In einem Internetforum über Fähren und Kreuzfahrtschiffe wurde die „Al Salam Boccaccio 98“ einmal als eines der häßlichsten Schiffe bezeichnet. Gezeigt wurde dazu ein Bild, auf der die mehrstöckige Fähre alt, schmutzig und zerschlissen wirkt. Der Schriftzug des Namens ist kaum zu lesen. Und auch die vielen kleinen Fenster sehen aus, als seien sie mit braunem, klebrigem Staub überzogen. Die Fähre „Al Salam Boccaccio“ war kein schönes Schiff. Viel schlimmer ist aber, daß sie offensichtlich auch nicht mehr seetauglich war.
Nach Angaben einer Website, auf der die Daten aller Fähren der Gesellschaft „El Salam Maritime“ aufgelistet sind, wurde die „Al Salam Boccaccio“ 1970 in einer italienischen Werft in Castellamare di Stabia gebaut. Ursprünglich war sie 130,99 Meter lang, 19,99 Meter breit und 5,57 Meter tief mit Platz für 500 Passagiere. Rund zwanzig Jahre später, im Jahr 1991, wurde sie umgebaut und in Breite und Tiefe um wenige Meter vergrößert. „Es ist nichts Ungewöhnliches, daß eine Fähre umgebaut wird, um mehr Kapazität zu schaffen“, sagt Gerhard Carlsson vom Verband für Schiffbau und Meerestechnik. Ungewöhnlich aber war, daß nach dem Umbau plötzlich mehr als doppelt so viele Passagiere mitgenommen werden konnten als zuvor. Fortan hatte die „Al Salam Boccaccio 98“ Platz für 1300 Menschen, die in insgesamt 506 Kabinen untergebracht wurden.
Sammelbecken alter Fähren
Das war nicht das einzige Kuriosum der „Al Salam Boccaccio“. Denn ebenso unerklärlich ist die Tatsache, daß sie insgesamt fünfmal den Standort wechselte und an immer neue Fährgesellschaften ausgeliehen wurde. Nach der Fertigstellung des Schiffes verkehrte das Schiff von Juni 1970 an zwischen Italien und Tunesien. 1999 wurde sie schließlich an die El Salam Shipping Gesellschaft in Suez verkauft. 2001 fuhr das Schiff für die tunesische Fährgesellschaft Cotunav zwischen Genua und Tunis, nur ein Jahr später zwischen Savona und Tanger für die Gesellschaft Marini Travels.
2004 wurde die Fähre von der First Beirut Lines gechartert udn zwischen Beirut und Ancona als Personenfähre eingesetzt. Die letzte Route, auf der das Schiff unter der Flagge von Panama fuhr, war die zwischen Duba in Saudi-Arabien und dem ägyptischen Safaga. „Das Rote Meer ist ein Sammelbecken alter Fähren“, sagt der Fachjournalist Peter Tönnishoff. Es gebe viele Fähren, die älter als dreißig Jahre alt sind und oft als Pilgerschiffe für die Überfahrt von Ägypten nach Saudi-Arabien genutzt würden.
Decks wie Tiefgaragen
Wie oft die zuständige Fährgesellschaft die „Al Salam Boccaccio“ habe warten lassen, sei reine Spekulation, sagt Gerhard Carlsson. Fest stehe jedoch, daß die Abnutzung eines Schiffes ähnlich wie beim Auto enorm sei. Es gebe keine festen Standards für die Wartungen, das liege allein im Ermessen des Eigners. Für die Sicherheit von Schiffen sorgt die Solas-Richtlinie, die für „Safety of Life at Sea“ steht. Ob sich die Eigner daran aber hielten, sei eine andere Frage.
Doch auch wegen ihrer Bauweise gelten ältere Fähren vom sogenannten Roll-on-Roll-off-Typ wie die „Al Salam Boccaccio“ als gefährlich. Die Schiffe hätten eine Buk- und eine Heck- Klappe und dazwischen Autodecks im Stil riesiger Tiefgaragen, sagt Jens-Peter Hoffmann, der für den Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) regelmäßig Fähren testet. „Läuft vorne Wasser herein, breitet es sich schnell im ganzen Schiff aus, und die Fähren können leicht kippen.“ Beispiele seien die „Estonia“, die im Jahr 1994 in der Ostsee sank. Damals starben mehr als 850 Menschen. 1987 sank die „Harold of Free Enterprise“ im Ärmelkanal. Bei dem Unglück ertranken etwa 190 Menschen.
Vorschrift für Neubauten
An der Bauweise sei allerdings wenig zu ändern, sagt Hoffmann, denn die Fahrzeuge müßten schnell auf das Schiff und ebenso schnell wieder herunterfahren können. Nach einer nordeuropäischen Übereinkunft, die nach dem „Estonia“-Unglück zustande kam, müssen heute im Schiff Schotten eingebaut sein. Sie verhindern die Ausbreitung des Wassers. Die Vorschrift galt zunächst für Neubauten.
„Viele Reeder haben aber auch ihre älteren Schiffe umgebaut“, sagt Hoffmann. Fähren, bei denen sich der Umbau nicht lohnte, seien in andere Länder verkauft worden - oft nach Afrika oder Indonesien. Zwischen 200 und 300 dieser „Roll-on-Roll-off-Fähren“ hat Hoffmann in europäischen Gewässern getestet. Nach den Bildern, die es von der „Al Salam Boccaccio 98“ gebe, sei sie sehr ähnlich gebaut wie Kanalfähren vom Typ der „Harold of Free Enterprise“.
Seelenverkäufer
(ARGO1967)
- 03.02.2006, 17:42 Uhr
Fährunglück
Paul Suseind (oeventrop)
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