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ESC-Tagebuch aus Lissabon (1) : Wie der Eurovision Song Contest Lissabon schadet

Wie lange können die Lissaboner ihre Stadt noch genießen? Bild: dpa

Erst kamen die Touristen, dann Airbnb. Und jetzt auch noch der Eurovision Song Contest. Madonna und den Bewohnern von Lissabon reicht es langsam.

          Die Lücken in den Regalen werden immer größer. Verkäufer mit Maßbändern um den Hals wuchten Stoffballen aus den Regalen und erfüllen ihren Kunden den letzten Wunsch. So voll wie in diesen Tagen war es in der „Casa Frazão“ seit langem nicht mehr. In dem Geschäft an der Rua Augusta im Herzen des Baixa-Viertels von Lissabon haben Generationen von Portugiesen Seide, Kaschmir, Schottenkaros und Spitze für ihre Anzüge und Hochzeitskleider gekauft. „Liquidação“ steht auf großen Plakaten in den halb leer geräumten Schaufenstern.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Bald wird das Stoffgeschäft für immer schließen. „Manche können es noch nicht glauben“, sagt eine Verkäuferin. „Lissabon wird bald eine Stadt wie viele andere sein.“

          Von einer Plakette blickt Manuel Alvez Frazão auf das ungewohnte Chaos in dem Traditionsgeschäft, das er 1933 gegründet hat. Nach seinem Tod hinterließ er den Laden 1974 seinen Angestellten.

          Doch sie können die Miete nicht mehr bezahlen. In der Innenstadt von Lissabon sind die Preise regelrecht explodiert. In den vergangenen Jahren wurden 120 Geschäfte geschlossen, die der Altstadt ihr Gesicht gaben. Gleichzeitig machten allein im Baixa-Viertel fast 100 Souvenir-Shops auf.

          Gegen Zara kommen die Einheimischen nicht an

          Statt hochwertige Stoffe und handgenähte Hemden wird es wahrscheinlich auch hinter dem holzgeschnitzten Portal der „Camisaria Pitta“ bald nur noch nachgemachte Shirts mit der Nummer des portugiesischen Fußballstars Ronaldo, Korkuntersetzer oder verzierte Sardinendosen geben. Seit 1887 verkaufte der Herrenausstatter Mode für den Gentleman. Auf Wunsch wird dort alles nach Maß gefertigt. Früher ließen in der „Camisaria Pitta“ Könige und Präsidenten für sich schneidern.

          Nun müssen sich die Kunden mit dem Angebot der Ketten begnügen, die sich auf der Prachtstraße hinter dem Triumphbogen ausbreiten – mit einem Sortiment, das es überall auf der Welt gibt. Gegen Zara oder Mango kommen die alteingesessenen Geschäftsleute an den schnurgeraden Straßen der Baixa nicht mehr an.

          Nach dem großen Erdbeben, dem „Terramoto“ von 1755, war das Viertel schnörkellos im Geist der Aufklärung neu entstanden. Heute ist in Lissabon von „Terramoturismo“ die Rede: Mit dem Wortspiel ist die Invasion der ausländischen Touristen und Investoren gemeint, deren Folgen viele für katastrophal halten – denn nun werden Geschäftsleute und Bewohner aus der Altstadt vertrieben.

          Mit dem Beginn des „Eurovision Song Contest“, der mit dem Finale am Samstag nächster Woche endet, schwillt der Strom der Besucher in der Heimatstadt des letztjährigen Gewinners Salvador Sobral schon vor der Hochsaison an.

          Jeden Tag bis zu 40 000 Besucher

          Nun drängen sich jeden Tag bis zu 40 000 Besucher durch die schmalen Gassen der Alfama, des Bairro Alto und der Mouraria. Sechs Millionen waren es im vergangenen Jahr. Legen mehrere Kreuzfahrtschiffe am Kai an, gibt es auf den engen Straßen der Altstadt, durch die ein Heer von Tuk-Tuk-Taxis knattert, oft kein Durchkommen mehr. An den Haltestellen der historischen Straßenbahnlinie 28 bilden sich lange Schlangen.

          Nach der Wirtschaftskrise war der Tourismus anfangs ein unverhoffter Segen. Nun droht er sich in einen Fluch zu verwandeln. Je mehr Ausländer in die Stadt strömen, desto mehr verliert sie ihre Seele. „Im Zentrum kommt auf einen einheimischen Bewohner ein ausländischer Übernachtungsgast“, sagt Luís Mendes, Fachmann für Stadtgeographie an der Universität Lissabon.

          „Das ist gefährlich, denn wir nähern uns damit dem Punkt, an dem es zu spät ist: Ohne ihre Einwohner verliert die Stadt ihre Besonderheit.“ 15 000 Ferienwohnungen, die meisten von ihnen vermittelt über Airbnb, gibt es mittlerweile in den historischen Vierteln – und dort wohnen nur gut 20 000 Einheimische.

          „Fuck Airbnb“

          Die Welle kam so schnell – erst langsam werden sich viele Bürger bewusst, was mit ihren Vierteln geschieht. In Barcelona und Palma de Mallorca begehren die Einwohner, die sich überrollt fühlen, schon lange auf. In Lissabon sind Graffiti wie „Fuck Airbnb“ und „Tourismus tötet die Stadt“ noch die Ausnahme. Im Alfama-Viertel, zwischen dem Tejo und der Kathedrale, hat jemand das Wort „töten“ übersprayt, so dass der Satz nun lautet:

          „Tourismus erhält die Stadt.“ Denn wäre gar nichts geschehen, wäre Lissabon vermutlich an seinem morbiden Charme zugrunde gegangen. Die Altstadt wäre zerfallen. Viele jahrhundertealte Häuser waren kaum noch zu retten, weil die Eigentümer seit Jahrzehnten nicht einmal das Nötigste ausgebessert hatten. Seit den dreißiger Jahren waren die Mieten eingefroren. Mieter zahlten im Monat manchmal nur 20 oder 50 Euro.

          Dann kam 2008 die große Krise. Die internationale Geber-Troika rettete Portugal vor dem Bankrott. Eine der Bedingungen für den Notkredit: die Mieten freizugeben und für Wettbewerb auf dem Immobilienmarkt zu sorgen. Ein Bau-Boom setzte ein, Mieten und Häuserpreise schossen binnen weniger Jahr in die Höhe – fatal für die vielen Alten, Geringverdiener und Migranten.

          Bis zu 3500 Euro Miete für 100 Quadratmeter

          Denn vor allem sie leben in den heruntergekommenen Häusern in den Stadtteilen im Zentrum. Die meisten Wohlhabenden hatten das Zentrum längst verlassen, um in modernere und geräumigere Wohnungen an der Peripherie zu ziehen. Rentner in der Alfama und Mouraria haben manchmal weniger als 300 Euro im Monat. Andere Einwohner verdienen in Hotels und Gaststätten höchstens den Mindestlohn von 585 Euro – zu wenig selbst für Einzimmerwohnungen, die Immobilienportale im Internet für bis zu 1000 Euro anbieten.

          Beliebt bei Touristen: Die Altstadt von Lissabon und der Fluss Tagus

          Inzwischen kann sich nicht einmal mehr die portugiesische Mittelklasse die eigene Hauptstadt leisten. Die Nachfrage nach Immobilien ist viel größer als das Angebot. Bei der Immobilienberatung CBRE erwartet man weiter steigende Preise: Mehr als 6000 Euro kostet der Quadratmeter in der Innenstadt von Lissabon, wenn man eine Wohnung kaufen möchte. Selbst gutverdienende Ausländer, die es beruflich nach Lissabon verschlagen hat, kapitulieren. Bis zu 3500 Euro Miete für 100 Quadratmeter verlangen Vermieter in guten Lagen.

          Selbst Multimillionäre klagen. „Ich kann kein Haus in Lissabon finden, aber wenigstens ein Pferd“, schrieb Madonna im Herbst frustriert im Internet. Dazu stellte sie ein Foto, das sie auf einem Pferd an einem portugiesischen Strand zeigt. Der amerikanische Popstar musste also improvisieren. Mit ihren Adoptivkindern hat sie erst mal ein kleines Hotel nur für sich gemietet. Von dem Ramalhete-Palast aus sucht sie weiter nach ihrem Traumhaus.

          „Ausländer profitieren gleich mehrfach“

          Im vergangenen Sommer begann Madonnas Adoptivsohn David, an der Fußball-Akademie des Vereins Benfica zu trainieren. Doch als die Familie nach Portugal umzog, waren sie zu spät dran. Vor Madonna hatten sich Asiaten, Lateinamerikaner und Afrikaner die Filetstücke unter den Immobilien der Altstadt zwischen der Avenida da Liberdade und dem Tejo gesichert, manchmal sogar ganze Häuserblocks.

          Madonnas Begeisterung für das kleine Land im äußersten Südwesten Europas hat wohl auch damit zu tun, dass sich Nicht-EU-Bürger hier mit einem „goldenen Visum“ niederlassen können. Bedingung ist, dass sie Immobilien für 500 000 Euro erwerben. Im Gegenzug erhalten sie und ihre Familie durch die portugiesische Aufenthaltsgenehmigung auch zehn Jahre lang freien Zugang zu allen Schengen-Ländern. Mehr als 5000 solcher Visa vergab Portugal schon an Chinesen, Brasilianer, Angolaner und Russen. Sie kauften seit 2012 Häuser und Wohnungen für rund drei Milliarden Euro.

          Der Touristenboom erwies sich für sie als Segen: Sie investierten in Ferienwohnungen und Hotels und verdienten bald gut mit ihren Investitionen. Oder sie nutzten sie als Anlageobjekt, denn anders als die Zinsen steigen die Immobilienpreise. Dazu kommen zahlungskräftige Rentner aus EU-Ländern, denen Portugal ebenfalls zehn Jahre lang Steuerfreiheit gewährt. „Die Ausländer profitieren gleich mehrfach“

          „Es ist ein Paradies für Investoren.“

          Sie zahlen keine Steuern, erhalten Subventionen, wenn sie ihre Häuser in der Altstadt renovieren, und verdienen noch viel Geld, wenn sie über Airbnb vermieten oder ihre Immobilien später mit Gewinn verkaufen“, sagt Leonor Duarte. „Es ist ein Paradies für Investoren.“

          Die pensionierte Psychologin wohnt an einem kleinen Platz im verwinkelten Alfama-Viertel. Von ihren alten Nachbarn sind nicht viele geblieben. Erst werden neue Türöffner angebracht, mit Tastenfeld, um den Code einzugeben, der die Tür öffnet. Dann kommen die Touristen mit ihren rumpelnden Rollkoffern. Nur ein Gemischtwarenladen hat an der Ecke überlebt. Andere kleine Läden werden in Ferien-Apartments zerlegt.

          Wo früher die Einwohner schnell eine Bica tranken – den portugiesischen Kaffee –, hat „Copenhagen Coffee Lab“ aufgemacht, gegenüber eine Gepäckaufbewahrung. Auch viele Clubs, in denen die Einwohner der Alfama früher sangen, tanzten und Karten spielten, haben die Investoren vertrieben.

          Langsam zeigt die Kampagne Wirkung

          Die Wege für die alternde Bevölkerung werden immer länger und beschwerlicher. Das einzige öffentliche Verkehrsmittel, das die Alfama mit dem Zentrum verbindet, ist die von den Touristen überrannte Straßenbahnlinie 28. „Man muss hier vor zehn Uhr losfahren, danach kommt man nicht mehr in die Bahn“, sagt Leonor Duarte, deren Vermieter sich gerade mit Spekulanten herumschlägt – Wasser dringt aus der benachbarten Ruine herein, an der die neuen Eigentümer nichts tun, weil sie erst einmal auf steigende Preise hoffen.

          Hängebrücke Ponte 25 de Abril: Die Wege für die alternde Bevölkerung werden immer länger und beschwerlicher.

          „Ohne Tourismus und Immobilienspekulation gäbe es kein Wirtschaftswunder“, sagt die Frau, die zu den Gründerinnen der Initiative „Morar em Lisboa“ gehört. „Die Vertreibung der Bürger nimmt man als Kollateralschaden in Kauf.“ Mehr als 35 Organisationen haben sich zusammengeschlossen, um den Einwohnern eine Stimme zu geben.

          Langsam zeigt die Kampagne Wirkung. Bei den Kommunalwahlen im Oktober verloren die regierenden Sozialisten Stimmen. Am Revolutionsfeiertag kündigte Ministerpräsident António Costa an, das Mietrecht zu reformieren. Es soll ältere und bedürftige Mieter besser davor schützen, dass sie auf der Straße landen, wie das immer wieder geschah.

          Die Einwohner sollten respektiert werden

          Doch viele sind skeptisch. Seit Jahren kündigt die Stadtverwaltung bezahlbare Ausweichquartiere und Sozialwohnungen an, ohne dass bisher viel geschah. Einige Politiker wollen, dass Lissabon auf die touristische Weltkarte kommt. Sie sprechen nicht mehr von Bürgern, sondern von „Stadtnutzern“ und lassen Investoren freie Hand. Die Altstadt verwandelt sich in eine Kulisse, die historischen Gebäude werden oft entkernt, um so viel Platz wie möglich zu schaffen für neue Wohn- und Geschäftsflächen. „Fachadismo“ nennt man das – „Fachada“ ist das portugiesische Wort für Fassade.

          Gustavo Briz hatte keine Lust mehr darauf, solche „mumifizierten Omas“ zu planen, wie er die Architektur nennt, weil die Häuser nur noch nach außen hin aussehen, als wären sie alt. Der junge Portugiese hörte auf, als Architekt zu arbeiten. Zusammen mit Freunden gründete er die Organisation „Lisbon sustainable tourism“, die sich für eine „nachhaltigen“ Tourismus einsetzt.

          „Wir wollen, dass auch die Einwohner profitieren und man ihnen Respekt entgegenbringt“, sagt Briz. Zu Fuß und in kleinen Gruppen führen er und seine Freunde nicht zu den üblichen Sehenswürdigkeiten, sondern zeigen den Fremden, wie normale Menschen leben. Ein Teil der Einnahmen kommt Jugendzentren oder Älteren zugute. So bringen sie aus den Vorstädten alte Menschen für ein paar Stunden in die Viertel zurück, in denen sie den größten Teil ihres Lebens verbrachten, bis sie sich das nicht mehr leisten konnten.

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