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Anonyme Samenspende Urteil macht „Spenderkindern“ Hoffnung

Das Essener Zentrum für Reproduktionsmedizin muss Sarah P. den Namen ihres Vaters preisgeben. Ihre Mutter hatte sich vor 22 Jahren anonym befruchten lassen. Das Urteil lässt auch andere „Spenderkinder“ hoffen.

© dpa Vergrößern Achtzig- bis hundertfach vergrößert: die Befruchtung einer Eizelle mit einer Injektionspipette

Amelie ist Ende 20. Ihr richtiger Name soll nicht genannt werden, sie will nicht so viel Öffentlichkeit. Vor allem möchte sie ihre Eltern nicht belasten. Daher ist sie auch nicht selbst vor Gericht gezogen, um zu erfahren, wer ihr leiblicher Vater ist. „Ich bin sehr dankbar, dass Sarah diese Last für uns alle auf sich genommen hat“, sagt sie. Mit „für uns alle“ meint Amelie die etwa 100000 Kinder, die in Deutschland seit den siebziger Jahren durch künstliche Befruchtung mit Samen anonymer Spender geboren wurden. Sarah P. ist die Klägerin im Prozess vor dem Oberlandesgericht Hamm, das am Mittwoch den Leiter des Essener Zentrums für Reproduktionsmedizin, Thomas Katzorke, dazu verurteilt hat, den Namen des Samenspenders zu nennen.

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Amelies Mutter war damals ebenfalls bei Thomas Katzorke. Wie Sarahs Mutter hat auch sie unterschrieben, dass sie keine Nachforschungen über den Spender anstellen werde. „Daran bin ich aber nicht gebunden“, sagt Amelie. Deshalb ist sie auch vor fünf Jahren in die Klinik gefahren, um mit Katzorke über ihren leiblichen Vater zu sprechen. „Er hat mich zwar angehört, mir aber dann gesagt, dass ich schließlich einen sozialen Vater habe und das doch reiche.“ Der Reproduktionsmediziner habe offensichtlich gar nicht verstanden, was Kinder umtreibt, die durch Samenspende gezeugt wurden. „Es ist nicht so, dass wir keinen Vater haben, der sich um uns kümmert. Es ist vor allem auch nicht so, dass wir Unterhaltsansprüche geltend machen wollen. Es ist einfach so, dass die Hälfte unseres genetischen Materials von einer Person abstammt, die wir nicht kennen, aber über die wir etwas wissen möchten.“ Um darauf aufmerksam zu machen, gibt es den Verein „Spenderkinder“. Amelie ist Mitglied, die Klägerin Sarah Vorsitzende.

Das Oberlandesgericht Hamm hat abgewogen zwischen den Interessen von Sarah P. und denen des behandelnden Arztes. Auf Seiten der Klägerin sei das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Kindes zu berücksichtigen, das nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts von 1988 und 1989 auch das Recht umfasst, seine biologische Abstammung zu kennen. Das Persönlichkeitsrecht schütze aber auch den Arzt. „Sein Geschäftsmodell beruht auf Anonymität“, erklärt OLG-Pressesprecher Christian Nubbemeyer. „Wenn er zur Auskunft gezwungen wird, ist es auch ein Einschnitt in seine rechtlich geschützte Sphäre.“

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Nach Auffassung des Gerichts überwiegen die Interessen der Klägerin. Zu berücksichtigen sei dabei, dass der Arzt die Folgen der Samenspende schon vorab hätte berücksichtigen müssen. Daher hätte er sich auf ein Auskunftsverlangen des Kindes einstellen können. In den seinerzeit geltenden Richtlinien der Bundesärztekammer sei schon darauf hingewiesen worden, dass das gezeugte Kind die gesetzliche Vaterschaft anfechten könne und dann ein Recht darauf habe, die Vaterschaft des Samenspenders feststellen zu lassen. Der Arzt könne sich auch nicht auf die ärztliche Schweigepflicht berufen, weil er dazu verpflichtet sei, Auskunft zu erteilen.


Das Gericht ließ auch den Einwand des Arztes nicht gelten, dass er die Auskunft nicht erteilen könne, weil er die Informationen nicht mehr habe. „Selbst wenn der Beklagte sich nicht persönlich daran erinnert, treffen ihn als verantwortlichen Gesellschafter der Klinik Nachforschungspflichten“, sagt Gerichtssprecher Nubbemeyer. Denen sei er nicht nachgekommen. Das Gericht musste sich deshalb gar nicht im Detail mit der Frage auseinandersetzen, ob der Beklagte die Unterlagen über die Behandlung aufbewahren musste. „Bis 2007 gab es nur eine Frist von zehn Jahren“, sagt Jochen Taupitz, Professor für Medizinrecht an der Universität Mannheim und stellvertretender Vorsitzender des Ethikrates. „Mit der Reform des Transplantationsgesetzes ist sie auf 30 Jahre verlängert worden.“

Gegen das Urteil ist die Revision nicht zugelassen. Wenn der Arzt trotz des Urteils der Klägerin den Namen ihres leiblichen Vaters nicht nennt, kann sie ihn nach Ablauf eines Monats dazu zwingen lassen. Dann droht ihm eine Zwangshaft von bis zu sechs Monaten oder Zwangsgeld bis zu 25000 Euro. Um das zu vermeiden, müsste der Arzt beweisen, dass es ihm unmöglich ist, die Auskunft zu erteilen.

„Kind kann einen Identitätsbruch erleben“

Petra Thorn, die Vorsitzende des „Beratungsnetzwerks Kinderwunsch“, sieht in dem Urteil von Hamm einen Schritt zu mehr Klarheit beim Thema Familienbildung mit Spendersamen. Allerdings geht ihr die Entscheidung noch nicht weit genug. Sie fordert eine gesetzliche Regelung des Auskunftsanspruchs, eine umfassende Freistellung der Samenspender von allen Unterhalts- und Erbschaftsansprüchen sowie eine zentrale staatliche Dokumentation der Daten und eine Aufbewahrung für länger als 30 Jahre.

Die Familientherapeutin beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit diesem Thema. „Wenn ein Kind erst nach dem frühen Kindesalter erfährt, dass sein Vater nicht sein Erzeuger ist, kann das Kind einen Identitätsbruch erleben. Für manche Kinder ist es ein schwieriger psychologischer Prozess, die Identität zu erneuern“, sagt Frau Thorn. Sie plädiert deswegen dafür, Kinder sehr früh darüber aufzuklären. „Die Erfahrungen zeigen, dass das meist unproblematisch verläuft und die Kinder ganz unbelastet damit umgehen.“ Für Kinder sei es wichtig zu erfahren, von wem sie abstammen – ob sich eine Beziehung zwischen Spender und Kind entwickelt, sei ihnen dann selbst überlassen; dem sei juristisch nicht beizukommen.

Nach Schätzungen des „Vereins Spenderkinder“ erfahren nur fünf bis zehn Prozent der künstlich gezeugten Kinder von ihren Eltern, dass sie mit einer Samenspende gezeugt wurden. Amelie gehört zu dieser Minderheit. „Ich war zehn Jahre alt, meine Eltern saßen abends mit mir am Bett“, erzählt sie. „Wir haben darüber gesprochen, ob ich meinem Vater oder meiner Mutter ähnlich sehe. Diese Situation haben meine Eltern genutzt, und ich bin ihnen sehr dankbar dafür.“

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.02.2013, 16:54 Uhr