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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Anonyme Bestattungen Unsere Lieben, vom Winde verweht

19.11.2009 ·  Immer mehr Menschen wollen anonym bestattet werden, um niemanden mit ihrem Tod zu belasten. Geschäftstüchtige Firmen profitieren davon. Aber nur die Kirchen nehmen sich der Trauer der Hinterbliebenen an.

Von Karin Erichsen, Schwerin
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So ganz genau weiß Heinz Gienap nicht, wo seine Frau begraben liegt. Er steht auf einer großen Wiese auf dem Schweriner Waldfriedhof und hält eine Blume in der Hand. Hier irgendwo hat der Dreiundneunzigjährige vor fünf Jahren seine Frau bestattet. Dabei hatte er versucht, sich bei der Beisetzung die Stelle genau einzuprägen: Zwischen den beiden großen Bäumen, ungefähr in der Mitte. Dort legt er seine Blume hin. Einen Gedenkstein zur Orientierung gibt es nicht. Eigentlich ist es verboten, die Wiese zu betreten, schließlich ist sie eine Grabanlage. Doch das kümmert den alten Mann nicht. Bald will er selbst hier ruhen. Der Trend ginge doch dahin, so schnell und unkompliziert wie möglich unter die Erde zu kommen, sagt er.

Wie Heinz Gienap denken immer mehr Menschen. Im Osten Deutschlands wünscht sich inzwischen jeder Dritte eine schlichte anonyme Bestattung; in den Großstädten Berlin, München und Hamburg wird beinahe die Hälfte der Verstorbenen auf diese Weise beigesetzt. Besonders häufig entschließen sich dazu Menschen mit geringerem Bildungsstand.

Der Tod wird ausgeblendet

Aber nicht nur das anonyme Urnengemeinschaftsfeld wird gewählt, sondern auch ein Grab in der Hohen See oder eine sogenannte Aschestreuwiese, wo der nächste Herbst- oder Frühlingssturm verweht, was von ihnen oder ihren Lieben übrig blieb. Zwar entfällt dabei der Aufwand für die Grabpflege und den Gedenkstein – aber die steigende Zahl anonymer Bestattungen allein mit dem finanziellen Argument zu begründen, greift zu kurz, Zumal die öffentliche Wohlfahrt einspringt, wenn eine Familie die Bestattungskosten nicht tragen kann. Der Grund ist wohl ein anderer: In einer Zeit, die auf Jugend, Gesundheit, Erfolg und Wendigkeit setzt, scheinen der Tod und seine Folgen zu stören, er wird zunehmend aus dem Alltag ausgeblendet.

Die Gräber, einst mitten in der Stadt gelegen, werden ins Umland verbannt und sind zu Fuß kaum noch erreichbar. Nur wenige haben persönlich mit einem Todkranken oder Sterbenden zu tun. Die Zahl der Einsamen, die in Hospizen und Altenheimen auf das Ende warten, steigt dagegen. Und der Umgang mit dem Leichnam bleibt dem Bestatter überlassen, der sofort bestellt wird, sobald ein Mensch gestorben ist. Es ist für die meisten kaum noch vorstellbar, den Verstorbenen wie in früheren Zeiten zu Hause selber zu waschen und ihn aufzubahren, um langsam Abschied nehmen zu können. Dabei wäre es theoretisch möglich, ohne Bestattungsunternehmer alles selbst zu regeln, mit dem Friedhof, den Freunden, Behörden, dem Schreiner, Pfarrer oder Trauerredner.

Die Regeln sind rigide

Die meisten Menschen fürchten sich davor, das Thema Sterben auf den Plan zu rufen. Selbst im engsten Familienkreis werde darüber kaum gesprochen, sagt Kerstin Gernig, Vorsitzende des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur. Eltern wollten ihre Kinder, die mitten im Leben stünden, damit nicht belästigen. Viele hätten zudem eine abergläubische Angst, den Tod herbeizureden. Die Kinder wiederum vermieden es, Eltern und Großeltern darauf anzusprechen, denn sie möchten nicht den Eindruck erwecken, es sei ihrer Ansicht nach nun bald soweit mit dem Vater und man müsse endlich das Testament aufsetzen.

So verfügen alte Menschen immer häufiger eine anonyme Bestattung – ohne sich zuvor mit ihren Angehörigen besprochen zu haben, aber in der Annahme, sie dürften ihren Kindern, vor allem, wenn die weit entfernt oder sogar im Ausland leben, die Grabpflege nicht zumuten. Die Erfüllung dieses letzten Wunsches fällt vielen Hinterbliebenen dennoch schwer. Denn die Regeln sind rigide: Auf vielen Friedhöfen dürfen Freunde und Verwandte der anonymen Beisetzung nicht einmal beiwohnen. Es soll vermieden werden, dass sie später, wie Heinz Gienap, Blumen, Kerzen und andere Grüße auf dem Rasen des Urnengemeinschaftsfeldes ablegen. So verschwinden verstorbene Familienmitglieder oft ohne Abschiedszeremonie und ohne dass ein Ort zum Trauern bleibt, wo Kinder, Enkel, Bekannte sich erinnern könnten.

Die Kirchen sind alarmiert

Diese Entwicklung alarmiert die Kirchen, für die ihre Gemeinden immer noch aus den Lebenden und den Toten bestehen. In vielen Städten bieten sie inzwischen ökumenische Gedenkgottesdienste für Menschen an, denen ein Ort zum Trauern fehlt. Auch der Schweriner Dompastor Volker Mischok und sein katholischer Amtskollege Winfried Schiemann halten es für ihre seelsorgerliche Pflicht, Hinterbliebenen, die ihren Schmerz nicht überwinden können, Beistand zu leisten. Zweimal jährlich laden sie zum Totengedenken ein. Bis zu dreißig Trauernde kommen zu diesen stillen Feiern in den Schweriner Dom. In ein großes, schwer eingebundenes Buch können sie den Namen ihres anonym bestatteten Angehörigen schreiben und eine Kerze anzünden, egal, ob sie protestantisch oder katholisch sind oder keiner Kirche angehören. Das Totenbuch wird sichtbar in der Grablege des Domes aufbewahrt. So schafft die Kirche einen Ort zur Andacht. Die Hinterbliebenen brauchen nicht mehr am Strand oder auf einer großen anonymen Rasenfläche zu trauern.

Nicht nur als Seelsorgerin, sondern auch als Theologin hält Friederike von Kirchbach, Pröpstin von Berlin-Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz, anonyme Bestattungen für bedenklich. „Gott hat jeden Menschen bei seinem Namen gerufen“, zitiert sie aus dem Buch Jesaja (Jes 41,1). Deshalb sei der Name auch über den Tod hinaus so bedeutsam in der Beziehung zwischen Mensch und Gott.

Die Bedeutung des „Gottesackers“ sinkt

Die evangelische Kirche sei bestrebt, dem entgegenzuwirken, sagt die Pröpstin. Sie ermöglicht auf ihren Friedhöfen einfache, aber dennoch würdevolle Bestattungen. Vor allem aber suche sie den Kontakt zu den städtischen Behörden, um rechtzeitig zu erfahren, wo einsame Menschen in Heimen und Krankenhäusern verstorben sind, sagt Frau von Kirchbach. Dort würden Tote, obwohl sie manchmal sogar ein Sparbuch für die Beerdigung angelegt hätten, mitunter einfach entsorgt, verbrannt und verscharrt. Das müsse verhindert werden. Deshalb bietet die Kirche zum Beispiel Bestattungen in kleinen Urnengemeinschaftsanlagen an, wo wenigstens der Name und die Lebensdaten des Toten in eine Steinstele eingraviert werden können. Auf dem Friedhof in Stahnsdorf bei Berlin ermöglicht die Kirche außerdem die Beisetzung in naturbelassene Grabstellen mit schlichten Steinen, unter einem Baum.

Einer Emnid-Umfrage zufolge können sich über die Hälfte der Menschen heute auch eine Ruhestätte außerhalb des Friedhofes vorstellen. Die Bedeutung des „Gottesackers“ als symbolischer Ort des Übergangs zwischen Diesseits und Jenseits sinkt in dem Maße, wie der Glaube an ein Leben nach dem Tod schwindet. In diese spirituelle Lücke stoßen geschäftstüchtige Franchise-Unternehmen. Meist in Kooperation mit Forstämtern oder Kommunen, bieten Firmen wie „FriedWald“ oder „Ruheforst“ sogenannte Naturbestattungen im Grünen an. Sie verweisen auf die Bestattungstradition der alten Germanen, auf die mythische Verbindung der Deutschen zum Wald, die, mit der Weltesche in der Edda begründet, sich über die Romantik und die Reformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts fortsetzte und bis in die Gegenwart besteht.

Der Preis ist von der Güte des Baumes abhängig

Frei nach Goethe wirbt etwa die Ruheforst GmbH forsch mit „Unter allen Wipfeln ist Ruh“ für Urnengrabstellen in den Wurzeln von Bäumen. Der Preis für einen Ruheplatz in einem „Gemeinschaftsbiotop“ oder einem „Familienbiotop“ für zwölf Verstorbene ist dabei von der Güte des Baumes abhängig.

Wer wie ein germanischer Stammesfürst unter einer alten Eiche oder einem besonders markanten Baum liegen will, der muss mit Kosten rechnen, die eine normale Friedhofsgebühr bei weitem übersteigen. Allerdings wird die Grabstelle hier auch für neunundneunzig statt für zwanzig Jahre erworben. Die Bestattung im Wald, bei jeweils auch eine kleine Plakette mit Namen und Lebensdaten des hier beigesetzten Menschen der an den Baum angebracht werden kann, scheint vielen Menschen der goldene Mittelweg: Zwar fallen sie nach ihrem Tode niemandem mehr zur Last, weil die Natur die Grabpflege übernimmt und die Ruhestätte für das nächste Jahrhundert noch zu Lebzeiten bezahlt ist. Gleichwohl existiert ein solider, individueller Ort, ein Baum, der aus der Anonymität herausragt und den die Angehörigen aufsuchen können. Die Kirchen sehen die Waldbestattungen mit Skepsis, verschließen sich diesem Trend jedoch nicht. Sie haben teilweise große Kreuze auf den Lichtungen aufgestellt, eine christliche Bestattung im „Biotop“ ist möglich. Manchmal leitet aber auch der Förster die Beisetzungszeremonie.

Und so wurde, sieht man davon ab, dass die traditionelle Friedhofskultur mit ihren Kapellen, Engelsfiguren, Schmetterlingen, Steinreuzen und Trauerweiden verloren geht, eine sehr praktische Lösung für unser Problem mit dem Tod gefunden.

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