Home
http://www.faz.net/-hfi-7069z
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eurovision Song Contest 2012 Viel Lob für Anke Engelke

 ·  Die schwedische Sängerin Loreen hat den Song Contest in Baku gewonnen. Es ist bereits der fünfte Sieg für Schweden. Roman Lob aus Deutschland landete auf Platz 8. Anke Engelke sorgte mit einem politischen Kommentar für Aufsehen.

Artikel Bilder (22) Lesermeinungen (16)
© dpa Anke Engelke: „Es ist gut, eine Wahl zu haben“

Ein Gummimonster aus Finnland löste die Spannung, die schon keine mehr war. Acht Punkte, so Mr. Lordi, vergebe er an das heißeste, hübscheste, schönste Babe des Abends, eigentlich seien es sogar sechs an der Zahl, die Großmütter aus Russland. Pause. Und weiter: Zehn Punkte vergebe er an das heißeste, hübscheste, schönste Babe des Abends, den jungen Mann aus Estland. Dabei leckte sich der Frontmann der finnischen Hardrockband genüsslich die Lippen, als wolle er den Esten Ott Lepland gleich verspeisen. Wieder Pause. Und die höchste Punktzahl, die zwölf, die vergebe er an das heißeste, hübscheste, schönste Babe des Abends überhaupt – an die reizende Loreen aus „Swiiiiieeeden“.

Lordi hatte für Finnland den „Eurovision Song Contest“ (ESC) im Jahr 2006 gewonnen. Drei Jahre später holte Alexander Rybak die gläserne Trophäe nach Norwegen. Und nun, wieder drei Jahre später, hat ein weiteres Land aus dem hohen Norden Europas, Schweden, die große Ehre und nicht einmal mehr zwölf Monate Zeit, den nächsten Grand Prix auszurichten.

Finnland war nicht das einzige Land, das Schweden vor Russland sah. Loreens „Euphoria“ wurde 18 Mal mit zwölf Punkten bedacht und holte insgesamt 372 Punkte. Damit scheiterte sie zwar knapp am Fabelrekordwert des Norwegers Alexander Rybak. Der war mit seinem Song „Fairytale“ auf 387 Punkte gekommen und hatte einen Vorsprung von 169 Punkten auf die damalige Nummer zwei, Island. Die Schwedin überragt aber Lena, die mit „Satellite“ im Jahr 2010 in Oslo auf 246 Punkte gekommen war.

  21/21  
Deutschland erreichte mit Roman Lob und seinem Lied "Standing Still" Platz acht. © reuters Deutschland erreichte mit Roman Lob und seinem Lied "Standing Still" Platz acht.

Für die Buranowskije Babuschki aus Russland hieß es in der Kristallhalle in Baku am Samstagabend nur einmal „twelve points – douze points“. Das war zu wenig und die sechs alten Damen, die so gerne als die „Golden Girls“ aus Russland bezeichnet wurden, bekamen nur Silber und lagen am Ende 113 Punkte hinter Loreen, aber immer noch 45 Punkte vor dem Drittplazierten Željko Joksimović aus Serbien.

Irland führt noch immer mit insgesamt 7 Siegen

Es ist der fünfte Sieg für Schweden in mehr als 50 Jahren schwedischer Grand-Prix-Geschichte. Damit holen das Königreich zu Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden auf, Irland führt nach wie vor mit sieben Siegen. Doch es ist auch ein persönlicher Sieg für Loreen, die vielen zwar schon früh als Favoritin galt, die aber selbst nie den Eindruck machte, als wäre ihr diese Rolle bewusst. „Danke, dass Ihr an mich geglaubt habt“, hauchte sie wie immer etwas abwesend ins Mikrofon, nachdem ihr die Vorjahressieger aus Aserbaidschan, Ell & Nikki, den Wanderpokal in Form eines zerbrechlichen Mikrofons überreicht hatten. Auch später, bei der Pressekonferenz der Gewinnerin ließ sich wie stets nur wenig Sinnvolles aus ihr herauslocken. Der Achtundzwanzigjährigen fällt es schwer, klare und verständliche Sätze zu formulieren.

Ein düsterer Kampftanz

Ähnlich unverständlich war für die meisten Zuschauer auch die Inszenierung ihres Songs auf der Bühne, einer Art Capoeira. In wehendem Umhang und mit wehenden Haaren, in sich gekehrt, fast wie weggetreten, gab sie sich ihrem nicht unbedingt brasilianisch anmutenden Kampftanz hin. Ihr Auftritt wirkte düster, und nicht nur, weil es von wenig Scheinwerferlicht beschienen wurde. Sie warf sich zu Boden, kauerte sich zusammen, riss die Arme empor, verkrampfte sie vor der Brust und wurde zuletzt von einem Tänzer in die Luft gehoben. Zum Höhepunkt sprang sie über seine Schulter – und das in Zeitlupe, ein besonderer Effekt. Was ihr Tanz denn bedeute, wollte ein Journalist von ihr wissen: die Freiheit, keine Regeln zu haben. Und dass man machen könne, was man wolle, alles erreichen könne. „Sei, was du bist.“

Lorine Zineb Noka Talhaoui, die von Berbern in Marokko abstammt, aber in Stockholm zur Welt gekommen ist, war im vergangenen Jahr schon einmal auf dem Weg zum ESC gescheitert. Allerdings gibt es seit jeher auch kaum härtere Vorentscheide als im absolut ESC-verrückten Schweden. Beim berühmten Melodifestivalen treten in vier Vorrunden jeweils acht Künstler an, jeweils zwei erreichen das Finale. Danach gibt es noch einen fünften Vorentscheid. Die jeweils Dritt- und Viertplatzierten bekommen darin eine „zweite Chance“ (Andra chansen) und können um die zwei letzten der zehn Finalplätze singen.

War Loreen 2011 noch mit einem Lied, an dem sie selbst mitgeschrieben hatte, gescheitert, so stürmte sie in diesem Jahr mit „Euphoria“ nicht nur ins Finale des Festivals, sondern ganz klar auf Platz eins. Ihr Lied blieb danach auch in Europa nicht unbemerkt, und schon bald hieß es allerorten, sie werde bestimmt in Baku gewinnen. Oder, so die Grand-Prix-Propheten, eben doch die lustige Folkloretruppe aus der kleinen Republik Udmurtien. Wie richtig diese Prognosen waren, zeigte sich am Sonntagmorgen nach dem Finale, als die Ergebnisse der Zwischenrunden veröffentlicht wurden. Das erste Halbfinale am Dienstag hatten die Russinnen vor der Albanerin Rona Nishliu gewonnen, das zweite Halbfinale am Donnerstag Loreen vor Serbien. Das nahm die Finalplazierungen vorweg, denn auf Rang drei kam Serbien vor Aserbaidschan – das Gastgeberland war in der Endrunde gesetzt -, gefolgt von Albanien.

Roman Lob lieferte einen tadellosen Auftritt ab

Auch Roman Lob konnte mit sich und seinem „Standing Still“ zufrieden sein. Der junge Deutsche, der als Glücksbringer keine Kappe, sondern eine graue Mütze trug, lieferte einen tadellosen Auftritt ab. Kein falscher Ton, kein Wackler, die braunen Knopfaugen funkelten zur rechten Zeit in die Kameras, und fast wirkte es, als lächelte er sogar ein kleines bisschen mehr als bei der Generalprobe in der Nacht zuvor. Auch da hatte er morgens um 1.45 Uhr Ortszeit sein Bestes geben müssen, denn die zweite der drei Generalproben sehen sich die fünf Juroren an – für Deutschland waren das als Jury-Vorsitzende Anke Engelke, zudem die Künstler Tim Bendzko, Ben und Mieze Katz von der Band MIA. sowie die Moderatorin Sabine Heinrich. Der Jury-Vote zählt immerhin 50 Prozent zur End-Entscheidung dazu.

Weder Zuschauer noch Juroren konnte der Altstar Engelbert aus Grobritannien überzeugen. Er stürzte mit seinem „Love Will Set You Free“ jämmerlich auf Platz 25 ab. Auch die Französin Anggun mit „Echo (You AND I)“ landete trotz muskulöser Unterstützung nur auf einem schlechten 22. Rang. Und bei den Zwillingen Jedward aus Irland bewahrheitete sich mal wieder, dass es nie gut ist, zwei Mal hintereinander anzutreten. In Düsseldorf 2011 erreichten die Brüder noch Platz acht, in Baku wurden sie 19. Die anderen beiden der „Big- Five“-Länder, Italien und Spanien, kamen hinter Deutschland noch unter die besten zehn. Ein versöhnliches Ergebnis.

Anke Engelke an Baku: „Europe is watching you“

Deutschland aber sorgte aus aserbaidschanischer Sicht auch für einige Misstöne, dazu musste man nicht einmal zwischen Anke Engelkes Zeilen lesen können. Sie hatte die Punkte von der Reeperbahn für Deutschland vergeben und mit einigen klaren Worten an Baku eingeleitet: Man könne beim ESC zwar nicht für sich selbst abstimmen, aber es sei grundsätzlich gut, wenn man sich entscheiden könne und auch die Wahl habe. Dann wünschte sie dem Land alles Gute auf seiner weiteren Reise und fügte hinzu: „Europe is watching you.“

Ihre Offenheit wurde in Deutschland einhellig begrüßt: „Anke Engelke hat mit ihren klaren, klugen und charmanten Worten die Ehre des ESC gerettet“, sagte der  ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber am Sonntag. Und NDR-Intendant Lutz Marmor erklärte, Anke Engelke habe genau den richtigen Ton getroffen.

Damit war alles gesagt, war in den vergangenen Wochen doch viel über das undemokratische Verhalten der Regierung von Staatspräsident Ilham Alijew zu hören gewesen. Friedliche Demonstrationen hatte er auch während der ESC-Tage nicht zugelassen. Die Protestierenden hatten unter anderem das offizielle Motto des Wettbewerbs „Light Your Fire!“ (Entzünde dein Feuer) in „Fight your Liar!“ (Bekämpfe deine Lügner) umformuliert und auf den Straßen skandiert – so auch vor dem Gebäude des Staatsfernsehens Ictimai TV, das den ESC in Baku organisierte.

Familie des Staatspräsidenten trat nicht in Erscheinung

Der Alijew-Clan war beim Finale nicht in Erscheinung getreten, vielleicht saß er ja in der eigens für ihn errichteten Präsidentenloge in der Kristallhalle. Einzig der Schwiegersohn des Präsidenten, der Sänger Emin Ağalarov, durfte in der Pause auftreten, genauer: Er schwebte vom Himmel herab, was irgendwie gut zu den Uniformen seiner Tänzer passte, die aus Star Trek zu sein schienen. Ağalarov ist mit Leyla Alijewa verheiratet, einer der beiden Töchter des Präsidenten, die aber nicht mit einer der beiden gleichnamigen Moderatorinnen des Abends verwandt ist.

Zur Show gibt es wenig zu sagen, sie war immer dann besonders gut, wenn herausragende und uns fremde Musiker aus Aserbaidschan auftraten. Die Moderation von Leyla Alijewa, Nargiz Birk-Petersen und Eldar Qasimov von Ell & Nikki war wieder hölzern und ohne jedes Esprit. Überraschend war, dass gleich am Anfang in 60 Sekunden und in Zeitraffer gezeigt wurde, wie die Kristallhalle in den vergangenen acht Monaten hochgezogen wurde. An ihr unter anderem hatte sich ja der Streit zwischen der Regierung in Baku und Menschenrechtsorganisationen entzündet, da für den Neubau Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, um das Grundstück auf der Halbinsel überhaupt erschließen zu können.

Damit zumindest wird es in Stockholm keine Probleme geben: Schon das nächste Melodifestivalen-Finale findet in einer ESC-würdigen Halle statt, die Platz für bis zu 40 000 Zuschauer bietet - in der Swedbank-Arena in Solna gleich außerhalb der schwedischen Hauptstadt. Und der Termin steht auch schon fest: Das nächste Finale findet wieder am Pfingstwochenende statt, am 18. Mai.

Die Platzierungen beim ESC-Finale 2012

1. Loreen (Schweden) mit „Euphoria“, 372 Punkte;

2. Buranowski Babuschki (Russland) „Party For Everybody!“, 259 Punkte;

3. Zeljko Joksimovic (Serbien) mit „Nije Ljubav Stvar“, 214 Punkte;

4. Sabina Babayeva (Aserbaidschan) mit „When The Music Dies“, 150 Punkte;

5. Rona Nishliu (Albanien) mit „Suus“, 146 Punkte;

6. Ott Lepland (Estland) mit „Kuula“, 120 Punkte;

7. Can Bonomo (Türkei) mit „Love Me Back“, 112 Punkte;

8. Roman Lob (Deutschland) mit „Standing Still“, 110 Punkte;

9. Nina Zilli (Italien) mit „L“Ámore È Femminia (Out Of Love)“, 101 Punkte;

10. Pastora Soler (Spanien) mit „Quédate Conmigo“, 97 Punkte;

11. Pasha Parfeny (Moldawien) „Lautar“, 81 Punkte;

12. und 13. Mandinga (Rumänien) mit „Zaleilah“ und Kaliopi (Mazedonien) mit „Crno I Belo“, jeweils 71 Punkte;

14. Donny Montell (Litauen) mit „Love Is Blind“, 70 Punkte;

15. und 16. Ivi Adamou (Zypern) mit „La La Love“ und Gaitana (Ukraine) mit „Be My Guest“, jeweils 65 Punkte;

17. Eleftheria Eleftheriou (Griechenland) mit „Aphrodisiac“, 64 Punkte;

18. Maya Sar (Bosnien-Herzegowina) mit „Korake ti znam“, 55 Punkte;

19. und 20. Greta Salóme & Jónsi (Island) mit „Mundu Eftir Mér“ und Jedward (Irland) mit „Waterline“, 46 Punkte;

21. Kurt Calleja (Malta) mit „This Is The Night“, 41 Punkte;

22. und 23. Soluna Samay (Dänemark) mit „Should“ve Known Better“ und Anggun (Frankreich) mit „Echo (You And I)“ mit jeweils 21 Punkte;

24. Compact Disco (Ungarn) mit „Sound Of Our Hearts“, 19 Punkte;

25. Engelbert Humperdinck (Großbritannien) mit „Love Will Set You Free“, 12 Punkte;

26. Tooji (Norwegen) mit „Stay“, 7 Punkte;
 

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

Jüngste Beiträge