05.07.2007 · Seit drei Monaten sitzt Marco W. in türkischer Untersuchungshaft. Die Anklage lautet: „sexuelle Ausbeutung zum Nachteil einer Minderjährigen“. Der Fall hat im Vorfeld zu politischen Spannungen zwischen der Türkei und Deutschland geführt. An diesem Freitag beginnt nun der Prozess.
Nach drei Monaten Untersuchungshaft in der Türkei steht der 17 Jahre alte Marco W. an diesem Freitag in Antalya wegen sexuellen Missbrauchs einer jungen Engländerin vor Gericht. Die 13-Jährige wirft dem deutschen Jugendlichen sexuelle Belästigung nach einem Discoabend vor.
Der deutsche Schüler spricht dagegen von gemeinsamen Zärtlichkeiten. Wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Antalya, Yusuf Hakki Dogan, am Donnerstag erklärte, sei eine Freilassung von Marco W. zu Prozessbeginn ungewiss. Die Anklage laute auf „sexuelle Ausbeutung zum Nachteil einer Minderjährigen“. Weitere Details könne er wegen der Nachrichtensperre nicht nennen.
Eltern sind bereits angereist
Die Eltern des Realschülers aus Uelzen sind bereits vor Tagen in die Türkei gereist. Um die jugendlichen Prozessbeteiligten zu schützen, sei die Öffentlichkeit von dem Prozess ausgeschlossen worden, sagte Dogan. Auch das Gerichtsgebäude sei während der Verhandlung für Unbeteiligte nicht zugänglich.
Der deutsche Schüler Marco W. muss sich von Freitag an im türkischen Antalya wegen sexuellen Missbrauchs einer jungen Britin verantworten.
Die Staatsanwaltschaft stellte für Freitag nähere Auskünfte zur Anklage und zum Gang des Verfahrens in Aussicht. Unklar ist, ob das Gericht am Freitag eine Entscheidung fällt oder sich vertagt. Neben einer Freilassung halten Rechtsexperten eine Bewährungs- und auch eine Haftstrafe für denkbar. Das Verfahren kann auch an Deutschland abgegeben werden.
Politische Dimension bekommen
Der Fall Marco hatte hohe Wellen geschlagen, nachdem in Deutschland die Haftbedingungen in der Türkei kritisiert und Politiker auf eine Freilassung des Jungen gedrängt hatten. Selbst die EU-Tauglichkeit der Türkei war ins Spiel gebracht worden. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatten sich in den Fall eingeschaltet, wobei die Kanzlerin zuletzt zu „Behutsamkeit und Ruhe“ aufgerufen hatte.
Die Türkei hatte empfindlich auf Kritik an ihrer Justiz reagiert und betont, der Paragraf, der sexuelle Kontakte mit Kindern unter Strafe stellt, sei bereits 2005 an EU-Normen angepasst worden.
Reaktion der türkischen Medien
In Reaktion auf die Aufregung um Marco berichteten türkische Medien am Freitag in großer Aufmachung von einem siebenjährigen türkischstämmigen Jungen aus Berlin. Der Schulleiter seiner Schule habe ihn wegen sexueller Belästigung einer Mitschülerin für fünf Tage der Schule verwiesen, schrieben die Zeitungen. Die Schule bestätigte den Vorgang.
Wie die türkischen Zeitungen Hürriyet und Türkiye berichteten, sind die Eltern empört und regen sich darüber auf, dass über ihren Fall im Gegensatz zum Fall Marco in den deutschen Medien nicht berichtet werde. In Marcos Heimatstadt Uelzen sollte unterdessen am Donnerstagabend ein Fürbittengottesdienst für den Jugendlichen organisiert werden.