19.07.2002 · Mit dem Fossilienfund erhoffen sich Forscher neue Erkenntnisse über das Leben und Verhalten der Flugsaurier.
Fast lautlos glitt der imposante Flugsaurier vor 110 Millionen Jahren über Seen und Meere im Nordosten des heutigen Brasiliens, tauchte sein langes Haupt nur kurz ins Wasser und schnappte sich mit seinem langen, scharfen Schnabel einen Fisch oder ein Krustentier aus dem Wasser.
Brasilianische Wissenschaftler haben das Skelett eines bislang unbekannten Flugsauriers mit einem fast einen Meter hohen Knochenkamm auf dem Kopf entdeckt. Die Saurierart Thalassodromeus sethi mit einer Flügelspannweite von über vier Metern wurde von den Forscher im Wissenschaftsjournal „Science“ vom Freitag präsentiert.
Wärmeregulator am Kopf
Allein das stromlinienförmige Haupt dieses gewaltigen Fliegers war 1,42 Meter lang, berichten die Paläontologen Alexander Kellner und Diogenes de Almeida Campos von der Staatlichen Universität in Rio de Janeiro. Ganz besonders auffallend aber war die verknöcherte Krone auf seinem Kopf. Sie war nach Rekonstruktion der Forscher dicht mit Blutgefäßen ausgefüllt und diente dem Saurier als Wärmeregulator. Die Spannweite seiner Flügel betrug jeweils zwischen 4,20 bis 4,50 Meter.
Der Saurier zählt zu den Pterosauriern (Flugsauriern), den ersten Wirbeltieren, die sich dem Leben in der Luft anpassten. Obwohl Pterosauriern aus dem frühen Kreidezeitalter (Beginn vor 135 Millionen Jahren) stammen, dem Höhepunkt der Saurierherrschaft auf der Erde, sei von ihrem Verhalten bisher wenig bekannt, schreiben Kellner und de Almeida Campos in „Science“.
Vor etwa 70 Millionen Jahren entwickelt
Der Fund ist auch deshalb eine Sensation, weil selten fossile Überreste dieser Saurierart gefunden werden. Der Grund dafür seien ihre leichten Knochen, die ihnen zwar beim Fliegen zugute kamen, die darauf folgenden Millionen von Jahren in Erdablagerungen aber selten überstanden. Die Schwingen der Pterosaurier bestanden aus Haut, die vom stark verlängerte vierten Finger aus gespannt wurde. Sie entwickelten sich etwa 70 Millionen Jahre vor dem Urvogel Archaeopterix.
Der jetzt vorgestellte Thalassodromeus sethi stammt aus der Santana Formation im der Araripe Ebene Nordostbrasiliens. Sein Name setzt sich aus den griechischen Wörtern thalassa (Meer) und dromeus (Läufer) zusammen sowie sethi nach dem ägyptischen Dämonengott Seth.
Verwandt mit den Scherenschnäbeln
Der Flugsaurier hat - mit einer Ausnahme - unter allen urzeitlichen und lebenden Wirbeltieren die größte Krone. Sie befähigte den gewaltigen Flugsaurier durch sein enges Netzwerk von Blutgefäßen, überschüssige Körperwärme an die Umwelt abzugeben und damit trotz tropischer Temperaturen angenehm kühl zu bleiben.
Der Fund bestätigt die schon ältere Vermutung, dass einige Saurier tatsächlich ihre Krone als Temperaturregler nutzten. Einige Eigenschaften seines mächtigen Haupts teilt der Thalassodromeus sethi mit der noch heute vorkommenden Vogelfamilie der Scherenschnäbel, darunter seinen flachen Kiefer und eben den fast scherenförmigen Schnabel. Auch diese Vögel gleiten zur Nahrungssuche über Wasseroberflächen - allerdings mit Flügeln von weniger als ein Meter Spannweite, schreiben die Autoren.