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Veröffentlicht: 17.06.2017, 21:08 Uhr

F.A.Z.-Autoren erinnern sich Mach’s gut, Schwarzer Riese

Für manche war er die dominierende politische Gestalt ihrer Kindheit, andere kamen ihm näher, als sie je gedacht hätten: Autoren und Redakteure von F.A.Z. und F.A.S. über ihre Erinnerungen an Helmut Kohl.

© Picture-Alliance Helmut Kohl war auch ein Wein-Kenner, vor allem der Tropfen aus der Pfalz.

Beherzt

Legendär waren Helmut Kohls Besuche in der Redaktion. Wenn er in der großen Dienstagskonferenz der Gesamtzeitung zu Gast war, spürte man seine Lust, zu dozieren und zu dominieren. Einmal kam er sogar zu einem großen Abendessen in die Nachrichtenredaktion. Da gab es Saumagen und Pfälzer Wein, und man durfte sein enzyklopädisches Wissen bestaunen: Aus dem Stegreif hielt er einen Vortrag über die Pfälzer Weingüter Reichsrat vom Buhl und Bassermann-Jordan. An dem sehr unterhaltsamen Abend erwies er sich als ausgesprochener Pragmatiker mit einem Hang zur Ungeduld. Weil ihm die Saumagenscheiben zu langsam verteilt wurden, griff er sich eine dicke Scheibe mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand und warf sie mit Schwung auf den Teller seines rechten Nachbarn, des Herausgebers Günther Nonnenmacher. Sich selbst bediente er ebenso. Da machte er keine langen Faxen. Wäre er nicht so beherzt gewesen – womöglich hätte er die deutsche Einheit nicht hinbekommen. (kai.)

In Lichtgeschwindigkeit

Als ich in die zweite Klasse kam, wurde Helmut Kohl Kanzler. Das hatte keine direkten Folgen für mich, denn ich lebte in der DDR. In der Schule arbeiteten wir uns vorwiegend am größten Klassenfeind ab, und der hieß Ronald Reagan. Kohl nahm ich erst fünf Jahre später bewusst wahr, als Honecker in den Westen fuhr. Damals verkörperte er für mich die Bundesrepublik: groß, bullig, übermächtig. In der DDR setzten wir ihm immer nur Schmalhanse entgegen – Honecker, Modrow, Lothar de Maizière –, wahrscheinlich, um ihn milde zu stimmen.

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Nicht mehr leiden konnte ich Helmut Kohl nach dem 19. Dezember 1989, als er in Dresden vor der Ruine der Frauenkirche geredet hatte. Dabei war ich gar nicht so sehr sauer auf ihn, sondern eher auf die zehntausend, die sich dort vor ihm in den Staub warfen, obwohl sie sich wenige Wochen zuvor erst emanzipiert hatten. Was war denn das für ein Volk?

Andererseits habe ich von seiner Entschiedenheit zur Einheit sehr profitiert. Kohl hat sie damals versprochen und binnen Jahresfrist auch noch geliefert. Politisch war das Lichtgeschwindigkeit. Irgendwann hatte ich mich an Kohl gewöhnt. Vor ein paar Jahren wollten Dresdner Politiker Kohl an der Frauenkirche ein übermannsgroßes Denkmal setzen. Der Altkanzler dankte und ließ wissen, dass er Personendenkmäler ablehne. Und er habe nicht vor, seine Haltung in dieser Frage zu ändern, beugte er weiteren Versuchen gleich vor. Seitdem habe ich Respekt vor Helmut Kohl. (lock.)

Übermacht

1994 kam ich Helmut Kohl einmal näher, als ich es überhaupt je wollte – oder besser gesagt, er mir. Es war Wahlkampfzeit, und als junger Reporter besuchte ich in Berlin eine Veranstaltung der CDU. Gerade drückte ich mich im Mittelgang zwischen den Stuhlreihen des Saals herum, da erschien plötzlich Kohl, im Schlepptau eine mittelgroße Schar sich wichtig wähnender Begleiter. Wie ein Schneepflug schob sich die Gruppe unter frenetischem Beifall durch den Mittelgang auf die Bühne zu, und mir blieb keine andere Wahl, als mich zur Seite zu retten. In gewissem Sinne hatte ich mich der schier erdrückenden Macht, ja Übermacht des Helmut Kohl gebeugt, wie so viele seiner Feinde oder Freunde.

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