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Expo in Schanghai Größer, teurer, unvergesslich

31.10.2010 ·  Die Weltausstellung in Schanghai hat alle Rekorde gebrochen. Trotz langer Wartezeiten haben am Ende mehr als 70 Millionen Chinesen die Expo gesehen. Nun wird abgebaut und abgerissen. Auch die kleine Meerjungfrau kehrt in ihre Heimat zurück.

Von Till Fähnders
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Ein kleiner Junge winkt der Statue eines sechseinhalb Meter großen Riesenbabys zu. Von der Decke schweben Seifenblasen herab. Es ist eine Szene des Abschieds, die für einen Film inszeniert wurde, und in der neben dem jungen chinesischen Darsteller auch das elektronisch gesteuerte Riesenbaby, das „atmen“ und „blinzeln“ kann, eine Rolle spielt. Die Statue ist die Hauptattraktion im spanischen Pavillon auf der Weltausstellung in Schanghai.

Auf dem Expo-Gelände wird derzeit das Ende der größten Weltausstellung der Geschichte zelebriert, Sonntag ist der letzte Tag. Vieles, was mit großem Aufwand hierher geschafft oder mühsam aufgebaut wurde, wird nun wieder aus Schanghai verschwinden. Heimkehren werden unter anderem die Statue der kleinen Meerjungfrau aus dem Andersen-Märchen, die als Leihgabe den dänischen Pavillon zierte, und die Bilder großer Maler wie Gauguin und Cézanne, die bei den Franzosen hingen, oder auch das Selbstporträt von Frida Kahlo im mexikanischen Pavillon.

Im Bau der Dänen posieren die Besucher noch einmal mit der Meerjungfrau für ein Abschiedsbild. Die meisten lassen sich auch den Länder-Stempel in ihren Expo-Pass drücken, der beweist, wie viele Pavillons ein Besucher besichtigt hat. Xu Hanling aus Schanghai hat schon 30 Stempel gesammelt. „Ich habe die Expo viele Male besucht, ich weiß gar nicht mehr wie oft“, erzählt sie. Die Expo war die Gelegenheit, mal einen Blick auf die Welt zu werfen, ohne das Land verlassen zu müssen. Ein großer Teil der Chinesen kann sich keine Auslandsreisen leisten. Für sie ist es auch immer noch relativ schwer, überhaupt einen (echten) Pass zu bekommen. Trotz langer Wartezeiten haben am Ende mehr als 70 Millionen Chinesen die Weltausstellung gesehen, an der 246 Länder und Organisationen teilgenommen haben. „Sie haben Rekorde erreicht: eine Rekordzahl von Teilnehmern, eine Rekordzahl von Besuchern - und Sie haben das bislang größte Expo-Gelände gebaut“, sagte der Generalsekretär des Internationalen Expo-Büros Vicente Gonzalez Loscertales.

Ein Propaganda-Ereignis

Rekorde mussten fallen, das war von vorneherein klar. Die Führung in Peking sah die Weltausstellung wie schon die Olympischen Spiele vor zwei Jahren als Propaganda-Ereignis an, das die wirtschaftlichen Erfolge Chinas unterstreichen sollte. Die Ausstellung solle „glänzend, erfolgreich und unvergesslich“ werden, hatte der Parlamentschef Wu Bangguo angemahnt. Nach einem eher enttäuschenden Anfang mobilisierte Schanghai deshalb die Massen aus den Universitäten, Schulen und Staatsunternehmen als Expo-Besucher, um am Ende wie geplant die Marke von 70 Millionen zu übertreffen. Am 16. Oktober betraten sogar mehr als eine Million Menschen an einem Tag das Gelände. Auch das war ein Rekord in der Geschichte der Weltausstellungen. Doch nicht alle waren darüber begeistert. „Eine Million Menschen auf diesem Gelände ist definitiv zu viel“, sagt Marion Conrady, die Sprecherin des deutschen Pavillons. Das Lob für die Organisatoren fällt auch insgesamt etwas weniger überschwänglich aus, als nach den Olympischen Spielen in Peking.

Was die Besucher zu sehen bekamen, waren natürlich nur Kurzeinblicke in das Leben in anderen Ländern, die meistens als Videos auf Leinwände projiziert wurden. Die besten Präsentationen waren diejenigen, die die Menschen mit einbezogen. Im 50 Millionen Euro teuren deutschen Pavillon durften sie eine kreisende Kugel anschreien, im Chor singen und virtuelle Kaninchen füttern. Vier Millionen Besucher haben sich das angesehen, etwas weniger als geplant, da die meisten länger im Pavillon blieben als ursprünglich angenommen. In einer Umfrage lobten sie den Informationsgehalt und Unterhaltungswert des deutschen Beitrags. „Die Chinesen sind unglaublich neugierig, manchmal kennt ihre Neugierde auch keine Grenzen“, sagt Conrady. Am Anfang hatten die Deutschen über Rempeleien und Beschimpfungen an den Eingängen zu klagen. Nach einem Beschwerdebrief an die Veranstalter bekamen die Sicherheitskräfte die Probleme aber angeblich in den Griff.

Durchschnittlich drei Stunden Wartezeit

Nicht nur im deutschen Pavillon mussten die zu mehr als 90 Prozent chinesischen Besucher Wartezeiten von durchschnittlich drei Stunden in Kauf nehmen. Das haben Jin Lubiao und ihr Ehemann noch vor sich, als sie sich aus dem Schweizer Pavillon kommend in die Warteschlange einreihen. Bei den Schweizern hat das Ehepaar eine Fahrt mit dem Sessellift absolviert. Dem Lift sind die sechs Monate Laufzeit anzusehen, die Stahlkonstruktion zeigt Rostflecken. Nun wollen die beiden noch unbedingt den deutschen Pavillon sehen, da der Mann bei einem deutschen Unternehmen angestellt ist. Die Eheleute sind Hobbyfotografen. Sie lichten hier vor allem die teilweise ausgefallene Pavillonarchitektur ab. Das wichtigste Erbe der Weltausstellung sei für sie aber, dass die Schanghaier sich nun „zivilisierter“ verhielten, sagt das Paar. Zur Vorbereitung auf die Expo hatte es Höflichkeits-Kampagnen unter anderem gegen das Ausspucken in der Öffentlichkeit und das Tragen von Schlafanzügen auf der Straße gegeben.

Weitgehend unklar ist, was nun aus dem Expo-Gelände wird, das in bester Innenstadtlage am Ufer des Huangpu-Flusses liegt. Die Diskussion über die zukünftige Nutzung wird seit längerem geführt. Der Vize-Bürgermeister Yang Xiong kündigte vage an, es sollten „Orte für den kulturellen Austausch, für Ausstellungen und öffentliche Plätze für die Bürger“ entstehen. Doch wird die Stadt, die Schätzungen nach bis zu 40 Milliarden Dollar für die Expo und den Ausbau der Infrastruktur ausgegeben hat, wohl nicht darauf verzichten, das wertvolle Areal auch wirtschaftlich zu nutzen. Wahrscheinlich werden Blöcke mit teuren Appartements gebaut. Manche wünschten sich zwar lieber eine Verlängerung der Ausstellungszeit, weil sie finden, dass es dem Motto der Nachhaltigkeit widerspreche, nach sechs Monaten alles wieder abzureißen. Die Regeln des Expo-Büros besagen aber, dass die Länder ihre Flächen auf dem mehr als fünf Quadratkilometer großen Gelände bis zum 1. Mai des kommenden Jahres vollständig geräumt haben müssen.

Der Wunsch nach einer zweiten Weltausstellung

So werden nur ein paar der Gebäude erhalten, die die chinesischen Veranstalter selbst errichtet hatten. Der chinesische Pavillon soll nach einer einmonatigen Renovierung für eine bislang unbestimmte Zeit wieder geöffnet werden. Die „Krone des Orients“ ist im Zuge der Ausstellung zu einem Symbol des chinesischen Aufstiegs und des Nationalstolzes geworden. Auch diejenigen sollen eine Chance haben, es zu sehen, die es während der Expo selbst nicht geschafft haben. Nach Informationen der Zeitung „South China Morning Post“ sollen auch die Pavillons der Amerikaner, der Schweden, Mexikos und Nepals erhalten bleiben. Doch werden sie anderswo in China wieder aufgebaut. Auch der Pavillon der Norweger wird weitergenutzt. Es gebe schon einen chinesischen Abnehmer, sagte der Sprecher des norwegischen Pavillons Philip Lote: „Es wäre nicht nachhaltig, das alles wegzuschmeißen.“

Vom deutschen Pavillon wird dagegen kaum etwas in Schanghai übrig bleiben. „Der deutsche Pavillon wird zurückgebaut, das war immer so geplant“, sagt Sprecherin Conrady. Der Stahl werde eingeschmolzen, die Außenhaut gehe zum Teil an die Deutsche Schule in Schanghai und die meisten Exponate an ihre Verleiher in Deutschland zurück. Einige Teile sollen dem geplanten Expo-Museum in Schanghai zur Verfügung gestellt werden. Dort wird auch das Riesenbaby aus dem spanischen Pavillon eine neue Heimat finden, wie es in Presseberichten heißt. Einer Umfrage nach sollen sich 60 Prozent der befragten Schanghaier schon eine zweite Weltausstellung für China wünschen. Wie es heißt, soll sich die südchinesische Provinz Guangdong für die Expo im Jahr 2020 beworben haben. Von daher ist es vielleicht nur ein Abschied auf Zeit.

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Jahrgang 1976, politischer Korrespondent für Südostasien.

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