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Arbeitsziel Deutschland Die Krisenflüchtlinge

28.11.2011 ·  Eine neue Generation Südeuropäer macht sich auf, in Deutschland ihr Glück zu suchen. Viele sind gut ausgebildet, doch der Neubeginn in der Fremde ist nicht leicht.

Von Renate Müller
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Kostas Georgiu hat den Himmel eingetauscht. Den blauen über Thessaloniki gegen den neblig-orangen über Kleve. Er hat das Meer gegen den Niederrhein getauscht, die Großstadt gegen die Kleinstadt. Und das lange Warten gegen einen Job.

Es war die griechische Krise, die den 32 Jahre alten Georgiu, Jungenlachen, dunkle Augen und fester Händedruck, aus seiner Heimat vertrieb. Mitten in seiner Facharztausbildung hätte er in Griechenland plötzlich für ein bis zwei Jahre aussetzen und warten müssen. Deshalb packte er seine Koffer. "Es war für mich ein schwerer Schritt, meine Heimat zu verlassen", sagt Georgiu, der eigentlich anders heißt, aber nicht will, dass sein Name in der Zeitung steht. "Hier in Deutschland bin ich alleine, habe keine Bekannten."

Haithem Machfar, Italiener und Sohn tunesischer Einwanderer, tauschte den Gardasee gegen den Rhein, die Zitronenbäume gegen die Eiche. In Trient hatte Machfar "Internationale Beziehungen" studiert, Abschluss im April 2011, seither suchte er mitten in der italienischen Krise nach Arbeit. "Ich hätte im Restaurant oder als Verkäufer arbeiten können", sagt er, "aber ich wollte eine Perspektive haben." Und so zog er im September nach Mainz, wo seine deutsche Freundin lebt. Alleine war er nicht, aber er hatte keinen Job, und Deutsch konnte er auch nicht.

David Royo und Beatriz Millán kamen gleich im Doppelpack nach Deutschland, sie tauschten den spanischen Fluss Ebro gegen den Main. Royo wechselte den Firmenstandort seines Arbeitgebers, des IT-Dienstleisters GFT-Technologies, und arbeitet nun in Eschborn bei Frankfurt. Seine Frau, die bis Anfang des Jahres bei einem Immobilienunternehmen angestellt war, das dann wegen der spanischen Krise dichtmachte, gab die Suche nach Arbeit in Spanien auf und sucht jetzt hier in Deutschland.

Jeder zweite Spanier unter 25 ohne Job

Gut 50 Jahre nach den ersten Gastarbeitern macht sich eine neue Generation an jungen Spaniern, Griechen, Italienern und Portugiesen auf, um der Krise in ihren Ländern zu entfliehen, voll der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Deutschland. Die neuen Gastarbeiter sind gut ausgebildet, es sind Ärzte, Ingenieure, Computerspezialisten, Geisteswissenschaftler. Wie viele es insgesamt sind, lässt sich schwer sagen, dank der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union muss sich keiner von ihnen anmelden. Aber es gibt Seismografen.

Allein 14.000 spanische Bewerber haben sich bei der ZAV, derZentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit, bislang registriert, mehrheitlich junge Leute, ein Viertel davon Ingenieure. Und diese Zahl dürfte weiter wachsen, denn in Spanien gibt es inzwischen fünf Millionen Arbeitslose, jeder zweite unter 25 Jahren hat keinen Job, viele sehen für sich keine Zukunft mehr im eigenen Land. Das Interesse an Deutsch-Kursen ist deshalb groß. Das Goethe-Institut in Barcelona etwa kann derzeit keine weiteren Kurse anbieten, weil die Räume aus allen Nähten platzen. Die Teilnehmerzahlen sind im Vergleich zum Vorjahr um 35 Prozent gestiegen, auf etwa 2500.

Ganz ohne Deutschkenntnisse

David Royo und Beatriz Millán, die beiden IT-Spezialisten aus Saragossa, zogen vor drei Monaten nach Eschborn, ganz ohne Deutschkenntnisse. Für ihn ist das kein großes Problem, denn in seinem Unternehmen wird Englisch gesprochen, für sie jedoch macht es die Arbeitssuche äußerst schwierig. Kollegen ihres Mannes helfen Millán, haben sie beim deutschen Lebenslauf unterstützt, ihr Stellenanzeigen übersetzt und sie bei der Zusammenstellung der Bewerbungsunterlagen beraten. Die Antwort der Unternehmen war aber meist die gleiche: "Sie haben eine super Qualifikation, wir hätten einen Job, aber wir können Sie nicht anstellen. Sie müssen Deutsch können."

Etwas Luft verschafft Millán neben der Anstellung ihres Mannes auch die Tatsache, dass sie ihr Arbeitslosengeld nach Deutschland mitnehmen konnte. So kann sich die Computer-Fachfrau nun die Zeit nehmen, jeden Tag drei Stunden Deutsch zu lernen, sechs Monate insgesamt. Ein paar Wörter rollen ihr über schon über die Lippen. "Es ist ein Kampf", sagt Millán und lächelt vorsichtig. Trotzdem gibt sie die Hoffnung nicht auf, hier Arbeit zu finden. Denn sie will hier leben, in Rödelheim im Grünen, mit ihrem Mann und zwei Hunden.

Wie tickt Deutschland?

Italienisch, Französisch, Englisch und Arabisch stehen im Lebenslauf von Haithem Machfar aus Riva del Garda, aber auch er spricht kein Deutsch. Bewerbungen konnte er nur zusammen mit seiner Freundin schreiben, und auch wie Deutschland tickt, musste sie ihm erklären. Sie hat ihm erzählt, was hinter der Mordserie der Neonazis steckt, und wer hinter der NPD. Seither guckt Machfar ein bisschen genauer, Sorgen wegen Fremdenfeindlichkeit macht er sich aber keine. "Deutschland ist multikulturell, viel mehr als Italien", sagt er.

Sorgen bereiteten dem 22 Jahre alten Italiener vielmehr die vielen erfolglosen Bewerbungen. Machfar bewarb sich über Zeitarbeitsfirmen, im Internet, er hätte Koffer verladen am Frankfurter Flughafen, oder im italienischen Supermarkt an der Kasse gearbeitet, nicht gerade Traumjobs, sagt er, aber immerhin eine Möglichkeit, um einen Einstieg zu finden, Erfahrungen zu machen - und Geld zu verdienen.

Den Deutschkurs an der Volkshochschule musste Machfar abbrechen, 300 Euro für sieben Wochen, das konnte er sich nicht leisten. Er ging deshalb zur Arbeitsagentur, dort könne er eine Bestätigung bekommen, mit der er weniger für den Sprachkurs bezahlen müsse, hatte man ihm bei der VHS gesagt. "Wir sind hier in Deutschland, Sie müssen Deutsch sprechen", sagten sie ihm dann bei der Arbeitsagentur. Seine Antwort auf Englisch: "Ja, ich weiß, ich will's ja lernen."

Gute Ausbildungsqualität

Fast wäre Machfar zurück nach Italien gegangen - dann hatte er doch noch Glück. Ein Mainzer Unternehmen, das internationalen Kunden bei Softwareproblemen berät, bot ihm einen Job an. Erst einmal befristet für ein Jahr, aber immerhin. Dass Machfar kein Deutsch spricht, störte ausnahmsweise nicht. Am 16. November war sein erster Arbeitstag.

Wesentlich einfacher verlief die Arbeitsplatzsuche für Kostas Georgiu, schließlich hatte er an der deutschen Schule in Thessaloniki die Sprache gelernt. Wegen der Qualität der medizinischen Ausbildung in Deutschland und den positiven Erfahrungen anderer griechischer Kollegen hatte er schon länger mit dem Gedanken gespielt, auszuwandern. Dann ging es in Griechenland wegen der Krise noch weiter bergab - und Georgiu bekam das Angebot, als Assistenzarzt im St. Antonius-Hospital in Kleve zu arbeiten. Von der Stadt hatte er noch nie gehört, er musste sie auf einer Landkarte suchen - trotzdem beschloss er, dorthin zu gehen.

Große Freude bereitete Georgiu damit Ulrike Adam, der Personalreferentin der katholischen Kliniken im Kreis Kleve, zu der auch das St. Antonius-Hospitals gehört. Denn Adam war es, die den jungen Arzt im April auf einer Medizin-Messe in Griechenland köderte. Solche Treffen werden von der ZAV der Bundesagentur für deutsche Betriebe organisiert, die Fachkräfte suchen: Ärzte, Pflegepersonal, aber auch Ingenieure und IT-Spezialisten. Vier griechische Ärzte hat Adam allein in diesem Jahr schon in die 50 000-Einwohner-Stadt Kleve gelockt, und es sollen noch mehr werden. "Wir brauchen Kardiologen, Anästhesisten und andere Fachärzte, deutsche Ärzte sind für uns kaum zu finden", sagt Adam.

Wer zieht schon ohne weiteres nach Kleve?

Doch so einfach sind auch griechische Ärzte nicht zu bekommen. Zwar liegt die Arbeitslosigkeit in Griechenland insgesamt bei fast 20 Prozent, auch die Gehälter für Mediziner wurden gekürzt. Aber wer zieht schon ohne weiteres nach Kleve, schnurstracks in die ländliche Grenzregion zu Holland? "Standortnachteil" nennt Adam das diplomatisch.

Deshalb schüttet sie ein ganzes Füllhorn an Hilfen über die potentiellen Kandidaten aus: Paten begleiten die Neuankömmlinge zum Einwohnermeldeamt, erklären, wie man ein Girokonto eröffnet oder eine Versicherung abschließt. Wer nicht auf Anhieb eine Wohnung findet, den quartiert die Klinik die ersten drei Monate kostenfrei in einem Appartement oder einer Pension ein. Die wichtigste Voraussetzung für den Klinikverbund mit seinen insgesamt 2300 Mitarbeitern und rund 1000 Betten: die medizinische Qualifikation muss stimmen - und die Bewerber müssen gut Deutsch sprechen.

Nur so bekommen die Neuen nämlich eine Approbation in Deutschland. "Der Arzt muss ja mit den Patienten kommunizieren können", sagt Adam. Bei Bedarf organisiert die Klinik zusätzliche Sprachkurse und übernimmt die Kosten dafür, allerdings nur, wenn die Ärzte hinterher auch wirklich anheuern. Der zusätzliche Aufwand bei der Personalakquise wird aus Adams Sicht durch die Zahlen gerechtfertigt: "Im April 2011 hatten wir fünf Bewerbungen, im Oktober waren es schon 100." Und fügt hinzu: "Wir sind als Haus gefordert, die Mitarbeiter zu binden, da fängt die Arbeit erst richtig an."

Nette Kollegen und ein Sechs-Jahres-Vertrag

Auch Kostas Georgius Start als Assistenzarzt in der Kardiologie in Kleven verlief gut behütet. Da waren die netten Kollegen, der Sechs-Jahres-Vertrag, eine Perspektive. Und der erste Tag in der Stadt, Sommer, Sonne, 32 Grad. "Ach, das ist ja wie in Griechenland", habe er gedacht.

Sogar die Wohnungssuche löste sich schnell - von Grieche zu Grieche in einem Klever Einkaufszentrum. "Ich hörte den Geschäftsmann zufällig in meiner Heimatsprache reden und fragte ihn, ob er eine Wohnung wüsste", erzählt Georgius. Der andere habe geantwortet: "In zwei Monaten bin ich weg, dann kannst du meine haben." 60 Quadratmeter, beste Lage, Innenstadt. Der Mann zog aus, Kostas ein.

Fragt man Mediziner Kostas Georgiu, wann er das Gefühl hätte, in Kleve heimisch zu sein, sagt er scherzend: "Wenn der Sommer nicht verregnet ist." Auch er glaubt, dass die deutsche Gesellschaft freundlich und tolerant gegenüber Ausländern ist - trotz der Mordserie der Neonazis. Den besten Beweis hat er am frühen Morgen erlebt. Minutenlang habe er versucht, die Scheiben seines Autos mit der Hand vom Eis zu befreien, erzählt er und grinst. Eine Frau fragte ihn schließlich: "Brauchen Sie einen Eiskratzer?"

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