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Eurovision Song Contest Ruslana und die vielen Räuber

17.05.2004 ·  Die Siegerin des Eurovision Song Contest singt über das stolze Karpatenvolk der Huzulen. Sie will damit deren Kultur im Westen bekannt machen.

Von Werner D'Inka
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Wild sei der Huzule, rebellisch und freiheitsliebend, sagen die Ukrainer. Das Lied "Wilde Tänze", mit dem die Sängerin Ruslana Lyschitschko den Eurovision Song Contest in Istanbul gewonnen hat, entspricht dem Folkloremythos, den dieses Karpatenvolk umgibt und aus dem die in Lemberg (Lwiw) geborene Sängerin die Motive ihrer Ethnopop-Musik bezieht. Die huzulischen "Räuber" Olexa Dowbusch und Dmytro Marussjak kennt noch heute in der Ukraine jedes Kind.

Die meisten dieser "Opryschken" waren Bauernsöhne, die sich aus dem 24 Jahre dauernden österreichischen Militärdienst fortgestohlen hatten, denn Galizien und die Bukowina gehörten im neunzehnten Jahrhundert zum Habsburgerreich. Den Deserteuren blieb nur ein Räuberleben in der Bergwelt der Karpaten. "Auf der hohen Bergesweide / wachsen viele Reizker; / gehn wir beide, Herr und Bruder, / bald zu den Opryschken?" heißt es in Hnat Chotkewytschs Roman "Kaminna duscha" (deutsch "Der Räubersommer").

Bittere Armut

Auch Leopold von Sacher-Masoch hat in der Erzählung "Der Haidamak" Räubermotive aus den Karpaten verarbeitet. Weil Partisanen der "Ukrainischen Aufständischen-Armee" (UPA) noch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Sowjetmacht vor allem in den Karpaten empfindlich zusetzten, ließ Stalin viele Huzulen nach Kasachstan deportieren, unter Chruschtschow durften sie zurückkehren. Heute umfaßt das Siedlungsgebiet der etwa 175.000 Huzulen in den ukrainischen Waldkarpaten bis hin zum in Rumänien gelegenen Teil der Südbukowina 6.500 Quadratkilometer.

Am Ausgang des Städtchens Jaremtsche, an der Straße hinauf zur Paßhöhe Jablunezkij Pereval, liegt ein großer Stein, von dem die Einheimischen erzählen, dort habe Olexa Dowbusch gelagert, bevor er mit seinen Männern einen Ort überfiel, um wie Robin Hood den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben. Heute fänden Dowbusch und Marussjak in den Huzulen-Dörfern freilich keine Reichen, von denen sie nehmen könnten, denn in den Karpaten herrscht bittere Armut. Die Sägewerke an der Straße von Jaremtsche nach Iwano-Frankiwsk geben niemandem mehr Arbeit. Schmuck machen sich die Holzhäuser zwar auf Fotos, aber die Landwirtschaft gibt nur gerade so viel her, daß niemand hungern muß, zu mehr reicht es nicht. Oft dient ganzen Familien ein Zimmer als Küche, Wohn- und Schlafraum.

Es fehlt am Nötigsten

Der Tourismus böte dieser Gegend eine große Chance, aber so weit ist es noch lange nicht. Hotels, die zivilisatorischen Mindestansprüchen genügen, gibt es außerhalb der Wintersportorte Jaremtsche und Jasinja kaum. Dabei hätte die Landschaft alles, um jene anzuziehen, die die halbe Welt schon gesehen haben und keinen Touristenrummel mehr brauchen.

Zaghaft beginnen einige Reiseveranstalter, die sich dem "sanften Tourismus" verschrieben haben, Wanderungen in der hinreißenden Bergwelt der ukrainischen Karpaten in ihr Programm aufzunehmen. Junge einheimische Künstler haben mit Hilfe schweizerischer Fachleute einen ersten ausführlichen Reiseführer für Transkarpatien geschrieben, er soll demnächst auch auf Deutsch herauskommen. Doch noch fehlt es am Nötigsten. Im Stadtpark von Ushgorod haben Freiwillige einen Fahrradweg angelegt, aber für Hinweisschilder hat die Stadt kein Geld.

Halbmensch und Halbunmensch

"Wir wollen die Kultur der Karpaten und der Huzulen bekannt machen", sagt Ruslana Lyschitschko. In Schlagertexten dürfte deren Bergwelt allerdings eher als ideeller Ort vorkommen. "Mag sein, daß ich verrückt bin, die Welt dreht und dreht sich, shi-di-ri-di-duy, shi-di-ri-di-da-na, shi-di-ri-di-duy, shi-di-ri-di-da-na", heißt es in ihrem Sieger-Titel von Istanbul. Hirten, die sie waren, haben die Huzulen Erzählgedichte von sprachlich ganz anderem Kaliber vorzuweisen. In neuerer Zeit hat vor allem Wassyl Herassymiuk huzulische Motive verarbeitet: "Doch, Herr, es ist die Stunde angebrochen, / da mich meine Herde verläßt. / Dann schleicht sich Mara heran, Halbmensch und Halbunmensch. / Er allein herrscht auf der Alm / und läßt niemanden heran. / Ich kann ihn nicht verjagen, / denn dafür müßte ich / mein Vlies umstülpen, / ja sogar meine Rinde umwenden, / doch mir graut davor, / mein Kleid umzustülpen, / das vom Blut des Lammes gezeichnet ist."

Eine Sammlung huzulischer Erzählgedichte gibt der kleine Brodina-Verlag in Reichelsheim im Odenwald heraus. Im huzulischen Dialekt haben sich uralte ostslawische Elemente erhalten, dazu Begriffe aus der rumänischen Hirtensprache. Vor allem im Dialekt der Waldarbeiter haben Sprachforscher auch Ausdrücke aus Tirol nachgewiesen. Wer aus Kiew oder aus der Ostukraine kommt, versteht nicht unbedingt jedes huzulische Wort.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2004, Nr. 115 / Seite 9
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