrantenkindern geht, stehen abwechselnd Schulsystem und Eltern am Pranger. Die einen sagen: Die Schule fördert nicht genug oder diskriminiert. Die anderen sagen: Die Eltern kümmern sich zu wenig. Wie sehen Sie das? Wer ist verantwortlich für den Lernerfolg? Welche Rolle spielen die Eltern?

Güclü: Die Schule besteht aus drei Beinen: Schule, Schüler und Eltern. Die müssen alle stabil sein. Aber es gibt viel Misstrauen zwischen Lehrern und Eltern. Und viele Eltern haben Angst, weil ihnen Sprachkenntnisse fehlen.

Natz: Es ist nicht nur die Sprache. Ich bin schon lange im Wedding tätig und war vorher an einer anderen Schule, zehn U-Bahn-Minuten entfernt. Als ich an meine jetzige Schule kam, fiel mir auf: Die Kinder hatten Stullen dabei, Brotbüchsen, Äpfel. Da erst bekam ich mit, was an der anderen Schule nicht stimmte. Die hatten nämlich immer nur Chips oder Salzstangen.

Was hat das mit Bildung zu tun?

Natz: Nicht nur mit Bildung, sondern mit der Frage: Wie wertvoll sind mir meine Kinder? Nicht einmal auf gesunde Ernährung wurde geachtet. Noch ein Beispiel: An meiner jetzigen Schule haben die Kinder Schulrucksäcke. An der anderen Schule hatten die Mädchen Handtäschchen über der Schulter, in die gerade mal ein zusammengerollter Hefter passte. Ich finde es nicht abgehoben zu sagen: Kauft eurem Kind einen Rucksack, achtet darauf, dass sie Hefte haben, dass sie wenigstens ihre Mappe packen. Dafür muss ich kein Deutsch sprechen. Aber da stimmten schon die Basics nicht. Davor dürfen wir nicht die Augen verschließen.

Wir haben händeringend versucht, von einer Grundschule mit einer solchen Klientel einen Vater oder eine Mutter für unser Gespräch zu gewinnen. Die Schule hat ihre Elternarbeit umgestellt: Es gibt kaum noch Elternabende, Hausaufgaben werden in der Schule erledigt, gerne in Anwesenheit der Eltern, Kommunikation funktioniert weitgehend über persönliche Ansprache. Aber niemand hat den Mut aufgebracht, in so einer Runde offen über die eigene Scham, die Angst vor der Institution Schule und die eigene Überforderung zu sprechen.

Natz: Auch an meiner jetzigen Schule gilt: Ich merke ganz genau, bei welchen Schülern die Eltern dahinterstehen und wo es dann klappt, egal ob Eltern Deutsch sprechen oder nicht. Wir fordern, und die Eltern müssen fordern. Das ergänzt sich.

Bakal: Man muss an einem Strang ziehen.

Natz: Wir haben bei uns an der Schule das Lerntagebuch, in das die Kinder die Hausaufgaben und das Thema der Unterrichtsstunde eintragen. Unten rechts muss ich als Lehrerin nur ankreuzen: Hausaufgaben vergessen, Arbeitsmittel vergessen, zu spät gekommen. Die Eltern sollen das jede Woche unterschreiben. Das ist ein ganz, ganz kurzer Draht. Bei Eltern, die das regelmäßig unterschreiben, hat das Kind tatsächlich bessere Leistungen. Aber bei Kindern, wo die Unterschrift wegbleibt, wo ich hinterhertelefoniere und die Kinder so rumschwimmen, da ist es auch nicht so einfach mit der Leistung.

Herr El Rayes, Ihr ältester Sohn geht in die Klasse von Frau Natz. Nutzen Sie das Lerntagebuch?

El Rayes: Für mich ist das schwer. Ich bin seit 13 Jahren in Deutschland, aber ich kann fast kein Deutsch lesen. Ich bin vier Jahre lang im Libanon zur Schule gegangen, im Krieg, da konnte man nicht viel lernen. Meine Frau ist länger zur Schule gegangen als ich, sie kann lesen. Aber sie spricht kaum Deutsch. Also liest sie im Lerntagebuch und gibt die Wörter in ein Übersetzungsprogramm im Computer ein. Dann versteht sie. Ein Problem von Eltern ist aber auch, dass viele Väter nicht arbeiten. Die Hälfte der türkischen und arabischen Väter geht viel ins Café oder in Shisha-Bars und kommt erst spät in der Nacht nach Hause.

Natz: Sie alle lächeln wissend ...

Bakal: Das ist leider in der Kultur so. Viele türkische und arabische Männer gehen gerne in Männer-Cafés, spielen Karten, kommen spät nach Hause und haben null Ahnung, was ihr Kind für Probleme hat.

El Rayes: Die gucken einfach nicht ins Lerntagebuch.

Güclü: Es gibt eine Alternative zur schriftlichen Kommunikation. Nämlich ehrenamtliche Elternarbeit, die von der Schule auch anerkannt wird. Es muss Ansprechpartner geben. Man muss die Eltern in die Schule einbeziehen mit freundlicher Atmosphäre. Man muss ein Lockmittel finden.

Wie das Väterfrühstück, das Sie jede Woche in der Schule Ihrer Kinder organisieren.

Güclü: Das ist mein Trick: Wir sitzen wie in einem Kaffeehaus, wir frühstücken und reden über Alltägliches, aber jedes Mal schiebe ich unauffällig ein Schulthema unter.

Zum Beispiel?

Güclü: Wir quatschen erst mal über dies und das. Und dann sagt einer: Ich habe dieses Problem, die Klassenlehrerin hat sich nicht gekümmert, mein Kind hat eine Fünf bekommen. Dann löst sich das langsam. Einer sagt: Was hast du denn dagegen gemacht? Antwort: Ja, ich bin zur Klassenlehrerin gegangen und habe geschimpft und geschrien. Dann sage ich: Das war der falsche Weg, du musst vernünftig mit ihr reden. Das meine ich: unauffällig aktivieren und ein bisschen Informationen übertragen. Irgendwann frage ich ganz direkt: Willst du dich überhaupt um deine Kinder kümmern? Das ist ein langer Prozess. Viele Eltern kennen am Anfang nicht einmal den Klassenlehrer ihrer Kinder.

Nun ist das Schulsystem auch für Muttersprachler schwer zu verstehen. Frau Bakal, Sie sind hier geboren, Ihr Deutsch ist exzellent. Haben Sie den Durchblick?

Bakal: Als mein Sohn sein Zeugnis von der sechsten Klasse bekam, war ich baff. Drei Kinder hatten den gleichen Notendurchschnitt, 2,3, und nur mein Sohn hat keine Gymnasialempfehlung bekommen. Wir haben alle angefangen zu weinen, mein Mann, mein Sohn, ich. Wir haben die Lehrerin um einen Termin gebeten: Wieso kriegen die zwei anderen Kinder diese Empfehlung und wir nicht? Mein Sohn ist kein faules Kind. Er hatte nicht mal eine Vier. Trotzdem hat sie gesagt, sie will ihre Empfehlung nicht geben. Punkt, aus. Ich war fix und fertig, ich konnte nicht arbeiten. Bis mir meine Chefin geholfen hat. Wir haben alle Oberschulen angerufen, bis uns jemand sagte: Wir gucken nicht auf diese Empfehlung, sondern auf die Noten. Das war mein Kennenlernen des deutschen Schulsystems.

Was tun Sie im Alltag, um Ihre Kinder zu unterstützen?

Güclü: Ich bin fast jeden Tag in der Schule. Ich begleite meine Kinder auf dem Schulweg, hin und zurück. Zu Hause gucken wir ins Logbuch. Und bei der Hausaufgabenhilfe achte ich darauf, dass die Aufgaben nicht von den Helfern gemacht werden. Mehr braucht es eigentlich nicht, um die Ausbildung der Kinder zu verbessern.

Bakal: Ich bin jetzt Lesepatin bei meiner Tochter. Sie ist in einer altersgemischten Klasse, da lesen die Älteren den Jüngeren etwas vor. Eigentlich bin ich nur da, manchmal lese ich ein bisschen vor. Bei Aktionen, wenn die Lehrerinnen etwas brauchen, bin ich auch dabei. Jetzt vor Weihnachten zum Beispiel backen wir gemeinsam Plätzchen. Das Kind muss merken: Meine Eltern stehen wirklich hinter mir.

Natz: Genau das ist es. Selbst wenn die Eltern in der siebten Klasse keine Kekse mehr backen, wissen die Kinder: Meine Eltern sind hinterher.

Güclü: Eigentlich wäre es nicht verkehrt, wenn auch die Eltern von der Schule benotet würden.

Bakal: Puuh.

Warum braucht das deutsche Schulsystem so viel Unterstützung von Eltern?

Natz: Ich bin mir nicht sicher, ob es das deutsche Schulsystem ist. Jede Schule braucht Unterstützung. Wenn man sich als Lehrer alleine aufreibt und von zu Hause nichts kommt, kann man das nicht kompensieren. Selbst wenn mich ein Schüler nicht mag: Der soll was lernen. Das muss durch die Eltern transportiert werden. Häufig höre ich insbesondere von Vätern: Höre auf die Lehrerin! Ich höre ganz selten: Du musst lernen. Lerne, das wird dir im Leben immer mal passieren, dass du Menschen nicht leiden kannst, lerne trotzdem!

Eine Studie hat kürzlich herausgearbeitet, dass in türkischen und arabischen Familien mehr Wert auf Autorität gelegt wird. Dadurch wird die Funktion der Schule überschätzt, während Eltern ihre Verantwortung für den Lernerfolg abgeben.

Bakal: In der Türkei werden Lehrer sehr, sehr respektiert. Das predigen wir unseren Kindern auch. Die Lehrerin ist ja wie eine zweite Mutti. Man muss den Kindern sagen: Du musst deine Lehrerin akzeptieren. Egal was du sagst und tust, da stehst du erst mal auf. Du kannst auch nicht in einem frechen Ton reden. Das System in der Türkei ist ganz anders. Dort hat man den Kindern bis vor einiger Zeit noch mit dem Lineal auf die Finger gehauen für mehr Disziplin.

Was bedeutet es, wenn Eltern sich an einem solchen System orientieren, während die deutsche Schule mehr Wert auf Selbständigkeit und Widerspruchsgeist legt?

Natz: Meine Schüler sind gut in der Lage zu diskutieren. Die Diskrepanz fällt mir in Elterngesprächen auf. Ich höre häufig: Zu Hause ist das Kind ganz anders, da spurt es. Gerade Väter sind dann irritiert, wie ihre Kinder in der Schule agieren. Da bekam ich auch schon mal von einem Vater die Legitimation, seinem Sohn einen kleinen Klaps zu geben. Als ich ihm erklärte, dass das an deutschen Schulen nicht üblich ist, beharrte er: Doch, das können Sie machen.

Herr El Rayes, wie ist das bei Ihnen? Spuren Ihre Kinder?

El Rayes: Ich finde eine gewisse Demokratie gut. Aber der Vater ist schon das Oberhaupt der Familie. Und das Grundprinzip sollte Respekt sein, Eltern und Lehrern gegenüber. Das muss in der Erziehung vermittelt werden.

Wie stehen Ihre Kinder in der Schule da?

El Rayes: Ich habe drei Jungs und ein Mädchen. Der Fünfjährige geht in den Kindergarten, das Mädchen ist in der Grundschule. Mein zweitältester Sohn ist auf einer Sekundarschule, auf der nur Ausländer sind. Aber er ist gut, besonders in Mathematik. Manchmal ist von zwei Brüdern der eine gut in der Schule, der andere nicht. Das gibt es in allen Familien. Mein ältester Sohn ist bei Frau Natz. Früher war er nicht besonders gut. Aber es wird besser.

Natz: Der Sohn von Herrn El Rayes ist eins von den beiden Kindern, die jetzt Nachhilfe in Anspruch nehmen.

Wie ist es dazu gekommen?

El Rayes: Beim Elterngespräch hat die Lehrerin mir gesagt: Mein Sohn kommt oft zu spät, er ist nicht so gut im Schreiben, er hat große Lücken in Mathe. Daraufhin habe ich ihm gesagt, dass er seine Schule gut machen soll.

Natz: Wir haben dagesessen, der Papa und ich, ganz ruhig, und haben dem Jungen vermittelt: Wir machen uns Sorgen um dich. Irgendwie muss in seinem Kopf ein Schalter umgelegt worden sein. Er gibt sich jetzt solche Mühe mit den Hausaufgaben, die Buchstaben sind wie gemalt, alles mit einem Rand verziert, ganz ordentlich. Er kommt in die Schule und ist stolz, dass er die Aufgaben hat; er hat sich bemüht, was zu leisten, und kriegt jetzt die Anerkennung dafür. Entscheidend ist, dass da tatsächlich eine Zwei drunter steht - die erste in seinem Leben. Das müssten alle Schüler einmal erleben, was für ein Supergefühl das ist.

Was machen Sie jetzt anders, Herr El Rayes?

El Rayes: Ich gehöre nicht zu den Vätern, die ihre Kinder schlagen. Ich sage meinem Sohn ganz ruhig: Ich kaufe dir alle Dinge, die du dir wünschst, ein neues Spiel für den Computer, was auch immer. Aber zuerst muss du gut lesen, gut schreiben. Früher war es manchmal auch so, dass wir Eltern über der Arbeit und anderen Dingen vergessen haben, ihn an seine Schulaufgaben zu erinnern. Oder wir haben nicht in das Buch geguckt. Jetzt sagen wir jeden Tag: Internet oder Nintendo, das kannst du später machen. Ganz ehrlich: Ich habe früher auch oft gesagt, ach komm, ist nicht so wichtig. Oder ich habe es vergessen. Ich glaube, die Hälfte der Eltern ist so. Die müssten mehr hinterher sein.

Gehen Sie zum Elternabend?

El Rayes: Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ich gehe zum Elternabend und verstehe viele Sachen nicht, die die Schule betreffen.

Bakal: Als ich ein Kind war, kamen die Lehrer zu uns nach Hause und haben den Elternabend dort veranstaltet. Meine Eltern gehörten zu den ersten Gastarbeitern hier, sie hatten Schichtdienst und kaum Zeit. Wir waren sieben Geschwister, und wenn ich aufgewacht bin, habe ich meine Eltern nicht gesehen, auch beim Zubettgehen war die Nachbarin da. Dann stand ich da: Elternabend und keine Eltern da. Ich habe versucht, mich selbst durchzuschlagen. Das war ein harter Weg. Aber die Schulsituation war anders. Die Lehrer kamen nach Hause, weil sie gemerkt haben, die Eltern haben keine Zeit. Das fand ich toll. Auch meine Eltern haben sich sehr gefreut. Meine Mutter hat wirklich alles gebacken und getan, typisch türkische Familie, beste Gastgeberin. Heute gibt es das nicht mehr, dass die Lehrer sich zu Hause die Verhältnisse anschauen: Wie kann das Kind wirklich Hausaufgaben machen?

Natz: Wie viele ausländische Kinder waren in Ihrer Klasse?

Bakal: Wir waren eine rein ausländische Klasse.

Natz: Und hat sie das wirklich bei allen Kindern gemacht?

Bakal: Ja.

Natz: Wow.

Bakal: Ich bin meiner Lehrerin bis heute dankbar. Ich denke, durch sie ist aus uns was geworden.

Wäre es Ihnen möglich, Ihre Schüler zu Hause aufzusuchen?

Natz: Theoretisch ist das, glaube ich, gar nicht erwünscht, aus Datenschutzgründen, weil man nicht in die Privatsphäre eindringen soll. Aber in Einzelfällen habe ich das auch schon gemacht. Wenn ich merke, ich komme an die Eltern nicht anders ran, gehe ich hin. Dann geht ein Elternbesuch nicht unter zwei Stunden ab, weil aufgetischt wird und man die gesamte Familie kennenlernt. Du kriegst einen Einblick in die Kultur und auch ein Verständnis - und gehst tatsächlich am nächsten Tag ein bisschen anders an das Kind ran.

Güclü: Ich glaube, dass die Eltern sich mehrheitlich solche Besuche wünschen.

Natz: Ich wünsche mir auch, dass ganz viele Eltern zum Elternabend kommen. Oder wenn ich sie einlade zum Elterngespräch. Ob Schichtdienst oder nicht – nur zu warten, dass wir Lehrer kommen, ist auch nicht das Wahre. Auch die Eltern sind in der Pflicht.

Das Gespräch führten Julia Schaaf und Jörg Thomann.

*Die Diskussionsbeiträge von Gürcan Güclü und Abbas El Rayes wurden für die Texterfassung, wo nötig, sprachlich korrigiert. Herrn El Rayes stand während des Gesprächs eine Dolmetscherin zur Verfügung.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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