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Gespräch zum ESC : „Russland führt einen regelrechten Propagandakrieg“

Anna Leonova ist Geschäftsführerin der Gay Alliance Ukraine. Bild: Privat

Anna Leonova ist Geschäftsführerin der Gay Alliance Ukraine. Im Interview spricht sie über Hasskriminalität und den „Eurovision Song Contest“ in Kiew.

          Frau Leonova, das diesjährige Motto des „Eurovision Song Contest“ lautet „Vielfalt feiern“. Wie ist es dazu gekommen?

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Da gibt es viele Geschichten. Ich glaube aber, es hat vor allem damit zu tun, dass die Vorjahressiegerin Jamala, die den ESC nach Kiew geholt hat, als Krimtatarin selbst einer Minderheit angehört.

          Das heißt, mit der Vielfalt, für die Sie einstehen, hat das Motto wenig zu tun?

          Die Organisatoren hier in der Ukraine haben auch schon verstanden, dass viele Homosexuelle zum ESC anreisen werden. Zudem findet im Juni der Gay Pride mit dem „Marsch für Gleichheit“ in Kiew statt, der international genau beobachtet wird. Auch das wurde wohl bedacht. Ich als Lesbe jedenfalls fühle mich von dem Motto angesprochen.

          ESC-Gewinnerin Jamala steht also für die Vielfalt, für die Sie sich einsetzen?

          In gewisser Weise schon. Sie setzt sich ja auch für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern (LGBT) ein. Leider tut sie das nur im Ausland. Man muss aber auch viel Mut haben, um sich in der Ukraine auf einer Bühne öffentlich für LGBT einzusetzen.

          Erhält Ihre Organisation Geld vom Staat?

          Nein. Wir werden vor allem von der schwedischen Behörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit und dem dänischen Außenministerium finanziert.

          Was genau machen Sie?

          Wir bieten vor allem Hilfe und Informationen, zum Beispiel über unsere Hotline und unsere Internetseite. Das ist wichtig, denn über LGBT werden bewusst Fehlinformationen verbreitet, gerade Russland führt da einen regelrechten Propagandakrieg. Für Männer, die Sex mit Männern haben, geben wir eine Zeitung heraus. Zudem verfolgen wir Fälle von Hasskriminalität. Allein in den vergangenen zehn Tagen gab es fünf schwerwiegende Vorfälle in verschiedenen Städten in der Ukraine, bei denen Frauen und Männer krankenhausreif geschlagen wurden, ohne dass die Polizei den Fällen nachgehen würde.

          Wer sind vor allem die Opfer?

          Männer sind fast immer die Opfer. Und sie werden über soziale Medien konkret angesprochen. Das ist total perfide. Der Täter sucht sich sein Opfer, verabredet sich mit ihm, greift es dann verbal oder auch körperlich an und filmt das Ganze, um sein Opfer damit zu erpressen oder den Film später ins Netz zu stellen. Solche Videos sind beliebt, wer damit viele Klicks auf seiner Internetseite erreicht, verdient so auch noch Geld.

          Wer sind die Täter?

          Hooligans, Rechtsextreme, aber auch ganz normale Leute, die nicht unbedingt homophob sind.

          Was macht die Polizei?

          Eigentlich nichts. Es kommt auch selten zur Anzeige. Viele Opfer schämen sich, suchen keine Hilfe und zahlen lieber.

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          Im vergangenen Jahr hat die Polizei dafür gesorgt, dass der Gay Pride, ein Demonstrationsmarsch durch Kiew, stattfinden konnte. Hat das auch mit dem Bürgermeister Vitali Klitschko zu tun, der seit 2014 im Amt ist?

          Es hat mehr mit der Zivilgesellschaft, mit Zivilcourage und dem auch internationalen Druck über soziale Medien zu tun. 2014 haben Klitschko und die Stadt dafür gesorgt, dass der Marsch gerichtlich verboten wurde, nachdem er 2013 stattfinden konnte. Damals hatte sich Viktor Janukowitsch persönlich dafür eingesetzt. 2015 sollte er wieder verboten werden, aber die Stadt beugte sich schließlich den Protesten. Erst 2016 hat die Polizei uns dann auch vor Angriffen geschützt. Das hatte vor allem mit der damaligen Chefin der Nationalen Polizei zu tun, der Georgierin Khatia Dekanoidze, die für eine neue Politik eintrat.

          In Kiew wurde ein Denkmal aus sowjetischen Zeiten, das für die Völkerfreundschaft zwischen der Ukraine und Russland steht, für den ESC in Regenbogenfarben angemalt. Nach Protesten aber wurde der Regenbogen nicht vollendet.

          Offenbar haben viele verschlafen, dass das Titan-Denkmal nicht nur als Regenbogen gedacht war, sondern auch nachts schon seit bald 20 Jahren in den Regenbogenfarben angestrahlt wurde. Die Diskussionen darum und die Aufmerksamkeit sind allerdings ganz gut für uns. Darum haben wir auch den unfertig bemalten Bogen als Logo für unseren Gay Pride im Juni gewählt. Man könnte fast meinen, die Rechtsextremen und wir hätten uns das zusammen ausgedacht.

          Ist der ESC also gut für LGBT in der Ukraine?

          Sehr. Aber der ESC ist gewiss keine reine LGBT-Veranstaltung, schon gar nicht in der Ukraine. Für den Tourismus aber könnte der Song Contest wichtig sein, denn alle, die kommen, finden die Stadt toll, weil sie so europäisch ist. Das spricht sich rum, und mehr LGBT werden künftig kommen, wenn die Stadt endlich für mehr Sicherheit sorgt. Andererseits stellen die Kiewer gerade fest, dass die LGBT beim ESC viel Geld in ihrer Stadt lassen – zu ihrem Nutzen. Auch das ist natürlich gut.

          Sind in den vergangenen Jahren viele LGBT von der Krim und aus der Ostukraine nach Kiew gekommen?

          Sehr viele. Tausende wahrscheinlich. Es waren drei Wellen. Gleich als die Russen die Gebiete eroberten, haben viele ihren Besitz und ihre Unternehmen in Sicherheit gebracht. Es waren gewissermaßen Wirtschaftsflüchtlinge. Danach kamen diejenigen, die Angst vor Diskriminierung und Unterdrückung haben. 2016 folgte die dritte Welle, es sind nun Menschen, die Angst um ihr Leben haben müssen. Denn jetzt werden sie von ihren Nachbarn denunziert und von den Russen nur auf Verdacht ins Gefängnis gesteckt und verschleppt. Selbst wenn sie gar nicht schwul oder lesbisch sind, man will sie loswerden und an ihren Besitz kommen. Wir erleben gerade, dass die Russen auf ukrainischem Boden wieder Gesetze einführen, die uns nur aufgrund unserer sexuellen Orientierung zu Kriminellen erklären.

          Auch viele HIV-Infizierte sollen gekommen sein.

          Ja. HIV-Infizierte werden in den russisch besetzten Gebieten ebenfalls kriminalisiert.

          Wie ist es in der Ukraine?

          Wer bei einem Aids-Zentrum registriert ist, bekommt eine Behandlung. Allerdings gibt es sechs Risikogruppen, und Homosexuelle stehen ganz unten, zumindest auf lokaler Ebene. Für Gefangene, Prostituierte, Drogenabhängige bringt die Politik oft noch ein gewisses Verständnis auf. Für LGBT aber überhaupt nicht. Viele meinen, die gebe es in der Ukraine nicht, zumindest seien es so wenige, dass man sie nicht weiter berücksichtigen müsse.

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