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Bevölkerungsentwicklung : „Das Geburtendefizit wächst dramatisch“

Seltenes Bild: Sechs Neugeborene im Helios-Klinikum in Erfurt Bild: dapd

In Deutschland sterben pro Jahr 200.000 Menschen mehr, als geboren werden. Die Einwohnerzahl könnte daher bis zum Jahr 2060 um rund ein Viertel zurückgehen. Nur mehr Einwanderung kann den Bevölkerungsrückgang dämpfen.

          In Deutschland könnte die Einwohnerzahl bis zum Jahr 2060 um rund ein Viertel zurückgehen. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Eckart Bomsdorf von der Universität zu Köln. „Während heute noch 82 Millionen Menschen in Deutschland leben, werden es in gut 50 Jahren nur noch 61 Millionen sein“, sagt der Kölner Demograph. „Allerdings auch nur dann, wenn etwa gleich viel Menschen aus- wie einwandern.“

          In 50 Jahren nur noch 61 Millionen Deutsche?

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Ursache für den starken Bevölkerungsrückgang sei das immer größer werdende Geburtendefizit. Sterben heute Jahr für Jahr 200.000 Menschen mehr, als geboren werden, könnte die Differenz zwischen Geburten und Sterbefällen nach Bomsdorfs Modellrechnungen auf mehr als 500.000 wachsen. Anzeichen für steigende Geburtenzahlen sieht der Demograph nicht. Die Hoffnung, dass viele Paare ihren Kinderwunsch nur verschoben hätten, habe sich nicht in dem Maß erfüllt, wie von manchen erwartet. Die in einem Strategiepapier der Bundesregierung formulierte Idee, Paare dazu zu ermuntern, schon während des Studiums Kinder zu bekommen, hält Bomsdorf für „Unsinn“. In Wirklichkeit habe die Politik keine Demographie-Strategie. Auch vom Demographiegipfel der Bundesregierung Anfang Oktober erwartet der Wissenschaftler nicht viel.

          Infografik: Deutschland altert und schrumpft
          Infografik: Deutschland altert und schrumpft : Bild: F.A.Z.

          In seiner Studie kommt Bomsdorf zu dem Ergebnis, dass der Bevölkerungsrückgang in Deutschland kaum abgewendet werden kann. „Da die Fertilitätsrate seit längerer Zeit auf niedrigem Niveau verharrt und aktuell die potentielle Müttergeneration bereits zu den geburtenschwachen Jahrgängen gehört, wird aus dieser Sicht der Effekt des Rückgang der Bevölkerung nur verstärkt.“

          Nur die Wanderung könne den Bevölkerungsrückgang nennenswert dämpfen. Bomsdorf hat ausgerechnet, welchen Effekt es hätte, wenn Jahr für Jahr 150.000 Personen mehr ein- als auswandern: Bis 2060 würde die Bevölkerung dann statt bis auf 61 Millionen nur auf 70 Millionen zurückgehen (siehe Grafik). „Allerdings stellt sich die Frage, wieweit es ethisch vertretbar ist, insbesondere den Schwellen- und Entwicklungsländern gerade die Hochqualifizierten abzuwerben. Wir dürfen keinen ,brain drain‘ organisieren, das wäre eine Art negative Entwicklungshilfe.“

          Die besondere Brisanz der Ergebnisse seiner Studie liege nicht in erster Line im Bevölkerungsrückgang, sondern in der nahezu unvermeidlichen Veränderung der Altersstruktur. 2060 werde die Hälfte der in Deutschland Lebenden älter sein als 51 Jahre. Dass die Bevölkerung insgesamt abnehme und gleichzeitig älter werde, sei eine doppelte Herausforderung. Wolle man den Anteil der Personen im Erwerbsalter an der Gesamtbevölkerung bis 2060 annähernd konstant halten, müsse die Altersgrenze von heute 65 auf 71 Jahre erhöht werden. „Ich bin aber nicht dafür, dass das gesetzliche Rentenalter auf diese Höhe gesetzt wird, sondern ich plädiere für eine Flexibilisierung, was dann freilich mit Rentenabschlägen verbunden ist.“

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