15.11.2006 · Im Hamburger Hafen laufen die Schredder heiß: Nach dem spektakulären Fund von 117 Containern mit gefälschten Markenprodukten wird die gesamte Ware nun zerstört. Hätte man Kleidung und Schuhe nicht in die Dritte Welt schicken können? Selbst Hilfsorganisationen winken ab.
Von Stefan TomikIm Hamburger Hafen laufen derzeit die Schredder heiß: Die vom Zoll in den vergangenen Wochen entdeckte Fälscherware wird komplett zerkleinert und zerstört. 117 Container hatten die Zöllner insgesamt beschlagnahmt - vollgestopft mit nachgemachten Artikeln etwa der Marken Adidas, Puma, Nike oder Rolex. Tonnenweise wandern Turnschuhe, Textilien und Spielzeug in den Häcksler, mitsamt der Verpackung. Der Abfall türmt sich zu Bergen auf. Weil der Fund so spektakulär und die Menge so groß war, arbeiten gleich vier Firmen zusammen. Die Müllkippe der vermeintlichen Luxusprodukte wirft die Frage auf: Hätte man Kleidung und Schuhe nicht an Bedürftige verteilen können?
Das Rote Kreuz winkt ab. „Wir haben in Deutschland sowieso schon ein Überangebot an abgelegter Kleidung“, sagt Sprecher Lübbo Roewer. Mit etwa 20 Kilogramm pro Jahr seien die Deutschen Weltmeister im Spenden von Altkleidern. Und die vom Zoll beschlagnahmte Ware in Entwicklungsländer zu verschicken, sei schlicht zu teuer. „Selbst wenn uns ein Reeder Platz in seinen Schiffen zur Verfügung stellt, wären der logistische Aufwand und die im Bestimmungsland anfallenden Zölle viel zu hoch.“
Verbrennen oder verwerten?
Auch das Hilfswerk Misereor will die Ware nicht verschicken. „Dadurch würden die lokalen Märkte in Entwicklungsländern sehr geschwächt“, sagt Sprecherin Barbara Wiegand. „Deshalb senden wir grundsätzlich keine Ware, sondern kaufen direkt in den Entwicklungsländern ein. Das ist zudem günstiger.“ Mit den übrigen nachgemachten Luxusartikeln wie Rolex-Uhren oder Designer-Handtaschen kann man in der Dritten Welt wohl sowieso kaum etwas anfangen.
Auch das Hamburger Zollamt sieht keine Möglichkeit, Kleidung oder Schuhe an Bedürftige abzugeben. „Die rechtliche Lage ist eindeutig“, sagt Sprecherin Sarah Gauweiler. „Die Ware muß zerstört werden.“ Wenn die Zöllner nachgemachte Produkte finden, wird automatisch ein „Grenzbeschlagnahmeverfahren“ eingeleitet und zunächst der Rechteinhaber der Marke benachrichtigt. Die Firma bekommt einige Artikel zur Probe und zehn Werktage Zeit, um sie zu prüfen. Handelt es sich tatsächlich um Fälschungen, stellt die Firma einen Antrag auf Überlassung der Fälscherware, dem die angegebenen Empfänger der Lieferung meist zustimmen, weil ihnen anderenfalls ein Verfahren droht. Dem Markeninhaber bleibt keine andere Wahl, als die gesamte Fälscherware vernichten zu lassen. Das schreibt eine EU-Verordnung so vor. Unter Aufsicht der Zollbehörden machen sich dann private Entsorger an die Arbeit. Entscheiden kann der Rechteinhaber lediglich, was mit dem Abfall geschieht: Verbrennen oder wiederverwerten?
Die Firmen haben das Nachsehen
Bisher wurde immer verbrannt. Auch ein Großteil der nun gefundenen Artikel wandert in Müllverbrennungsanlagen oder in die Brennkammern der Zementwerke. Die Idee, aus der Ware Bodenplatten für Sportschuhe herzustellen, ist neu. „Dazu müssen wir jeden Karton aufschlitzen, Sportschuhe und Einlagen entnehmen und getrennt zerkleinern“, erklärt Carsten Lindemann, Geschäftsführer eines der beteiligten Unternehmen. „Wir haben bis jetzt erst 40 von 117 Containern bearbeitet.“
Die Kosten für die Vernichtung der Fälscherware muß der Markeninhaber tragen. Der hat also in jedem Fall das Nachsehen: Entdecken die Zöllner die Plagiate nicht, entgeht den Firmen der Umsatz. Werden die nachgemachten Produkte herausgefischt, müssen die Firmen für deren Beseitigung aufkommen.
Stefan Tomik Jahrgang 1974, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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