21.01.2010 · Auf einer Reise durch Asien verliebt sich Benjamin Prüfer in eine junge Frau aus Kambodscha. Trotz ihrer HIV-Infektion heiratet er sie - und hat heute mit ihr ein gesundes Kind. Der Film „Same same but different“, der an diesem Donnerstag anläuft, erzählt ihre Geschichte.
Auf einer Reise durch Asien verliebt sich Benjamin Prüfer in eine junge Frau aus Kambodscha. Trotz ihrer HIV-Infektion heiratet er sie - und hat heute mit ihr ein gesundes Kind. Der Film „Same same but different“, von Donnerstag an im Kino, erzählt ihre Geschichte. Ein Gespräch mit Prüfer, dem Regisseur Detlev Buck und dem Hauptdarsteller David Kross.
Herr Prüfer, wann haben Sie erkannt: Das, was ich gerade erlebe, ist ein großer Stoff?
Prüfer: Es war nie meine Idee, ein Buch oder einen Film zu machen. Mein Bruder Tillmann, der ebenfalls Journalist ist, hat mich dazu gedrängt, alles aufzuschreiben. Die Leserreaktionen waren bombastisch, es kamen Anfragen von Verlagen und Redaktionen. Ich selbst hatte nie ein Bedürfnis, das öffentlich zu machen. Ich hatte und habe keine Mission.
Herr Buck, Herr Kross, wann haben Sie zum ersten Mal von Benjamins Geschichte gehört?
Kross: Ich habe erst durch die Vorbereitung auf den Film davon erfahren. Ich las dann den Artikel, der zuerst in „Neon“ erschienen ist. Der hat mich sehr berührt.
Buck: Ich bekam das Buch irgendwie in die Hände, und da ich zuvor in Vietnam gewesen war, konnte ich mir alles gleich bildlich vorstellen. Ich hatte sofort einen Zugang zu der Geschichte und habe meinen Kompagnon Claus Boje in einer halben Stunde davon überzeugt. Es ist eine moderne, globale Liebesgeschichte, die eine große Direktheit und Wärme hat.
Wie nah sind sich die realen Charaktere und jene des Films?
Buck: Wenn Sie Sreykeo, die Frau von Benjamin, persönlich kennen würden, wäre ihnen klar, dass man so eine Frau nicht noch einmal findet, weder in Kambodscha noch sonst irgendwo. Während die kambodschanischen Frauen meist sehr ruhig sind, ist sie unheimlich energiegeladen. Sie hat ihr Leben in die Hand genommen und komplett umgedreht. Dieses Frauenzimmer noch einmal zu finden, das ging gar nicht. Also musste ich die Figur zwangsläufig umdenken. Ich habe ewig und überall gecastet - ohne Erfolg. Apinya Sakuljaroensuk, die nun Sreykeo spielt, ist ganz anders, hat aber ebenfalls eine eigene Energie, die der von Sreykeo auf ihre Weise entspricht: Sie äußert sich ruhiger, ist aber ähnlich beeindruckend. Bei David und Benjamin gibt es mehr Übereinstimmungen. Benjamin ist ein Reisender, einer, der die Welt erfahren will - und David ist auch so. Er guckt und beobachtet. Beide leben von ihrer inneren Stärke.
Bei biographischen Verfilmungen bekommen sich die reale Persönlichkeit und der Regisseur gern in die Haare. Wie sind Sie vorgegangen, dass Sie jetzt hier einträchtig zusammen auf dem Sofa sitzen?
Buck: Benni, du hast eigentlich nur eine Bedingung gehabt...
Prüfer: Welche war das?
Buck: Dass Sreykeo auch im Film am Ende am Leben ist.
Prüfer: Stimmt, es war mir wichtig, dass sie nicht stirbt.
Buck: Manche Leute finden, dass es nur dann eine packende Liebesgeschichte sein kann, wenn am Ende jemand tot ist. Das ist Quatsch. Bei uns kommt man mit einem guten Gefühl aus dem Kino, das war mir wichtig.
Benjamin, sehen Sie nun auf der Leinwand sich selbst, Ihr eigenes Leben?
Prüfer: Ich werde dauernd an das Erlebte erinnert, auch weil viele Schauplätze dieselben sind. Aber ich sehe nicht mich, ich sehe David Kross und Apinya, die, ja, unsere Geschichte spielen. So viel Abstand habe ich dann doch.
Wie viel Privatsphäre muss man Personen zugestehen, deren Leben verfilmt oder aufgeschrieben wird?
Buck: Wenn sich wie bei Billers Roman „Esra“ jemand so auf den Fuß getreten fühlt, dann wird es kompliziert. Das war bei uns anders, selbst Benjamins Bruder lacht über die Darstellung seiner Person . . .
Prüfer: Und der hätte allen Grund, beleidigt zu sein...
Buck: Ja. Auch die Familienverhältnisse bei den Prüfers: Das sind die traurigsten Weihnachten, die ich je in einem Film gesehen habe.
Haben Sie denn mit ihren Eltern darüber gesprochen, ob ihnen das recht ist, wie sie da wegkommen?
Prüfer: Eigentlich nicht. Ich habe zwar beim Drehbuch meine Meinung gesagt, aber mir war klar, dass ich Buck da jetzt machen lassen muss.
Buck: Es bestand ein Vertrauensverhältnis. Benjamin hat gemerkt, dass wir es uns nicht einfach machen. Normalerweise würde man auch in Thailand drehen, wenn es um Kambodscha geht. Aber wir haben uns gesagt: Wir machen es an Originalschauplätzen, auch wenn es schwierig wird. Allein schon weil sie dort gerade alles abreißen und bauen, bauen, bauen.
David, haben Sie zusammen mit Benjamin an der Rolle gefeilt?
Kross: Eigentlich kaum...
Prüfer: Wieso auch, er hat ja sein Drehbuch. Was soll er mit mir?
Kross: Benjamin hat es mir von Anfang an überlassen, mir selbst einen Filmcharakter zu schaffen. Es war bei jeder meiner Rollen bisher so, dass ich an einen fremden Ort komme und mit großen Augen umhergucke - und dann passiert es. Ich hatte keine Ahnung von Asien. Mir war wichtig, dass ich mich mit Apinya gut verstehe, dass eine Chemie entsteht. Das war nicht sehr einfach, sie sprach nur wenig Englisch, und es war immer ein Übersetzer dabei - da kann man nur schwer eine Liebesbeziehung darstellen. Irgendwann war aber das Eis gebrochen.
Es gibt einen bestimmten, sehr pointierten Buck-Stil. Dieser Film ist anders, auch untypisch für einen deutschen Film. Ist das eine bewusste Neuausrichtung?
Buck: Das hat mit der Geschichte zu tun. Es wäre vermessen, sie auf Teufel komm raus komödiantisch erzählen zu wollen oder ihr einen Stil aufzudrängen. Ich habe mich dafür auch sehr mit dem asiatischen Kino auseinandergesetzt. Daher sind auch die intimen Szenen, die im asiatischen Film fast nicht vorkommen, bei uns so, wie sie sind. Hätte ich das ignoriert, wäre ich mir wie ein Kolonialist vorgekommen. Und dämlich. Ich wollte das Land integrieren, ich wollte ihm aufmerksam gegenübertreten.
Wie ist man Ihnen von Seiten der Kambodschaner begegnet?
Buck: Man kann da nicht ankommen und sagen: Hier ist der berühmte Regisseur aus dem Westen. Das interessiert die einen Scheißdreck. Ihnen sagt auch Hollywood nichts, das gibt es da nicht. Wir haben monatelang gearbeitet und Castings gemacht, aber es konnte passieren, dass überhaupt niemand kam. Man sollte sich in Kambodscha jedenfalls nicht mehr als eine Sache am Tag vornehmen.
Benjamin, wissen Ihre kambodschanischen Schwiegereltern, dass über das Leben ihres Kindes und auch über sie selbst in Europa ein Film läuft?
Prüfer: Sie begreifen es kaum, weil es außerhalb ihrer Realität stattfindet. Wir haben ihnen die DVD gezeigt, aber es war ihnen nicht klar, dass diese Leute da wir und sie selbst sein sollen.
Buck: In den Kinos dort laufen Horrorfilme und Klamauk, das finden die Leute großartig. Aber eine seriöse Liebesgeschichte gehört da nicht zum Kanon. Das ist auch bei den Castings ein Problem, weil alles sehr plakativ und übertrieben gespielt wird - wie eben in diesen grotesken Movies. Die kommen auch völlig überschminkt zum Casting, ganz weiß, so dass man die Personen kaum erkennt.
Wird es eine Premiere in Kambodscha geben?
Buck: Ja, aber ich weiß schon, wie das laufen wird. Die Aufmerksamkeit wird nicht lange anhalten, dann wird telefoniert und geredet werden, und bei den Kussszenen gibt es Jubel - weil das ja dort auf offener Straße nicht möglich ist.
Prüfer: Es gibt auch kein Verständnis für die westliche Erzählweise. In Kambodscha wird es niemand verstehen, wieso wir diese alten Häuser zeigen, wo doch so viele neue gebaut werden.
David, Sie waren gerade noch Schüler in Bargteheide bei Hamburg, heute kennt Sie Hollywood. Wie weit sind Sie schon entfernt von der Welt des jugendlichen Backpackers, der Benjamin war?
Kross: Gar nicht so weit. Es wäre für mich kein Problem, den Rucksack zu packen und einfach loszuziehen. Ich habe nicht so immens viele Engagements, dass zwischendurch dafür keine Zeit bliebe.
Herr Buck, „Same same but different“ ist ein großer, nicht unpathetischer Liebesfilm. Kann das ein Comeback des Genres bedeuten?
Buck: Ich mag das ja. Ob es ein Comeback wird, kann ich nicht sagen. Aber ich finde, dass jede Generation einen Liebesfilm braucht, der für sie steht. Es könnte auch ein Effekt eintreten wie damals bei „Ein unmoralisches Angebot“ mit Robert Redford und Demi Moore, wo es um die Frage ging, ob sie für eine Million Dollar mit ihm schläft, und die Pärchen sich nach dem Kinobesuch die Frage stellten: „Würdest du das tun?“ Diese Frage gibt es hier auch. Benjamins Geschichte hätte vor fünf Jahren außerdem so nicht stattgefunden. Es gab keine Billigflieger, es gab nicht überall auf der Welt das Internet. Viele Jugendliche stehen heute in einem globalen Kontext.
Seit die Krankheit nicht mehr unweigerlich zum Tode führt, ist das Thema HIV und Aids aus den großen Filmen verschwunden.
Buck: Ja, aber es ist trotzdem kein Film darüber. Es geht darum, dass jedes Paar eben eine bestimmte Zeit hat. Wenn man sich das bewusstmacht, wird alles intensiver. Diese Dichte der Gefühle hoffe ich rübergebracht zu haben. Und auch das könnte eine Botschaft des Films sein, auch wenn es sich anhört wie von einem alten Sack: Die Liebe wächst mit der Verantwortung.
Prüfer: Ich bin nicht mit Sreykeo zusammen, um der Welt etwas zu beweisen. Aber wenn die Leute für sich eine Botschaft aus dem Film ziehen, ist das toll. Ein befreundetes Paar hat mir erzählt, sie hätten eine Krise überstanden, weil sie vor Augen hatten, dass wir viel mehr überwinden mussten. Das war merkwürdig, plötzlich ein Vorbild zu sein. Aber als ich etwas darüber nachgedacht hatte, fand ich es ziemlich gut.
Benjamin Prüfer
Benjamin Prüfer war 23 Jahre alt, als er auf einer Reise in Kambodscha Sreykeo kennenlernte, die seine große Liebe werden sollte. Im Februar 2006 schrieb er darüber für die Zeitschrift „Neon“ seinen Bericht „Bis der Tod sie mir wegnimmt“; es folgte das Buch „Wohin du auch gehst - Die Geschichte einer fast unmöglichen Liebe“, erschienen im Scherz-Verlag. Prüfer, geboren 1979 in Darmstadt, arbeitete als Redakteur bei der „Financial Times Deutschland“, bevor er 2006 freier Journalist wurde. 2009 veröffentlichte er gemeinsam mit seinem Bruder Tillmann „Mein Bruder: Idol - Rivale - Verbündeter“. Prüfer lebt heute mit seiner Familie in Hamburg und Kambodscha.
Detlev Buck
Noch während seiner Ausbildung zum Landwirt drehte Detlev Buck, geboren 1962 in Bad Segeberg, seinen ersten Film. Seit seinem ersten Langfilm „Karniggels“ (1991) zählt Buck zu den erfolgreichsten deutschen Regisseuren. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Komödien wie „Wir können auch anders...“ (1993), „Männerpension“ (1996) sowie das Jugenddrama „Knallhart“ (2006), für das Buck den Deutschen Filmpreis in Silber erhielt. Mit Claus Boje leitet Buck eine Filmproduktionsfirma, als Schauspieler war er in Filmen wie „Aimée und Jaguar“, „Sonnenallee“ und „Herr Lehmann“ zu sehen. Buck hat drei Töchter und lebt in Berlin und Nienwohld (Schleswig-Holstein).
David Kross
Spätestens seit er an der Seite des Weltstars Kate Winslet deren jugendlichen Liebhaber in der Bernhard-Schlink-Verfilmung „Der Vorleser“ spielte, zählt David Kross zu den großen Schauspielhoffnungen hierzulande. Zuvor war Kross, geboren 1990 in Bargteheide (Schleswig-Holstein), in zwei Filmen von Detlev Buck aufgetreten: in „Knallhart“ (2006) als Junge, den es in einen Problemkiez verschlägt, und in „Hände weg von Mississippi“ (2007). In „Krabat“ (2008) war er neben Daniel Brühl und Robert Stadlober zu sehen. Auf der Berlinale 2009 wurde Kross, der noch bei seinen Eltern in Bargteheide wohnt, als „Shootingstar“ des europäischen Kinos ausgezeichnet.