Ein Hoch auf Portugal: Fast fünfzig Jahre dabei und das Land gibt einfach nicht auf. Immer und immer wieder eine traurige Ballade, die von Sehnsucht handelt und für die die Portugiesen nun einmal berühmt sind. Ihr Fado hat ihnen den Ruf eingebracht, besonders melancholisch zu sein. Ein sechster Platz 1996 war bislang das beste Ergebnis. Lúcia Moniz’ „O meu coração não tem cor“ war allerdings auch kein Fado, sondern ein eher fröhliches Stück.
2011 versuchte sich das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Land ausnahmsweise mit der kampfeslustigen Spaßnummer „Luta É Alegria“ (Kampf ist Freude) von der Gruppe Homens da Luta (Männer des Kampfes) – und schied schon im Halbfinale aus. In Baku musste es also wieder ein Fado sein, und Filipa Sousas „Vida Minha“ (Mein Leben) war genau der richtige dafür. So schön, so traurig – und wieder nicht im Finale.
Es war ein erstaunlicher Freitagmorgen und ein merkwürdiges zweites Halbfinale des „Eurovision Song Contest“ (ESC) in Baku: Georgien, seit 2007 dabei, schaffte es erstmals nicht ins Finale, allerdings hatte das Land 2009 in Moskau nicht an den Start gehen wollen, nachdem es sein offensichtlich gegen Wladimir Putin gerichtetes „We Don’t Wanna Put In“ nicht singen durfte.
Weißrussland, seit 2004 dabei, scheiterte nun schon zum zweiten Mal in Folge und zum siebten Mal insgesamt in einer Vorrunde, was eigentlich verwundern muss, wenn man weiß, wie viel Geld das Land in seine Auftritte investiert, um nur irgendwann einmal den ESC nach Minsk und ins Reich des Diktators Alexandr Lukaschenka zu holen. Offenbar ist die Abneigung gegen den weithin Geächteten aber doch groß genug, um das Allerschlimmste zu verhindern.
Dafür erreichte das kleine Malta die Endrunde am Samstag, und darauf hatten nicht einmal die angereisten Fans des Inselstaats zu hoffen gewagt. Dabei lädt Kurt Callejas rockiger Popsong „This Is The Night“ zum Mitmachen ein, auch wenn den lustigen Fersen-Zehen-Tanz, den er auf der Bühne im Zickzack mal alleine, mal mit seinem Background hinlegt, spontan kaum jemand nachmachen kann.
Auch die kleine litauische Delegation konnte ihr Glück kaum fassen. Warum Donny Montell mit „Love Is Blind“ weiterkam, ist allerdings auch nicht zu fassen. Der schmächtige Kerl kann zwar singen, aber seine Inszenierung wirkt einfach lächerlich: Anfangs tritt er mit einer Augenbinde auf, die er sich dann, weil Liebe offenbar doch nicht so blind macht, theatralisch vom Kopf reißt. Das ist kaum mitanzusehen.
Balkan-Balladen zäh wie Gummi
Ansonsten war es ein Abend der Balkan-Balladen, die sich im Mittelteil zäh wie Gummi aneinanderreihten. Dass Serbien, Mazedonien, Slowenien, Kroatien und Bosnien-Hercegovina zusammen in einem Halbfinale waren, dazu auch noch Bulgarien, konnte doch hoffentlich nur ein Zufall sein.
Immerhin hatte die Europäische Rundfunkunion (EBU) doch schon vor einigen Jahren die Regel eingeführt, dass alle Länder anhand ihrer bisherigen Stimmvergabe auf sechs Töpfe verteilt werden. Erst dann werden die Teilnehmer nach einem Schlüssel aus diesen Töpfen einem der beiden Halbfinale zugelost.
Eine Art Stefan Raab des Balkans
Es war tatsächlich Losglück oder eher: Losunglück, denn nur drei der Länder aus dem früheren Jugoslawien kamen weiter. Serbien war sowieso ein Favorit fürs Finale: Željko Joksimović ist nicht nur in seiner Heimat ein Superstar.
Er ist eine Art Stefan Raab des Balkans: 2004 trat er erstmals beim ESC an und wurde Zweiter, 2006 erreichte eine seiner Kompositionen Platz drei, 2008 Platz sechs. Damals war er zudem an der Seite seiner zweiten Frau, Jovana Janković, Moderator des „Song Contest“ in Belgrad. In diesem Jahr heißt seine Eigenkomposition „Nije ljubav stvar“und wird es sicherlich wieder unter die Top Ten schaffen.
Weiter sind auch Bosnien-Hercegovina (mit einer Ballade) und Mazedonien (mit einer rockigen Ballade) sowie Loreen aus Schweden mit „Euphoria“, von vielen für einen der vordersten Ränge im Finale favorisiert, und Norwegen. Tooji, der in Iran geboren wurde, trat mit Perso-Pop an, und sein eingängiges „Stay“ zusammen mit dem Boygroup-Charme seiner Truppe musste einfach punkten.
Mit Cowboys am Lagerfeuer
Was aber ist bloß mit der einst so stolzen Grand-Prix-Nation Niederlande los? Seit 2004 erreichten unsere Nachbarn kein Finale mehr. In diesem Jahr bot das Königreich Joan Franka auf, und sie präsentierte sich die ganzen zehn Tage lang in Höchstform. Ihr „You And Me“ ist ein Ohrwurm, auf der Bühne trug die reizende junge Frau mit dem leichten Silberblick einen riesigen Indianerfederschmuck, daneben standen einige Cowboys am Lagerfeuer.
Das war nett, das hätte das Finale verdient gehabt, aber es war nicht ihr Abend. Die Stimme seltsam schwach, Selbstzweifel schienen sie zu quälen, sie wirkte fahrig und unsicher. In der Nacht zuvor, als die Juroren sich die zweite Generalprobe ansahen, anhand der sie abzustimmen hatten, war sie so viel besser gewesen. 50 Prozent macht der Jury-Vote aus, doch selbst das konnte sie nicht vor dem Absturz bewahren.
Lena spult ihr Programm professionell ab
Das Moderatoren-Trio, Eldar Qasimov, Leyla Alijewa und Nargiz Berk-Petersen, wirkte auch bei der zweiten Show hölzern und bemüht. Immerhin hatte Vorjahressieger Eldar Quasimov auch einen ersten gesanglichen Auftritt: Als Pausenakt hatte Ictimai TV gleich alle fünf Gewinner der vergangenen fünf Jahre nach Baku auf die Bühne geholt.
Zur Höchstform lief allerdings nur Marija Šerifović auf, die ihr Lied „Molitva“ aus dem Jahr 2007 sang. Der Russe Dima Bilan („Believe“), bei dem man sich fragte, ob er 2008 schon nicht singen konnte, war total gelangweilt, Alexander Rybak („Fairytale“) und Lena („Satellite“) spulten ihre Titel professionell ab. Ell & Nikki stimmten zum Abschluss Abbas „Waterloo“ aus dem Jahr 1974 an. Ihr Gewinnerlied von 2011, „Running Scared“, heben sie sich selbstverständlich für das große Finale auf.
Für die Statistik: Im zweiten Halbfinale traten nur sechs klassische Grand-Prix-Länder an, zwölf der Teilnehmer sind erst in den vergangenen 20 Jahren der ESC-Familie beigetreten. Ins Finale zogen letztlich vier der alten – Schweden, Norwegen, Malta und die Türkei - und sechs der neuen Teilnehmerstaaten – Litauen, Bosnien-Hercegovina, Serbien, Ukraine, Mazedonien und Estland – ein.
1. Großbritannien
2. Ungarn
3. Albanien
4. Litauen
5. Bosnien-Hercegovina
6. Russland
7. Island
8. Zypern
9. Frankreich
10. Italien
11. Estland
12. Norwegen
13. Aserbaidschan
14. Rumänien
15. Dänemark
16. Griechenland
17. Schweden
18. Türkei
19. Spanien
20. Deutschland
21. Malta
22. Mazedonien
23. Irland
24. Serbien
25. Ukraine
26. Moldau