02.06.2005 · Der amerikanische Flugpionier baute sich nicht nur in Europa ein Labyrinth aus vielen Leben auf. Drei Kinder in Bayern, zwei in der Schweiz - ist nur eine Teil-Bilanz aus Lindberghs heimlichen Liebesleben.
Von Albert Schäffer, MünchenEin rätselhafter Mensch sei Charles Lindbergh für ihn geblieben, klagte Billy Wilder nach der Verfilmung der Geschichte des Amerikaners, der mit seinem Alleinflug über den Atlantik zu einer Ikone der Moderne wurde. Er habe die Schale, die Lindbergh um sich gebaut habe, nicht durchbrechen können: „Ich glaube, es wäre ein besserer Film geworden, wenn ich die Hauptperson erfunden hätte.“
Es waren hellseherische Worte des Filmregisseurs. Denn seit einigen Jahren stellt sich heraus, daß der 1974 gestorbene Lindbergh ein Mann war, der sich immer wieder neu erfand - und gleich mehrere Familien in Europa gründete, streng abgeschottet von seiner Frau Anne und seinen fünf Kindern in den Vereinigten Staaten.
Die Entdeckung eines Mannes, der viele Leben führte, begann im Sommer 2003 mit einem Bericht in der „Süddeutschen Zeitung“, in dem eine Romanze der Münchner Hutmacherin Brigitte Hesshaimer mit Lindbergh geschildert wurde. Anfang 1957 begann die Beziehung. Ihr entsprangen drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, deren Abstammung von Lindbergh mittlerweile durch ein erbgenetisches Gutachten bestätigt ist.
Auf einer Pressekonferenz, die auf den Bericht folgte, malten die Geschwister Hesshaimer ein Idyll aus - mit einem Vater, dessen wahre Identität sie zwar lange nicht gekannt hätten, der aber bei sporadischen Besuchen in Bayern kaum liebevoller hätte sein können.
Wenige Wochen danach überraschte die Zeitschrift „Focus“ die Öffentlichkeit mit einer weiteren Familiennachricht in Sachen Lindbergh: Auch mit Brigitte Hesshaimers Schwester Marietta habe Lindbergh Kinder gezeugt - zwei Söhne. Und nicht nur für Brigitte und die gemeinsamen Kinder habe er ein Haus in Bayern gebaut, sondern auch für Marietta und ihren Nachwuchs - in der Schweiz, nach ähnlichen Bauplänen.
Das Wort Doppelleben schien für Lindberghs Existenz, der bis zu seinem Tod seiner amerikanischen Familie kein Wort sagte über seine europäischen Töchter und Söhne, nicht mehr zu passen. Ein Labyrinth aus vielen Leben öffnete sich.
Ein Labyrinth, das nach der Veröffentlichung eines Buches des Autors Rudolf Schröck, das am Mittwoch abend in München vorgestellt wurde, sich immer weiter verzweigt. Nach seinen Recherchen ging Lindbergh noch eine dritte heimliche Familienbindung in Europa ein - mit seiner Privatsekretärin Valeska, die aus dem preußischen Adel stammte und Lindbergh zwei Kinder gebar. Schröck beschreibt, wie Lindbergh von Frankfurt aus mit einem VW-Käfer, den er sich gekauft hatte, vier- bis fünfmal im Jahr zu seinen europäischen Frauen und Kindern aufbrach, die in den fünfziger und sechziger Jahren geboren wurden - nach Bayern, in die Schweiz und nach Baden-Baden, wohin Valeska gezogen war.
Die Schwestern Hesshaimer hatte einst eine Freundschaft mit Lindberghs Privatsekretärin verbunden, über die sie Lindbergh auch kennengelernt hatten. Später, als Valeska von der ersten Schwangerschaft Brigittes erfuhr, kam es zum Bruch. Alle drei Frauen hielten sich aber an briefliche Ermahnungen Lindberghs zu „äußerster Verschwiegenheit“. Marietta Hesshaimer und Valeska, deren Nachname Schröck vertraulich behandelt, beide nun hochbetagt, äußern sich immer noch nicht zu den Berichten über ihre familiären Bande mit Lindbergh. Auch Brigitte Hesshaimer hatte bis zu ihrem Tod 2001 ihre Kinder bedrängt, über den Vater zu schweigen. Erst danach entschlossen sie sich, ihr Schicksal zu veröffentlichen, und suchten den Kontakt zur „Süddeutschen Zeitung“.
In seinen Memoiren schilderte Lindbergh, wie er einmal eine Probe seines Spermas unter einem Mikroskop betrachtete: „Tausende lebender Zellen, jede ich selbst, mein Lebensstrom, imstande, meine Existenz über die gesamte menschliche Rasse zu verbreiten und mich in alle Ewigkeit zu reinkarnieren.“ Lindbergh war bis zu seinem Tod jahrzehntelang rastlos um die Welt gereist - im Auftrag einer amerikanischen Fluggesellschaft und auch als Berater der Regierung in Washington. Lindbergh ändere seine Lebensweise nicht und sei „weiterhin die meiste Zeit fort von zu Hause“, schrieb seine Frau Anne 1959 in ihr Tagebuch.
Nicht nur für sie war es schwierig festzustellen, wo er sich aufhielt; auch seine Auftraggeber ließ er oft im unklaren. Jetzt, mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod, könnte es allenfalls in den Archiven amerikanischer Geheimdienste noch möglich sein, eine Art Bewegungsbild nachzuzeichnen - und vielleicht auch weitere Hinweise auf sein genetisches Bewegungsbild zu finden.
Seine Frau Anne entdeckte nach einer Reise Lindberghs zu den Philippinen in seinen Unterlagen das Foto einer jungen schönen Filipina. Nach seinem Tod fanden die amerikanischen Söhne unter Bankbelegen eine Überweisung Lindberghs über mehrere tausend Dollar an eine philippinische Familie. Billy Wilder machte sich nach seinen Erfahrungen mit Lindbergh jedenfalls keine Illusionen über die Grenzen seiner Vorstellungskraft: „Den realen Lindbergh konnte ich nicht erfinden.“