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ESC : Die Wiener Botschaft

Der Mann fürs Große: Schon 2011 in Düsseldorf war der Münchner Florian Wieder fürs Bühnendesign zuständig. Nun hat er auch die Stadthalle in Wien für den Grand Prix nächste Woche umgestaltet. Bild: dpa

Der Eurovision Song Contest elektrisiert die österreichische Hauptstadt. Das liegt nicht nur an der Musik: In Wien wird das Event zu einem gesellschaftspolitischen Ereignis stilisiert. Das hat auch mit Conchita Wurst zu tun.

          Die österreichische Hauptstadt steuert auf eine Woche zu, die ganz im Zeichen des Eurovision Song Contest stehen soll. In drei Ausscheidungsveranstaltungen wird nächsten Dienstag, Donnerstag und schließlich Samstag vor Pfingsten in der Wiener Stadthalle ermittelt, wer in diesem Jahr die Krone des europäischen Gesangswettbewerbs tragen soll. Im vergangenen Jahr war das der österreichische Travestie-Künstler Conchita Wurst, weswegen Österreich als Heimatland des Siegers die Veranstaltung austragen darf. Vor fast genau einem halben Jahrhundert war Udo Jürgens der bis dato letzte Österreicher gewesen, dem das gelungen war. Dass der im Dezember gestorbene große Chansonnier letzte Woche auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab beigesetzt wurde, mit einem weißen Marmor-Flügel als Grabstein, bedeutete gleichermaßen Abrundung eines Zyklus und Auftakt zur Show dieses Jahres – schöner hätte das Klischee vom morbiden Wien kaum bedient werden können.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Wer mit dem Auto, dem Flugzeug oder der Bahn ankommt, den begrüßen großflächige Plakate mit dem in Violett und Rosa gehaltenen Wahrzeichen des diesjährigen Wettbewerbs. Das Motto lautet „Building Bridges“, das „v“ in „Eurovision“ hat die Form eines rot-weiß-roten Herzchens. Busse und Bahngarnituren sind ebenfalls damit beklebt. In der U-Bahn hört man Ansagen von Conchita Wurst, welche beispielsweise die „bunte Vielfalt“ loben, im Allgemeinen wie im Besonderen (bei der Farbgestaltung der verschiedenen Linien). Schon vor Wochen veranstaltete die für Abfallbeseitigung zuständige Wiener Magistratsabteilung 48 eine Sauberkeitsaktion unter dem hübschen Motto „Eurowischn Putz Contest“.

          Beim ESC geht es nur noch um Spektakel

          Man könnte also versucht sein, für bare Münze zu nehmen, was das Stadtmagazin „Falter“ getitelt hat: „Wien flippt aus“. Was die ständigen Bewohner der Stadt betrifft, sofern sie nicht beruflich mit dem Song Contest zu tun haben, drängt sich dieser Eindruck bislang allerdings nicht auf. Ob man Erwachsene oder Schüler fragt, in der eigenen Umgebung oder zufällig auf der Straße – es fällt schwer, jemanden zu finden, der nicht erklärt, ihm sei die Sache eigentlich egal oder gar, sie gehe ihm auf die Nerven. Eine Umfrage ergab laut Mitteilung, 60 Prozent der Österreicher seien „erfreut“ darüber, dass der Song Contest hier stattfindet. Detaillierter war eine vor einer Woche publizierte Umfrage, die eine noch größere allgemeine Zustimmung ergab, wobei aber nur 30 Prozent „großes“ oder „sehr großes Interesse“ bekundeten. Das könnte sich allerdings noch ändern, denn in den nächsten zehn Tagen wird niemand mehr um die Veranstaltung herumkommen. Alle Medien werden die Töne der „Events“ samt „Nebenevents“ orgeln, allen voran der ausrichtende und (mehr noch als die Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland) marktbeherrschende Sender ORF. Gegen die erwarteten Kosten von rund 12 Millionen Euro für die Stadt Wien und 15 Millionen Euro für den ORF rechnet man sich einen Gewinn durch Tourismus- und Werbeeffekte in vierfacher Höhe aus.

          Zu den wenigen Skeptikern, die sich zwischen den medialen Jubelstürmen vernehmen lassen, zählt der Künstlergewerkschafter Peter Paul Skripek. Der Musiker, der zeitweilig in der Band des ehemaligen Kultsängers Falco spielte, hat den Eindruck, dass es inzwischen weniger um die Musik gehe. „Es ist nur noch ein Spektakel.“ Skripek bemängelt, dass der Song Contest nicht hinreichend für die Förderung der spezifischen österreichischen Musikszene genutzt worden sei, besonders durch den ORF, der kein Format für „österreichische Populärkultur“ habe. „Österreich soll sich seines Beitrags zur Musikkultur nicht schämen, sondern ihn in die Auslage stellen“, sagt Skripek und fügt sarkastisch hinzu: „Wenn man das sagt, dann ist das fast schon nationalistische Betätigung.“

          Eurovision Song Contest : Schwule Ampelmännchen in Wien

          Conchita Wurst ist der ideale Werbeträger

          Tatsächlich geht es beim Song Contest längst nicht mehr nur um einen Gesangswettbewerb. Er wird zu einem gesellschaftspolitischen Ereignis umgedeutet, dessen wichtigste Botschaft in Wien „Gender“ lautet, also jene Theorie, wonach das natürliche Geschlecht nichts und eine selbstbestimmte sexuelle Zugehörigkeit und Orientierung alles sei. Weil das so gut zusammenpasst, wird auch der sogenannte Life Ball in den Eventreigen gefügt. Das ist eine von Homosexuellen-Aktivisten ins Leben gerufene und im Wiener Rathaus abgehaltene Benefizveranstaltung zugunsten von Aids-Kranken. Und wer es immer noch nicht kapiert haben sollte, dem stellen sich in der Stadt jetzt 140 Fußgängerampeln in den Weg, auf denen das Ampelmännchen durch schwule oder lesbische oder durchaus gleichberechtigt gemischte Pärchen ersetzt wurde.

          Naturgemäß ist Conchita Wurst, die bärtige Sängerin, der ideale Werbeträger dieser Botschaft. Entsprechend omnipräsent ist sie. Auf besagtem „Falter“-Titel reitet sie auf dem Turm des Stephansdoms wie einst Dr. Strangelove auf der Bombe, die Kirche dabei einreißend. Dabei nimmt sie selbst am Contest gar nicht mehr teil. Österreich wird vertreten durch „The Makemakes“, eine eher ländliche Formation mit einem (englischsprachigen) Soft-Rock-Song. Für eine gesellschaftspolitische Botschaft drängt sie sich nicht auf.

          Quelle: F.A.Z.

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