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Bayern Millionäre vermieten Märchenschlösser für 1 Euro

08.09.2008 ·  Zwei Millionäre in Isny machen Familienpolitik auf eigene Faust: Sie vermieten ihre Häuser für einen symbolischen Euro an kinderreiche Familien. Die Großeltern sollen auch mit einziehen - falls sie schon gestorben sind, ist Ersatz zu stellen.

Von Franz Josef Görtz
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Ein riesiges Haus mit vier Kinderzimmern, zwei Bädern, Garage und Stellplatz - für einen einzigen Euro Miete im Monat? Ein Märchen nennt es Daniela Altenried aus Kempten im Allgäu. Noch im Herbst wird sie mit ihrem Mann, ihren sieben Kindern und den Schwiegereltern ins Örtchen Durach ziehen: in ihr „Traumschloss“, wie sie sagt. Bei missgünstigen Nachbarn dagegen heißt das Glück der Altenrieds immer nur „Isnyland“.

Isnyland wie Disneyland, aber nicht unerreichbar fern in Amerika, sondern in Isny zwischen Memmingen und dem Bodensee. Dort leben zwei Gutmenschen namens Karl und Jakob Immler ziemlich komfortabel von den Erlösen aus ihren flächendeckenden Immobiliengeschäften. Vom Häuserbauen verstehen sie eine Menge. Und weil sie mit vielen Geschwistern aufgewachsen sind, bauen sie stets Häuser mit großen Wohnungen. Für Kinderreiche. Darauf legen sie Wert. Über Sozial- und Familienpolitik nämlich lassen die Brüder nicht mit sich reden. Die nehmen sie lieber selbst in die Hand.

Der Mietzins ist auf dreißig Jahre festgeschrieben

„Wir brauchen Familien“, sagt Karl Immler. Am Schreibtisch gegenüber sitzt sein Bruder und nickt: „Familien mit Kindern!“ Bewerbungen und Bittsteller haben die beiden Bauherren genug. Alle möchten eines der von ihnen in Durach und Schemmerhofen im Allgäu gebauten oder für ein Areal in Kaufbeuren jenseits der bayerischen Grenze geplanten Einfamilienhäuser beziehen - mit Kind und Kegel, Opa und Oma und zu dem auf dreißig Jahre festgeschriebenen Mietzins. „Natürlich“, sagt Jakob, „ist dieser eine Euro symbolisch gemeint. Schon wegen der aberwitzigen Kontogebühren, die eine Überweisung kosten würde.“ Für die Großeltern ist in allen Häusern zu ebener Erde eine mietfreie Einliegerwohnung vorgesehen. Im Gegenzug sollen die älteren Herrschaften Haus und Enkel hüten. Und sparen sich dafür, dem Konzept der Immlers zufolge, mit fortschreitendem Alter die Pflegeversicherung.

Vier Kinder sind darum das Mindeste, was die Hausherren von ihren Mietern erwarten. Besser aber wären sechs oder sieben - wenn diese Rechnung aufgehen soll. Frau Altenried, die als Erste den Zuschlag bekam, führen die Immlers gern als Beispiel an. Sieben Kinder! So viel waren sie auch daheim. Familien, die mehr als zwei oder drei Kinder haben und in denen mehr als zwei Generationen zusammenleben, sollen alle Vorrechte haben. Das sehen die Immlers bevölkerungspolitisch und argumentieren ganz unerbittlich. Falls Großvater oder Großmutter schon gestorben sind, ist Ersatz zu stellen - zum Beispiel in Gestalt einer Tante oder eines Onkels, mit Trauschein oder ohne. Die ältere Generation will doch auch versorgt sein.

Das Projekt ist Programm: Es nennt sich „Mehrgenerationenhaus“ und klingt unspektakulär, hat aber weit über die Region hinaus mächtig Aufsehen erregt. Und nicht bloß, weil die beiden schwerreichen Herren ihre Nachkommen langfristig ums Erbe bringen wollen - oder doch jedenfalls um einen beträchtlichen Teil davon.

Vorbild ist die Fuggerei in Augsburg

Dies alles geschehe für einen wohltätigen Zweck, versichern die fünf Kinder der beiden Brüder. Sie meinen damit das Wirken der an Heiligabend 2004 von Karl und Jakob Immler in Isny gegründeten „Immler Großfamilienstiftung“. Deren Anliegen ist, gewiss ein wenig wolkig, mit „Lebensfreude im Familienverbund“ umschrieben. Das Stiftungsvermögen wird sehr präzise und einigermaßen beruhigend mit „derzeit 13“ und „zukünftig 30 Millionen Euro“ beziffert. Reicht das für fünfzig Einfamilienhäuser mit jeweils 350 Quadratmetern Wohnfläche? Daran haben die Immlers nicht den geringsten Zweifel. Und auch nicht daran, dass ihr Modell funktioniert. Die Fuggerei in Augsburg, „unser Vorbild“, wie Karl Immler sagt, „funktioniert schon fünfhundert Jahre“.

Die beiden Brüder, 60 und 58 Jahre alt, haben ihr Vermögen innerhalb von drei Jahrzehnten mit Bauträgerschaften, Baubetreuungen, Insolvenzübernahmen und allerlei Miet- und Pachtverträgen erwirtschaftet. Immobilientransaktionen in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe waren in den zurückliegenden drei Jahrzehnten vielleicht nicht die Regel, aber auch nicht die Ausnahme. Die pekuniäre Ausstattung für ihren Großmut lieferte ein Einkaufszentrum mit jährlichen Mieteinnahmen von einer halben Million Euro. Das war der Grundstock der Stiftung. Insgesamt gehören nicht weniger als 110 Einkaufszentren, Baumärkte und Warenhäuser zu ihrem Portfolio, außerdem dreihundert Liegenschaften im weiten Umkreis von Isny.

Die Höhe der Gehälter ist kein Geheimnis

Verwaltet wird das Immler-Imperium von Isny aus, wo die beiden schwergewichtigen Herren seit 35 Jahren immer noch in ihrem Elternhaus am Rande eines kleinen Industriegebiets residieren. Fünfzig Mitarbeiter beschäftigen sie in den Büros und im Außendienst. Jeder fährt einen Dienstwagen, den er sich selbst aussuchen darf. Alle duzen einander, alle reden ein dezent bayerisch gefärbtes Schwäbisch. Die Höhe der Gehälter, auch der beiden Chefs sowie von Karls Tochter Ann Kathrin, die nach dem Studium der Betriebswirtschaft ins Unternehmen eintrat, sei kein Geheimnis, erzählt Karl Immler beiläufig: „In diesem Büro gibt es keine Tür und keine Schublade, die wir abschließen, wenn wir das Haus verlassen.“

Die Mitarbeiter gehören zur Familie, weggehen wollte noch keiner. Warum auch und wohin denn? Im Treppenhaus hängt der Stammbaum der Sippe. Er reicht mit allen Namen, allen Lebensdaten über 15 Generationen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Neuer Reichtum ist das hier nicht, eigenen Grund und Boden hat man immer besessen. Davon haben die Eltern, einfache Bauersleute, nie Aufhebens gemacht. Die Söhne sind bescheiden von Natur. Ein dickes Auto reicht, das protzige zweite haben sie wieder abgeschafft. Von den beiden Insolvenzen, in die man vor etlichen Jahren fast geschlittert wäre, erzählen sie ohne Scheu. Und ohne Augenzwinkern auch von den Einkäufen beim Discounter: „Bei uns kam nur die billigste Leber- und Bierwurst auf den Tisch, 69 Pfennige die Dose, und zweimal im Jahr eine Flasche Wein.“ Das liegt inzwischen fast zwanzig Jahre zurück. Doch Koketterie klänge anders.

Man ist zusammen aufgewachsen, kennt sich und vertraut einander

Ihr Unternehmen führen die Brüder wie eine Großfamilie. Also ganz so, wie sie es von Kindesbeinen an erlebt haben. Man ist zusammen aufgewachsen, kennt sich und vertraut einander. Und wenn beispielsweise, während der Autofahrt zum Baugelände in Durach, auf dem in diesem Sommer schon die ersten Großfamilien-Häuser entstanden sind, Jakob eine Frage nicht beantworten kann, weil er am Steuer sitzt, redet Karl, ohne vom Plural Gebrauch zu machen. Jeder spricht für sich, wenn er das Ganze meint, das sind sie so gewohnt. Dass Karls Tochter Ann Kathrin gelegentlich ganz anderer Meinung ist und damit nicht hinterm Berg hält, scheint ihnen zu gefallen.

Sieben Geschwister waren sie daheim, „vier Brüder, drei Schwestern, dazu noch drei Dutzend Milchkühe“. Jeweils zwei Kinder teilten sich ein Zimmerchen. Wer Taschengeld wollte, musste Mäuse fangen, das Vieh zum Markt treiben, den Hof oder die Stube kehren. Karl hat BWL studiert, sein Bruder eine kaufmännische Ausbildung absolviert. Danach borgten sie sich von den Eltern 12.000 Mark und machten sich in München selbständig: „Mietshäuser sanieren, Konkursobjekte abwickeln, Reihenhäuser errichten.“

Einmal im Jahr ein „Neidhammel-Fest“

So erfolgreich die Immlers in München sanierten und abwickelten, so enttäuschend verliefen alle Anstrengungen, die Bevölkerung ihrer 15.000 Einwohner zählenden Heimatstadt, in der alle miteinander verwandt, verschwägert, befreundet oder verfeindet sind, am wachsenden Reichtum großzügig teilhaben zu lassen. Vor zehn Jahren haben sie der Stadt eine Realschule bauen lassen, für satte fünf Millionen Mark. Einmal im Jahr, so die Bedingung, sollte darin ein „Neidhammel-Fest“ stattfinden. Daran wäre die Sache fast gescheitert. Beschenken lassen mochte man sich durchaus - aber nicht „nach Gutsherrenart“. Und sozialverträglich wohnen wollte man auch gern, aber nicht „in Leibeigenschaft“. Als dann die Grundstücke unerschwinglich teuer wurden, haben die Immlers mit ihrer Stiftung das Weite gesucht.

Sie haben jedoch inzwischen dazugelernt, sagen sie. Auch kinderreiche Ausländer dürfen sich neuerdings um eines der 55 Ein-Euro-Häuser bewerben.

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