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ESC-Tagebuch aus Kiew (7) : Ein Sieg der leisen Töne

Hat die Geschichte des ESC ein wenig umgeschrieben: Der Portugiese Salvador Sobral siegt beim Song Contest mit ganz leisen Klängen. Bild: dpa

Salvador Sobral triumphiert beim Eurovision Song Contest in Kiew. Damit gewinnt Portugal erstmals beim Grand Prix. Deutschland hingegen erreicht nur den vorletzten Platz.

          In dem Moment, als das Lied verklungen war und die Kamera Salvador Sobrals armenische Mitbewerberin Artsvik zeigte, der Tränen über das Gesicht liefen, war absehbar, dass der Portugiese den diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) gewinnen würde. Die Jury aus Armenien gab am Ende der BalladeAmar Pelos Dois“ genauso zwölf Punkte wie die Juroren aus 17 weiteren Ländern. 376 Punkte gab es von den Jurys für den Beitrag aus Portugal, 382 waren es von den Fernsehzuschauern. Das macht zusammen 758 Punkte. Das waren gut 200 Punkte mehr als die Ukrainerin Jamala im vergangenen Jahr bekommen hatte.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Portugiese Sobral ist kein Mann der Emotionen. Zwar schaute er kurz ungläubig, als er sowohl von den Jurys als auch von den Fernsehzuschauern klar zum Sieger gekürt worden war. Er ließ sich auch von seiner Schwester Luísa in den Arm nehmen. Kurz danach aber ging er schon wieder sehr gefasst durch die Halle, um seine Trophäe entgegenzunehmen. Dass er dabei von Sicherheitsleuten begleitet wurde, er die Zuschauer, die ihm eine Gasse bildeten, nicht abklatschen konnte, hatte wohl mit einem Flitzer zu tun. Einem jungen Mann mit australischer Fahne war es zuvor gelungen, auf die Bühne und zu der singenden Jamala vorzudringen und sich kurz zu entblößen.

          Keine Wegwerfware, kein Feuerwerk

          Sobral gelangte unbehelligt auf die Bühne, wo er erst die Trophäe in Form eines gläsernen Mikrofons und danach die Glückwünsche der Vorjahressiegerin Jamala und der drei Moderatoren des Abends entgegennahm. Seine ersten Worte waren typisch für den introvertierten Künstler. Musik sei keine Wegwerfware, kein Feuerwerk, das man einmal abbrenne. Musik müsse Emotionen wecken, um eine Bedeutung zu haben. Damit spielte er wohl auch auf einen Großteil der Beiträge des diesjährigen Song Contests an. Danach sang der Siebenundzwanzigjährige sein Lied noch einmal – gemeinsam mit seiner Schwester Luísa, von der „Amar Pelos Dois“ stammt.  

          „Für beide lieben“, so der deutsche Titel, handelt von einer verlorenen Liebe und dem Versuch, sie wiederzuerlangen. „Peço que regresses, que me voltes a querer“ heißt es darin mehrfach, „ich flehe dich an, zurückzukehren und mich wieder zu wollen“. Luísa Sobral, zwei Jahre älter als ihr Bruder, wollte ihm mit der Ballade etwas Gutes tun. Ein schönes langsames Lied sollte es werden, dass es auch erfolgreich werden würde, haben beide nicht erwartet.

          758 Punkte: Portugal: Salvador Sobral, „Amar Pelos Dois“ Bilderstrecke
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          Salvador Sobral sang als einer der wenigen Teilnehmer des ESC in seiner Muttersprache, bei ihm gab es keine Inszenierung, keinen Funkenregen, keine knallbunten Bilder auf der LED-Wand, keine Tänzer, keine Hintergrundsänger. Nur eine zarte Instrumentierung durch Streicher und Klavier. Bewusst stand er auf der kleinen Vorbühne mitten im Publikum, trug wie immer seinen viel zu großen schwarzen Anzug und dazu Dreitagebart, die langen Haare hatte er nur grob hinten zusammengebunden.

          Damit war er der Kontrapunkt des Abends. Schon der Zweitplazierte, der Bulgare Kristian Kostow („Beautiful Mess“), setzte auf viel Krawumm. Der jüngste im Feld, Kostow ist der erste ESC-Teilnehmer, der im neuen Jahrtausend zur Welt kam, machte seiner Favoritenrolle allerdings alle Ehre. Auf 615 kam er am Ende und lag damit klar vor der Gruppe Sunstroke Project aus Moldau („Hey Mamma“), der belgischen Sängerin Blanche („City Lights“) und dem Schweden Robin Bengtsson („I Can’t Go On“)  mit 374, 363 und 344 Punkten. Erst auf Platz sechs folgte Italien.

          Italien überrascht

          Das war die größte Überraschung des Abends: Wochenlang hatte Francesco Gabbani als Favorit gegolten und bei allen Prognosen uneinholbar auf Platz eins gelegen, und dann patzte er auf der Zielgeraden. Der Mann aus Carrara war schon beim Jury-Finale am Freitagabend schwach, beim großen Finale war er zwar besser, aber nicht so gut wie er in den Wochen zuvor.

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