Oben auf der Bühne zwirbelt sich die österreichische Soul-Sängerin Saint Lu um den Mikrofonständer und singt von zerstörerischer Liebe. Unten im Zuschauerraum legen die Jungs von LaBrassBanda die Beine hoch. Genauer gesagt die nackten Füße. Denn bis der Bassist und der Posaunist der bayerischen Bläsercombo selbst zum Soundcheck dürfen, dauert es noch ein wenig, und der Boden der Tui-Arena ist verdammt kalt. „Wir treten immer mit nackten Füßen auf“, sagen sie. Warum? „Du fühlst dich einfach besser, du fühlst den Holzboden unter dir“ – selbst wenn der aus Pressspan ist. LaBrassBanda gibt sich bodenständig. Ihre Musik ist handgemacht, laut und lustig. „Nackert“ heißt ihr Beitrag, und als einziger Teilnehmer spielt die Band um Frontmann Stefan Dettel komplett live. „Für Musik vom Band schauen wir nicht gut genug aus“, sagt Dettel.
Lena-Hype ist vorbei
Wenn Anke Engelke am Donnerstagabend den deutschen Vorentscheid zum „Eurovision Song Contest“ (ESC) 2013 moderieren wird, ist vieles anders als in den vergangenen Jahren. Statt einen „Star“ sucht die ARD einen „Song“ für den europäischen Liederwettbewerb, das ebnet Duos und Formationen den Weg. ProSieben ist nicht mehr dabei, Stefan Raab nur noch über seine Agentur Brainpool. Die hat gemeinsam der Plattenindustrie mit und dem Norddeutschen Rundfunk, der für die ARD den ESC verantwortet, die zwölf Kandidaten bestimmt. Radiohörer können schon seit einer Woche ihren Favoriten wählen. Fernsehzuschauer und eine Jury stimmen in der Show heute Abend ab. Gesorgt haben die Entscheider jedenfalls für ein breites Spektrum. Es soll für jeden etwas dabei sein, schließlich will die ESC-Show möglichst viele Zuschauer quer durch die Generationen vor die Fernseher locken. Nach dem Lena-Hype vor drei Jahren war die Quote zuletzt gesunken.
Als LaBrassBanda auf der Bühne das Blech zum Scheppern bringt, schlendert deshalb schon eine Vertreterin der eingängigeren Musik durch das Gewusel aus Leuten mit Klemmbrettern und Ohrsteckern. Die Newcomerin Mia Diekow trägt Tüllhütchen und Flatterkleid zu kniehohen Schnürstiefeln. Auf der Bühne stimmt sie ihren Song „Lieblingslied“, eine unschuldig daherkommendes Pop-Lied über Liebe für eine Nacht, ein Song wie ein hüpfender bunter Gummiball. Wohlfühl-Pop liefern auch Mobilée und Finn Martin – und die Söhne Mannheims. Die einzig bekannte Band im Wettbewerb – nur zu sechst und ohne Xavier Naidoo – spult ihre Probe routiniert ab. Wie weit ihr Song „One Love“, eine band-typische Melange aus Rap, Soul und Pop mit gutmenschelndem englischem Text, vor ESC-Publikum trägt, wird sich zeigen.
Dittrich: „Im Pop ist weniger oft mehr“
Vielleicht bevorzugt das Publikum auch Lieder, die berühren und geradezu Himmlisches verheißen: Cascadas hymnisches „Glorious“ oder „Elevated“ des Klassik-trifft-Pop-Duo Nica & Joe. Vorerst entrückt bleiben jedenfalls die drei katholischen Geistlichen, die als Die Priester & Mojca Erdmann einen Mariengesang intonieren wollen. Auf den ersten Proben lassen sie sich von Lichtdoubles vertreten. Könnte sein, dass sich auch Ben Ivory in manchen Momenten einen Double wünscht. Immer wieder verschlingt ein Lichtgewitter aus Laserspots den schmalen jungen Mann, die Lichtregie justiert noch einmal nach, dann wummern die Bässe zu gläsernem Gesang.
Wie die Blitzkids geht Ivory mit Elektropop im Stil der Achtziger an den Start. Der Sound ist noch etwas kühl, aber Anke Engelke gefällt es. Die Moderatorin sitzt im Parkett, dick eingewickelt in einen Mantel und summt mit. So entspannt kann auch Betty Dittrich sein. Die gebürtige Schwedin ist mit ihrer Probe schon durch. Entspannt ist auch ihr Lied. „LaLaLa“, ein augenzwinkernder Retro-Schlager, fast wie aus den Sechzigern. Vielen handeln den Song als Favoriten, auch wenn der Titel nicht gerade geistreich ist. Dittrich lacht in ihrem knallbunten Vintage-Kleid. „Im Pop ist weniger oft mehr“, sagt sie. Da könnte was dran sein.