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„Song Contest“ in Aserbaidschan : Lieder für Millionen

Baku vor dem Eurovision Song Contest: Polizisten versuchen am Montag, Demonstranten festzusetzen, was nicht in jedem Fall gelingt. Bild: dapd

Tausende Menschen werden enteignet, der Neubau von Straßen und Gebäuden verschlingt Millionen: Für den „Eurovision Song Contest“ in Baku zahlt Aserbaidschan einen hohen Preis.

          Anastasija Cherkessowa aus der berühmten Agil-Gulijew-Straße Nummer fünf in Baku hat eine neue Bleibe gefunden. Im April schon konnte die junge Frau die „gute Nachricht“ mitteilen: Ihre Mutter Natalija Alibekowa habe für ihre Familie - für Ehemann, Tochter und Enkelsohn - ein Apartment gekauft: „Es ist klein, aber unser Zuhause“, schrieb die Siebenundzwanzigjährige vor vier Wochen. Die neue Adresse ist gar nicht so schlecht, die amerikanische Botschaft liegt gleich um die Ecke. Doch wie einst so schön direkt am Ufer des Kaspischen Meers, dort wo die Immobilenpreise in den vergangenen Jahren ins fast Unbezahlbare gestiegen sind und Wohnungen für Wahnsinnspreise verkauft und vermietet werden, leben die vier bei weitem nicht mehr. Es sind nun Luftlinie gut acht Kilometer bis zur Altstadt von Baku, zu der sie vorher in wenigen Minuten zu Fuß laufen konnten.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auch darum geben Anastasija und ihre 63 Jahre alte Mutter das alte Haus noch nicht verloren, das allerdings gleich zwei Prestigeobjekten im Wege stand: dem Nationalen Flaggenplatz, auf dem in 162 Metern Höhe die 2450 Quadratmeter große blau-rot-grüne Flagge Aserbaidschans mit ihrem weißen Halbmond und achtzackigen Stern in der Mitte weht, und der sogenannten Kristallhalle, in der am Samstag das Finale des „Eurovision Song Contest“ (ESC) stattfindet. Sechs Familien aus dem neunstöckigen Gebäude mit 72 Eigentumswohnungen lehnen bis heute jede Entschädigung der Stadt und damit des Staates ab. Sie klagen vor Gericht - auf Wiedererrichtung ihres abgerissenen Hauses. Und auf eine Art Schmerzensgeld in Höhe von 20000 Manat, was ziemlich genau 20 000 Euro entspricht. Natalijas und Anastasijas Fall wird an diesem Mittwoch verhandelt. Ihre Chancen vor Gericht? Eher hoffnungslos, sagt ihr Anwalt Zija Gulijew. „Wir werden wohl vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen müssen.“ Aserbaidschan ist Mitglied des Europarates und der Europäischen Menschenrechtskonvention beigetreten.

          Das ziemlich hässliche Gebäude aus sowjetischen Zeiten an der Agil-Gulijew-Straße hatte bis zuletzt widerstanden. Noch als ein Bagger im Februar auf dem Dach begann, die Mauern von oben her einzureißen, blieben etliche Familen in ihren Wohnungen. Doch aller Protest war umsonst. Wo das Haus mit der Nummer fünf einst stand, lässt sich knapp drei Monate später nicht einmal mehr erahnen. Eine breite Straße führt nun von der Altstadt Bakus bis zu einem großen Parkplatz, auf dem derzeit nur einige Shuttle-Busse und Taxis für die ESC-Gäste halten. Zum Finale aber werden Tausende Zuschauer erwartet, der Parkplatz war insofern unumgänglich, wie es heißt.

          Baku baut, und dafür werden spätestens seit 2005 ständig alte Häuser abgerissen, um Platz zu schaffen. Der ESC, im vergangenen Jahr von Aserbaidschan in Düsseldorf gewonnen und somit nach Baku gekommen, hat die Modernisierungskampagne von Staatspräsident Ilham Alijew nur noch beschleunigt. Und er hat sie dramatisch verteuert, wie eine Zusammenstellung der bislang angefallenen Kosten zeigt. Das Papier, das einige der wichtigsten Nichtregierungsorganisationen am Dienstag bei einer Pressekonferenz vorstellten, kommt auf gigantische 629,8 Millionen Manat (rund 626 Millionen Euro). Die Summe ist nicht aus der Luft gegriffen, die einzelnen Posten erscheinen in Regierungspapieren.

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