Home
http://www.faz.net/-gum-tnd8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fall Kevin Gewalt und Drogen

12.10.2006 ·  Nach dem Tod seiner Mutter wurde Kevin von seinem Vater betreut. Doch der hatte anderes im Sinn, als sich um seinen Sohn zu kümmern. Er nahm lieber Drogen und trank.

Von Robert von Lucius, Bremen
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Dreiunddreißig Monate hat Kevin gelebt. Er lebte zwischen Gewalt, Rauschgiftsucht und Alkoholismus der Eltern und dem Versagen der Behörden. Zwar schien ein Blick in den Keller des Mehrfamilienhauses in einem tristen Teil des Arbeiterviertels Gröpelingen im Bremer Westen auf anderes zu schließen: Dort stehen zwei Kinderwagen, ein buntes Kinderfahrrad und ein Plastiktraktor.

Doch seit dem Tod von Kevins 36 Jahre alten Mutter Sandra im vergangenen November, die an den Folgen eines Sturzes starb, haben die Nachbarn nicht mehr viel gesehen und gehört von Kevin. Als Polizisten und Mitarbeiter des Jugendamtes sich am Dienstag morgen mit Gewalt Einlaß in die Wohnung von Kevins Vater Bernd K. verschaffen, um den Jungen nach einem richterlichen Beschluß abzuholen, zeigt dieser bei der Frage nach dem Verbleib seines Sohnes stumm auf den Kühlschrank (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Tödliches Versagen im Fall Kevin).

Dort lag Kevins Leiche zwischen Lebensmitteln und Schnapsresten. Über Kevins Todesursache und auch über den genauen Todeszeitpunkt werden vermutlich erst in einigen Tagen gesicherte Erkenntnisse der Gerichtsmedizin vorliegen. Anzeichen für einen natürlichen Tod des zweieinhalb Jahre alten Jungen liegen laut Staatsanwaltschaft nicht vor.

Zweifel an der Erziehungsfähigkeit

So ermittelt die Polizei gegen den verhafteten Vater wegen Verdachts auf Totschlag und auf Verletzung der Fürsorgepflicht. In ersten Vernehmungen sprach er von einem Unfall, nun verweigert Bernd K. die weitere Aussage. Mit dem Gesetz wie auch mit Gewalt schien der 41 Jahre alte K. ständig in Berührung gewesen zu sein. Zumindest der Justiz in Bremen war die Gewalttätigkeit des Vaters bekannt. Er stand unter Bewährung, nachdem er wegen Raubs zu einer längeren Haftstrafe verurteilt worden war.

Seine Bewährungshelferin äußerte laut Aktenvermerks des Jugendamts im Januar 2006 Zweifel an der Erziehungsfähigkeiten ihres heroinsüchtigen Klienten. Wegen einer anderen Gewalttat wurde gegen ihn noch ermittelt. Zudem besteht weiterhin der Verdacht, er sei für den Tod seiner Lebensgefährtin Sandra verantwortlich. Seit fast einem Jahr laufen die Ermittlungen, nachdem die Notärztin befunden hatte, Fremdeinwirkung sei bei dem tödlichen Sturz Sandras nicht auszuschließen. Nach Aussagen von Nachbarn in diversen Medien hatten sich Kevins Eltern oft lautstark gestritten und dabei auch geschlagen.

Der von Arbeitslosengeld II lebende Vater hatte offenbar verstanden, die Behörden über Monate hinweg hinzuhalten und sich die Obhut für seinen Sohn zu erhalten. Mehrfach nahm er zunächst Angebote der Behörden an, wie etwa Kevin von einer Tagesmutter betreuen zu lassen. Er nahm zudem an einem Programm mit der Ersatzdroge Methadon teil, um sich von seiner Rauschgiftabhängigkeit zu lösen. Seine Drogenentzugstherapeuten gaben gute Prognosen für ihren Patienten ab, obwohl er offenbar neben der Ersatzdroge Methadon viel Alkohol trank, um die Rauschgiftwirkung zu verstärken.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

Jüngste Beiträge