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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Familie Roncalli Dem Zirkus verfallen

 ·  Althoff, Sarrasani, Barum, Busch-Roland - von den großen Zirkussen zieht nur noch Roncalli durch die Lande. Die drei Kinder des Gründers wollen weitermachen.

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© Kien Hoang Le Familienzirkus

Der Zirkus wird sterben, hat Bernhard Paul in den neunziger Jahren vorausgesagt. Der Gründer und Direktor des Zirkus Roncalli hat weitgehend recht behalten: Circus Carl Althoff - Mitte 2000 insolvent. Sarrasani - als klassischer Reisezirkus abgedankt. Barum - den Betrieb 2008 eingestellt. Busch-Roland - seit 2010 nicht mehr auf Tournee. Und Roncalli? Dieser Zirkus zieht weiter durch die Lande. Vorstellungen gibt es in Luxemburg bis Mitte Juli, dann folgen Hannover, Lübeck und Hamburg. Doch wie lange noch wird Roncalli auf Tour sein?

Bernhard Paul, der Mann, der Roncalli erfunden und daraus eine Marke gemacht hat, ist im Mai 65Jahre alt geworden. Manchmal träumt er davon, nur noch auf der Terrasse seines Hauses auf Mallorca zu sitzen, aufs Meer zu blicken und zwischendurch einen gebratenen Fisch zu verspeisen. Es wird vorerst ein Traum bleiben. Bevor Paul den Wohnwagen verlässt und sich ganz auf seine Insel verzieht, muss er seine drei Kinder in die Kunst des Unmöglichen einweihen, nämlich einen Zirkus durch eine dem Zirkus unfreundlich gesinnte Welt zu steuern.

Von den sogenannten Tierschützern, die Elefanten, Tiger und vermutlich am Ende auch Pferde im Zirkus verbieten wollen, wird Paul zum Glück nicht bedrängt, denn bei Roncalli gibt es keine exotischen Tiere. Dafür muss er sich mit Bürokraten der Europäischen Union herumschlagen, die kürzlich etwa beschlossen haben, dass alle Fahrzeuge ein Zweikreisbremssystem haben müssen. Jetzt muss Paul seine Aushängeschilder, die alten Zirkuswagen, für fast eine halbe Million Euro mit neuen Achsen ausrüsten. „Die schlimmsten Feinde des Zirkus sind der schlechte Zirkus und die Bürokratie“, schimpft Bernhard Paul gerne. Den schlechten Zirkus bekämpft er mit gutem Zirkus, gegen die Bürokratie hat er noch kein Kraut gefunden. Die Stadtverwaltungen verweigern Zirkussen oft die wenigen verbliebenen guten Plätze, ihre Ordnungsdienste reißen immer häufiger die Plakate herunter, die nicht an Litfaßsäulen kleben. Unternehmen wie Roncalli müssen jetzt Plakatwände buchen, die sie sich eigentlich nicht leisten können.

„Time is Honey“

Solche Probleme sind Adrian, Vivi und Lili bestens bekannt. Beim Essen im Salonwagen der Familie Paul haben die drei Kinder des Direktors schon oft ihre Eltern darüber sprechen hören. „Man muss im Zirkus immer kämpfen“, sagt Adrian. Trotzdem wollen er, der Einundzwanzigjährige, und die um zwei Jahre ältere Vivi, ja selbst Lili, mit ihren 14 Jahren das Nesthäkchen der Familie, im Zirkus bleiben. Und nicht nur das. Die drei Kinder Bernhard Paulsund seiner aus einer italienisch-französischen Zirkusdynastie stammenden Frau Eliane Larible möchten Roncalli weiterführen. Zu dritt.

Die Eltern haben die Mädchen und den Jungen nie auf Zirkus gedrillt. Im Gegenteil, Paul hat die Kinder sogar gewarnt: „Zirkus ist hart, macht doch etwas anderes.“ Natürlich hat er heimlich immer gehofft, sie würden in seine Fußtapfen treten. Deshalb sind er und seine Frau auch nicht dagegen eingeschritten, als Lili sich schon im Kindesalter von Artisten Kunststücke zeigen ließ oder Vivi sich im Wohnzimmer artistisch verbog und schließlich ihre Füße auf den Kopf zu legen vermochte. Nun bestreiten die Mädchen zum ersten Mal zusammen mit einer italienischen Cousine und anderen jungen Artisten die Eröffnungsnummer des neuen Programms „Time is Honey“: Vivi am schwebenden Ring und Lili als Schlangenfrau.

Von der Seite schaut ihr Bruder Adrian zu, ob alles richtig funktioniert. Er leitet derzeit die täglichen Aufführungen - allerdings unter der Oberaufsicht seines Lehrers Patrick Philadelphia. Für jede schwierige Situation muss ein Abendregisseur, wie Adrian es jetzt ist, eine schnelle Lösung finden. Neulich zum Beispiel fiel während der Vorstellung der Motor aus, mit dessen Hilfe die Flieger-Artisten in die Kuppel hochgezogen werden. Adrian leitete sofort zu einer neuen Nummer über, ohne dass dem Publikum die Panne auffiel.

Musiker, Stepptänzer, Frauenarzt

Der Sohn des Direktors hat, wie auch seine Schwester Vivi, die Schule abgeschlossen: er mit der Fachhochschulreife,sie mit der mittleren Reife. Adrian wollte schon vieles werden in seinem Leben: Musiker, Stepptänzer, Frauenarzt. Er hat längere Zeit außerhalb des Zirkus gelebt, ist aber schließlich zurückgekommen: „Ich fühlte mich draußen irgendwie verloren.“ Zirkus, erläutert er unter dem beifälligen Nicken seiner älteren Schwester Vivi, sei eine „andere Welt“. Vater Paul spricht von einem „Biotop“, in dem die Kinder geborgen seien, einem „Paradies“. Tochter Vivi schwärmt vom Zirkus als einer großen Wohngemeinschaft. „Man muss aber hart dafür arbeiten, dass dieses Biotop erhalten bleibt“, glaubt Adrian.

Seit geraumer Zeit tut er das. In einer Art Ausbildung durchläuft er alle Stationen des Zirkus. Als talentierter Gitarrist, der er ist, spielte er in der vergangenen Saison im Zirkusorchester. Das Zelt aufzubauen und die Technik zu installieren, hat er auch schon halbwegs gelernt. Jetzt muss er sich noch Marketing, Pressearbeit und kaufmännische Verwaltung erarbeiten. Zirkusdirektoren sollten Alleskönner sein. „Wenn du jemand zu etwas anweist, sollst du es möglichst auch selbst können“, lautet Bernhard Pauls Philosophie.

„Wir sind dem Zirkus verfallen“

Zu dritt, so ihr Plan, wollen die Kinder einmal Roncalli leiten. Adrian wird wohl für die Technik verantwortlich sein, Vivi könnte die künstlerische Leitung übernehmen. Und Lili? „Die Lili wird Einkäuferin“, sagt der Vater, „die ist geschickt mit Geld.“ Doch zuerst muss sie die Schule abschließen. Vielmehr: Sie muss bei ihrem Privatlehrer gut aufpassen, auf dass sie am Ende alle Prüfungen besteht. „Wir sind dem Zirkus verfallen“, sagt Adrian. Das Reisen in immer neue Städte zähle zum Schönsten in diesem Metier, stellt Vivi fest. Wien, Brüssel, Luxemburg, Frankfurt - das sei schon toll, sagt sie. Vivi ist ehrgeizig und nicht nur als Artistin professionell. Deshalb nimmt Paul diese redegewandte Tochter mittlerweile immer auf Pressekonferenzen mit.

Der Direktor weiß, dass er sich noch lange nicht auf die Insel zurückziehen kann. Ohne ihn, ohne seine fast berüchtigte Tatkraft, ohne seine Erfahrung, ohne seine immer neuen Ideen könnte Roncalli schnell ins Schlingern kommen. „Ich bin ständig dran, alles noch besser zu machen“, sagt Paul. Das ist kein Spleen von ihm, sondern bittere Notwendigkeit in diesem Geschäft. Wer nicht ständig auf der Höhe der Zeit ist, wer die Veränderungen im Geschmack und in den Moden nicht wahrnimmt und darauf reagiert, wird wie Barum, Carl Althoff oder Busch-Roland enden. Das soll Roncalli nicht passieren. „Ich will den Zirkus für meine Frau und meine Kinder erhalten, das ist meine tiefste Motivation“, sagt Paul. Die Insel muss wahrscheinlich noch lange auf ihn warten.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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