21.01.2012 · Nancy hat eine Tochter bekommen und dabei ihren Namen nicht genannt. Doch anonyme Geburten geschehen in einer rechtlichen Grauzone. Das soll sich jetzt ändern.
Von Katrin HummelWenn sie nicht auf dieser Eispfütze ausgerutscht wäre und ins Krankenhaus gemusst hätte - Nancy hätte wahrscheinlich erst mit dem Einsetzen der Wehen wahrhaben wollen, dass sie ein Kind bekommt. „Ich habe bis zu dem Zeitpunkt nichts geahnt, ich hatte immer Zwischenblutungen, die Kindsbewegungen habe ich nicht gespürt, und im Winter ist man ja eh immer ein bisschen dicker“, behauptet die zwanzigjährige Hamburgerin.
An jenem Wintertag aber eröffnete ihr der Arzt nach der Untersuchung: „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind im siebten Monat schwanger.“ Die Nachricht stürzte Nancy in Not: „Ich lebte als Gast in der Wohnung eines Freundes, meine Ausbildung zur Restaurantfachfrau hatte ich abgebrochen, ich hatte keinen Partner und arbeitete von früh bis spät in einer Kneipe auf dem Kiez. Was sollte ich mit einem Kind?“ Als dann auch noch der Vater, mit dem sie bloß eine kurze Affäre gehabt hatte, auf ihre Vaterschafts-SMS nicht antwortete, verfiel Nancy in einen Zustand der Schockstarre und verheimlichte die Schwangerschaft. „Ich trug nur noch weite Klamotten und erzählte allen, ich hätte einen Magenriss. Keine Ahnung, ob es das überhaupt gibt. Aber alle haben das geglaubt. Auch meine Mutter.“
Erst als die Wehen schon alle fünf Minuten kamen, griff Nancy weinend zum Telefonhörer und wählte eine Nummer, die sie im Internet gefunden und auf dem Abriss einer Zigarettenschachtel in ihrem Geldbeutel aufbewahrt hatte: die des Hamburger Projekts „Findelbaby“, das es Frauen ermöglicht, ihr Kind in einem Krankenhaus zur Welt zu bringen, ohne den eigenen Namen zu nennen, oder in eine Babyklappe zu legen.
Fast 1000 Kinder sind in Deutschland in den vergangenen zwölf Jahren auf diese Art zur Welt gekommen. 652 Kinder wurden anonym geboren, 278 in eine Babyklappe gelegt, weitere 43 Kinder anonym übergeben. Etwa hundert Babyklappen gibt es hierzulande, etwa 130 Kliniken ermöglichen Müttern eine anonyme Geburt. Die meisten Babys werden danach zur Adoption freigegeben. So richtig erlaubt ist das alles aber bislang nicht. Es gibt eine rechtliche Grauzone. Und genau das soll sich nun ändern. Familienministerin Kristina Schröder arbeitet an einem Gesetz, das regeln soll, was erlaubt ist und was nicht.
Schröder plant, die Babyklappen beizubehalten und auch anonyme Geburten weiter zuzulassen, „denn dadurch werden Leben gerettet“. Allerdings will sie darauf hinarbeiten, dass die Mütter in den Krankenhäusern häufiger ihren Namen nennen. Das bedeute nicht, dass eine Meldebehörde oder sonst irgendjemand davon erführe. Aber zumindest hätten die betroffenen Kinder dann „ab einem gewissen Alter die Chance, ihre eigene Identität festzustellen“, so die Ministerin über diese sogenannte vertrauliche Geburt.
Wie viele Mütter sich darauf einlassen werden, kann niemand sagen. Nancy jedenfalls hätte im Krankenhaus nicht ihren Namen nennen wollen. Denn sie wollte ihre Tochter nicht behalten, weil sie „zweifelte, ob ich es als alleinerziehende Mutter schaffe. Ich bin selbst nicht großartig gut aufgewachsen. Meine Eltern hatten Alkoholprobleme, sie haben sich getrennt, als ich noch ein Baby war, und es gab immer Gewalt.“ Vielmehr wollte Nancy so tun, als hätte sie dieses Kind niemals bekommen: „Ich wollte es nicht sehen und nichts mit ihm zu tun haben.“
Daher wollte sie unbedingt anonym bleiben. Nur ihren Vornamen gab sie preis, und dem Taxi, das Leila Moysich von „Findelbaby“ ihr rief, nannte sie nicht ihre Adresse, sondern eine Straßenecke. „Ich war mental nicht so die Stärkste. Ich war total überfordert. Ich wollte Vater, Mutter, Kind, wie man sich das vorstellt. Aber ich wollte auch, dass mein Kind es mal besser hat als ich. Und ich dachte, dass ich ihm das nicht bieten kann.“
Eine solche mentale Überforderung ist häufig der Grund, aus dem Mütter ihre Babys in eine Babyklappe legen oder anonym entbinden. Auch Beziehungsprobleme, soziale Notsituationen, Druck aus der Herkunftsfamilie oder religiöse Überzeugungen können die Ursache sein. Oft sogar all das zusammen. Das geht aus einer Untersuchung hervor, die das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in der vergangenen Woche vorgelegt hat und die revidiert, was man seit Einführung der ersten Babyklappe vor zwölf Jahren glaubte: dass es vor allem Prostituierte, Drogenabhängige oder sehr junge Frauen seien, die solche Angebote nutzten.
In Wirklichkeit, so fand das DJI heraus, kommen die Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten und sind ganz unterschiedlich alt. Ihnen gemeinsam ist nur eines: Sie befinden sich in einer für sie ausweglosen Situation, die es ihnen unmöglich macht, über ihre Schwangerschaft zu reden, sich im Vorfeld der Entbindung Hilfe zu suchen - und meist sogar, ihre Schwangerschaft überhaupt wahrzunehmen.
Nur ganz langsam kann, wenn überhaupt, in manchen dieser Mütter der Wunsch erwachen, ihr Kind doch zu behalten. „Wir sagen immer: Du darfst dein Kind auch im Arm halten, wenn du es nicht behalten willst“, sagt Moysich. „Wir fragen, ob die Mutter die Nabelschnur durchschneiden will und ob sie schon einen Namen ausgesucht hat. Und wir sagen ihr, dass sie sich Zeit nehmen soll, um eine Entscheidung zu fällen.“ Eine Woche haben die Eltern normalerweise, um die Geburtsurkunde ausstellen zu lassen. „Aber wir sagen den Behörden, dass die Mutter noch Zeit braucht und sich erst in acht Wochen entscheiden wird“, so Moysich.
Bei Nancy hat es nicht ganz so lange gedauert. Sie zog mit ihrer Tochter Alexandra in ein Mutter-Kind-Heim des Vereins „SterniPark“, der auch Träger von „Findelbaby“ ist, und überlegte dort, ob sie sich ihre neue Rolle zutrauen würde. „Ich habe da ganz viel mit den Betreuern und den anderen Müttern gesprochen und immer wieder gefragt: ,Was haltet ihr davon, wie ich das mache mit meinem Kind?’ Und die haben mich bestärkt.“
Ihr Schlüsselerlebnis aber hatte sie, als sie krank wurde und ins Krankenhaus musste - ohne Töchterchen Alexandra. „Da hab’ ich die Betreuer angefleht: ,Bringt mir das Kind vorbei!’“ Noch heute, ein gutes Jahr später, weint sie bei dem Gedanken daran, wie sehr sie ihre Tochter vermisst hat.
Vier Wochen nach der Geburt ließ sich Nancy als Mutter in die Geburtsurkunde eintragen. Sechs Wochen nach der Geburt entschied sie, dass sie Alexandra behalten wollte. Mehr als drei Monate blieb sie im Mutter-Kind-Heim. Und inzwischen lebt sie sogar wieder mit dem Vater des Kindes zusammen. „Ich hab’ ihn einfach irgendwann mit der Kleinen besucht. Da hat er sich neu in uns verliebt.“
Obwohl es oft vorkommt, dass sich Mütter nach einer anonymen Geburt doch noch für ihr Kind entscheiden oder zumindest ihre Identität preisgeben (nur bei 314 der 1000 Kinder blieb die Herkunft dauerhaft anonym), ist der Deutsche Ethikrat dafür, Babyklappen und anonyme Geburten zu verbieten. Das liegt daran, dass seit der Einführung der Babyklappen nicht weniger Neugeborene tot aufgefunden wurden als früher; allein im vergangenen Jahr waren es mindestens fünfzehn.
Außerdem gibt es manchmal „echte Interessenkonflikte“, wenn es um die Adoption der Babys geht, wie das DJI in seiner Studie schreibt. Zum Beispiel, wenn die Einrichtungen, die Babyklappen haben, gleichzeitig auch nach Adoptiveltern suchen. Hinzu kommt: Bei einigen anonym geborenen Kindern ist überhaupt nicht klar, wo sie geblieben sind. Freilich müsse man da nicht gleich an Kinderhandel denken, so das DJI. Vielmehr seien die Angaben der Jugendämter und Träger freiwillig und daher zum Teil lückenhaft.
Der Fall Alexandra immerhin ist nun amtlich. Und nicht nur das. Sie hat eine richtige Großfamilie, denn auch Nancys Eltern und Geschwister haben die Kleine in ihr Herz geschlossen. Und deswegen will Nancy ihrer Tochter sogar irgendwann, wenn sie groß ist, erzählen, dass sie sie am Anfang gar nicht haben wollte. „Ich glaub’ nicht, dass sie mich deswegen verurteilen wird. Besser so als tot im Koffer oder tot im Fluss.“
Katrin Hummel Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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