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Anke Engelke im Gespräch „Protestwahlen spielen eine große Rolle“

Anke Engelke moderiert am Donnerstag den Vorentscheid des „Eurovision Song Contest“ (ESC) in Hannover. Im Interview spricht sie über das Auswahlverfahren und ihre Ambitionen, selbst einmal anzutreten.

© Julia Zimmermann Vergrößern „Außenseiter haben gute Chancen“, sagt Moderatorin Anke Engelke

Haben Sie eigentlich schon mal daran gedacht, als Sängerin beim Eurovision Song Contest anzutreten? Zum Beispiel mit „Fred Kellner und den famosen Soul Sisters“, Ihrer Band?

Nee, nee, um Gottes Willen, das ist ja gar nicht „meine Band“, ich bin eine von 15, und wir treffen uns nur zweimal im Jahr für die Konzerte.

Aber das schon ewig.

Dieses Jahr waren wir auf 25-Jahres-Tour. Aber das ist keine Band, die mit Eigenkompositionen arbeitet. Das gefällt mir ja jetzt so gut beim Vorentscheid: In erster Linie sind da Leute, die wirklich einen Song geschrieben haben, gezielt für den ESC. Und wenn die Songs schon fertig waren, haben sich die Leute überlegt: Mit welchem Song will ich Deutschland repräsentieren? Solche Überlegungen sind für unsere Band ganz weit weg. Außerdem sind dafür auch zu viele Leute bei Fred Kellner, die gar keinen Pop machen, sondern Klassik und Jazz.

Im Jahr drei nach Lena haben Sie auch schon eine lange ESC-Karriere hinter sich: 2010 als Jury-Mitglied, 2011 als Moderatorin, 2012 als Stimme der deutschen Punktwertung. Was verbindet Sie mit dem Grand Prix?

Also, ich bin gar nicht so ein Wettbewerbstyp. Deshalb kann ich schon mit Olympischen Spielen nicht viel anfangen. Beim Fußball ist das ein bisschen anders. Aber ansonsten bin ich an Wettbewerben nicht interessiert. Ich habe auch nie an einem teilgenommen. Nicht einmal an einem Vorlesewettbewerb.

Dann ist es die Musik?

Ja, der „Song“ im Eurovision Song Contest ist meine Motivation. Ich finde spannend zu sehen: Was denken deutsche Künstler, was ein deutscher Song ist?

Wie finden Sie das neue Auswahlverfahren?

Sensationell. Auch, dass am Tag der Show ein Drittel der Stimmen feststeht, weil die ARD-Radiohörer schon abgestimmt haben. Dass die mehr Gewicht haben, finde ich super.

Sie sind ja auch ein Kind des Radios. Was hören Sie für Radiosender?

Ich wohne in Köln, höre also WDR, Deutschlandfunk, bunt gemischt.

Bei einer Umfrage nach dem besten Kandidaten haben bisher rund 1500 Leser auf FAZ.NET abgestimmt. Die bayerische Bläsercombo „LaBrassBanda“ führt mit 23 Prozent der Stimmen, Betty Dittrich hat 12 Prozent der Stimmen bekommen. „Priester & Moica Erdmann“, die wohl außergewöhnlichste Gruppe der Vorentscheidung, liegt mit einem Prozentpunkt weniger auf Platz drei.

Das ist ja Wahnsinn. Aber natürlich ist auch das repräsentativ. Die Leute stehen auf das Ungewöhnliche für die Veranstaltungen und wählen das, was am ehesten rausfällt aus dem üblichen ESC-Strickmuster. Außenseiter haben gute Chancen.

Protestwahlen spielen beim ESC ja oft eine Rolle.

Eine ganz große. Als „Lordi“ gewann, hat sich Rest-Europa gefragt: Was ist denn da los? Wo ist denn da der Song? Was hat das mit dem Grand Prix zu tun?

Wie sehr hat der Grand Prix eigentlich von den Retrowellen in der Popmusik profitiert?

So richtig retro ist von den Teilnehmern ja eigentlich nur Betty Dittrich.

...mit der sechziger-Jahre-Nummer „LaLaLa“.

Die Blitzkids und Ben Ivory mit ihren Achtziger-Nummern sind für mich so Jetztzeit, das läuft doch heute in Großdissen. Aber auch in den Siebzigern und Achtzigern war der Grand Prix schon vielfältig.

Haben Sie sich lange bitten lassen, die Moderation zu übernehmen?

Ich habe schon erst mal gesagt: Nö, jetzt ist gut. Ich wollte eigentlich schon nach dem ESC-Finale in Düsseldorf sagen: Nö, das ist mein Moment jetzt gewesen, und schöner kann’s nicht kommen. Als sie mich im Jahr danach wegen der Punktevergabe gefragt haben, dachte ich: Stimmt, das gibt’s ja auch noch, auch schön. Und jetzt die Moderation des Vorentscheids zu übernehmen: Das bringt mich als Fan noch ein Stück näher an den Zirkus. Ich gucke ja gerne aus verschiedenen Blickwinkeln auf Sachen, die mich interessieren.

Keine Angst, „ESC-Tante“ zu werden?

Nee, ich hab’ keine Angst, ich hab’ eigentlich nie Angst. Ich kann ja entscheiden, ob mich das betrifft oder berührt, wenn ich einen Stempel aufgedrückt bekomme. Stempel entstehen ja nur, weil die Leute sich kurz fassen. Das darf Entscheidungen nicht beeinflussen.

Kann man als Moderatorin eigentlich zu beliebt sein?

Als ich neulich die Eröffnungsgala der Berlinale moderiert habe, hab’ ich auch ordentlich auf den Deckel bekommen. Da hab’ ich auch Sachen gesagt, die viele doof fanden.

Aber dafür, dass Sie den Vorentscheid moderieren, hat sich sogar eine eigene Facebook-Gruppe eingesetzt.

Das war extrem zauberhaft. Aber ich kann das verstehen: Das waren Leute, denen der Grand Prix sehr am Herzen liegt, die wollten jemanden da vorne stehen haben, der das ihrer Meinung nach richtig vertritt.

Und was sagen Sie ESC-Verächtern?

Wenn man eine Meinung hat, ist das doch klasse. Ich bin immer für Vielfalt, auch wenn das heißen kann, dass man auf die Mütze kriegt.

Damit muss man als Moderator sowieso rechnen.

Das muss man geklärt haben, bevor man ein Mikro in die Hand nimmt. Da kann ich jetzt natürlich schlau daherreden. Als ich anfing, war ich so jung, da habe ich gar nicht darüber nachgedacht, was es bedeutet, wenn Menschen über dich urteilen. Ich weiß jedenfalls, was auf mich zukommt. Ich bin zu alt, um Sachen zu machen, die ich doof finde.

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Was ist für Sie eigentlich der Unterschied zwischen seicht und leicht?

Seicht ist, wenn es an der Oberfläche plätschert. Leicht finde ich nicht negativ. Leichtigkeit finde ich schöner als allen Krampf und alles Kalkül: Zu wissen, da müssen die und die Zeilen in den Song, damit er ankommt. Wobei wir ein paar Kandidaten haben, die haben diese Zeilen mit drin! (lacht)

Welche das sind, verraten Sie leider nicht. Aber sind Sie gespannt, wie gerade diese Kandidaten abschneiden?

Ja. Ob es Geschicklichkeits-Spielmucke ist, oder ob es die Menschen berührt.

Die Fragen stellte Ursula Scheer.

Quelle: F.A.Z.

 
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