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Eurovision Song Contest Fleischfresser unter Vegetariern

22.05.2006 ·  Monströse Überraschung beim Eurovision Song Contest: Mit krachendem Monsterrock hat Finnland den 51. Grand Prix gewonnen. Die als Favorit gehandelte deutsche Band Texas Lightning kam mit „No No Never“ nur auf Platz 15.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Kaum hatten die sechs Anzugträger aus Litauen den sogenannten Green Room verlassen, den Raum, in dem die Künstler so lange ausharren müssen, bis der Gewinner des Abends feststeht, da zündeten sie sich auch schon dicke Zigarren an und führten Freudentänze auf. „We are the winners of Eurovision“ schallte ihr Lied durch die Flure hinter der Bühne. Dem konnte sich keiner entziehen: Eddie Butler aus Israel (vier Punkte, Platz 23) schaute vorbei, Anna Vissi, die in Griechenland wie eine Göttin verehrt wird (128 Punkte, Platz neun), kam, um zu gratulieren, und selbst die Schwedin Carola (170 Punkte, Platz fünf), die 1991 ganz knapp den Grand Prix gewonnen hatte, winkte den Jubelnden huldvoll im Vorbeigehen zu. Still wurde es erst, als Mr. Lordi zum Mikrofon griff und dem Spuk ein Ende bereitete: „We are the winners of Eurovision“, stellte er klar und imitierte dabei den mehr gebrüllten, als gesungenen Stil der litauischen Gruppe „Lt united“. Aus seinem Gummimund klang das zwar leicht bedrohlich, es war aber zugleich auch eine Verheißung.

Das wider erwarten sehr erfolgreiche Lied der Litauer (162 Punkte, Platz sechs) könnte zur Siegeshymne der nächsten Grand-Prix-Jahre werden - so wie es in Fußballstadien der Queens-Song „We Are The Champions“ ist. Ob dem Song der Finnen, „Hard Rock Hallelujah“, eine lange Lebensdauer beschieden ist, mag man allerdings bezweifeln. „Evergreen“-Qualitäten hat das Lied nicht. Das ahnt wohl auch Mr. Lordi, Frontmann der nach ihm benannten finnischen Gruppe Lordi. „Wir gehören einer Minderheit an“, sagte er am frühen Sonntag morgen, kurz nachdem er die Bühne der Athener Olympiahalle verlassen hatte. Nicht etwa, weil es ihre Bestimmung sei, sich als Monster im Alltag zurechtfinden zu müssen, sondern weil sie sich mit Rockmusik zu einem Schlager- und Popwettbewerb gewagt hätten. „Wir sind wie Fleischfresser in einem vegetarischen Restaurant.“

Lordi auch ohne Nachbarschaftshilfe erfolgreich

Auch wenn beim „Eurovision Song Contest“ (ESC) schon lange nicht mehr echte Chansons zu hören sind - es gab in diesem Jahr Reggae- und Rap-Einlagen, und Dänemark versuchte sich an einer Art Country-Twist -, so hat Lordi doch erstmals mit wirklichem Rock, wenn auch keinem Hardrock, den Grand Prix überlegen gewonnen. „Das war ein Sieg für die Rockmusik“, bestätigte Mr. Lordi. „Und es zeigt, wie offen die Eurovision-Fans sind. Ich hoffe, daß wir damit Musikern in ganz Europa Mut gemacht haben.“

Finnische Rocker gewinnen Grand Prix

Lordis Sieg zeichnete sich während der aus den 38 teilnehmenden Ländern abgerufenen Punktevergabe schon früh ab. Insgesamt achtmal bekamen die Finnen die Höchstpunktzahl zwölf, sechsmal waren es zehn (unter anderem aus Deutschland) und sechsmal acht Punkte. Nur aus drei Ländern (vier, wenn man Finnland, das natürlich nicht für sich selbst stimmen kann, hinzurechnet) erhielten sie keine Punkte, mehrheitlich aber zwischen sechs und acht Punkten. Lordi hat eindeutig, ja überwältigend gewonnen. Das war kein Ausrutscher, kein manipulierter Entscheid: Selbst die beim Grand Prix im Norden übliche Nachbarschaftshilfe (jeweils zwölf Punkte erhielt Lordi aus Schweden, Norwegen, Dänemark, Island und Estland) hätte dieses Ergebnis alleine nicht herbeiführen können.

Die Großen Vier spielen keine Rolle

Noch interessanter aber, als irgendwelche Länderbeziehungsgeflechte - auch der Balkan und Osteuropa schanzen sich nach wie vor so viele Punkte wie möglich zu, zum Siegen alleine reicht das allerdings meist nicht -, ist das hervorragende Abschneiden der Halbfinalisten. Zehn Nationen von insgesamt 23 hatten am Donnerstag abend die Chance, noch ins Finale vorzudringen. Alle zehn sind nun unter den ersten zwölf vertreten. Nur Rumänien (Platz vier) und Griechenland (Platz neun) gehörten von Anfang an zu den gesetzten Finalisten: Rumänien war im vergangenen Jahr auf Platz drei gekommen und zählte damit zu den neun Bestplazierten, die - genauso wie Gastgeber Griechenland - automatisch im Finale von Athen standen.
Besonders privilegiert sind die großen Vier, die sich als Geldgeber der „European Broadcasting Union“ (EBU) auszeichnen, ansonsten aber im vierten Jahr hintereinander beim Wettbewerb keine Rolle spielten. 2005 waren Spanien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland auf den Plätzen 21 bis 24 gelandet, und auch in diesem Jahr waren drei der „Big 4“ wieder unter den letzten sechs zu finden. „Texas Lightning“ schaffte immerhin Platz 15, der nach den für die Deutschen so viel- und erfolgversprechenden Probentagen in der griechischen Hauptstadt eine Enttäuschung war.

Siegel-Song: eine Belanglosigkeit

Dabei hatte die Country-Formation aus Hamburg großes Glück bei der Auslosung der Startreihenfolge gehabt. Sie waren die ersten, die aufgrund ihres außergewöhnlichen Liedes „No No Never“ und rundum gelungenen Auftritts - mit Cowboyhut und Leuchtkakteen - wirklich vom Publikum wahrgenommen wurden. Beim Grand Prix gilt es nämlich, genügend Aufmerksamkeit zu erregen, damit man wenigstens so lange in Erinnerung bleibt, bis der Zuschauer am Ende der Sendung zum Telefon greift, um seinen Favoriten zu küren.

Als erste Band des Abends ging die Casting-Truppe „Six4one“ aus der Schweiz auf die Bühne: Ihr hatten Ralph Siegel und Bernd Meinunger fast ein Vierteljahrhundert nach ihrem Grand-Prix-Erfolg „Ein bißchen Frieden“, gesungen von Nicole, ein derart ansprechendes, um nicht zu sagen anbiederndes Lied („If We All Give A Little“) geschrieben, daß es an Belanglosigkeit kaum zu überbieten war.

Las Ketchup: Stimmlich überfordert

Ungewöhnlich, aber leider nicht gut genug, war Cosmos aus Lettland (Startplatz vier) mit dem a cappella - auch eine ESC-Premiere - gesungenen Lied „I Hear Your Heart“. Die Einsommerfliege des Jahres 2002, Las Ketchup aus Spanien auf Startplatz sechs, wirkte dann wie auf ihrer ersten Probe, als ob sich die vier Schwestern eben erst kennengelernt hätten und den Text von „Bloody Mary“ noch nicht kennen würden: Ihre dünnen Stimmchen schienen zudem in der mit rund 18.000 Zuschauern fast vollbesetzten Halle überfordert zu sein.

„Wir haben unser bestes gegeben“, sagte Jane Comerford nach dem Auftritt, und ihre Cowboys nickten dazu. Der erstmals bei „Texas Lightning“ überwältigende Applaus gab den auf Platz acht Startenden recht: Am Ende konnten sie tatsächlich alle vor ihnen ins Rennen gegangenen Interpreten hinter sich lassen, nur Norwegen rutschte noch auf Platz 14 vor.

Lordi: Das darf einfach nicht sein

Die eigentlichen Favoriten aber sollten nach den Deutschen erst noch kommen: Carola aus Schweden, die trotz langweiliger Show hinreißend beim Flirt mit der Kamera ist, Anna Vissi, wie immer dramatisch und emotionsgeladen, die Kroatin Severina, ein Show- und Vermarktungstalent (sie hatte rechtzeitig zum „Song Contest“ ein Pornovideo von sich im Internet lancieren lassen), der Russe Dima Bilan, ein schmächtiges Bürschchen, das von Hausfrauen wie Homosexuellen gleichermaßen geliebt wird, und nicht zuletzt die „Nachtigall aus Sarajewo“, Hajrudin Varešanovic mit seiner Gruppe „Hari Mata Hari“ und dem in ihrer Muttersprache vorgetragenen „Lejla“: Die Folklore-Formation aus Bosnien- Herzegowina war mit der mit Abstand schönsten Ballade angereist. Auch mit so was kann man heutzutage noch gewinnen, „Hari Mata Hari“ kamen schließlich mit 229 Punkten auf Platz drei.

Mit Lordi hingegen hatte kein ernsthafter Grand-Prix-Experte gerechnet. Das kann nicht, das darf einfach nicht sein, hieß es in den Tagen vor dem Finale überall. Kirchliche Vertreter verurteilten das angeblich satanische Gehabe der fünf, griechische Politiker starteten sogar noch eine Kampagne, um die Teilnahme der Finnen zu verhindern. Selbst in Deutschland fand Moderator Peter Urban noch warnende (und nicht ganz ernstgemeinte) Worte für die Zuschauer der Live-Schaltung vor dem Auftritt Lordis, der, wie er sagte, „unappetitlichen“ Monster aus Lappland: Dies sei zwar eine Familiensendung, aber Kinder und Menschen mit schwachen Nerven sollten während der nächsten Minuten besser die Augen zumachen oder den Raum verlassen. Gerade Kinder, sagt Sänger Mr. Lordi, seien ihre größten Fans. Es wären viel mehr die Eltern, die dem Nachwuchs Angst vor ihnen einjagten. „Kinder denken doch, wir sind wie ihr Spielzeug.“

Finnen gewinnen viele neue Freunde

Die Finnen haben in den Tagen von Athen viele neue Freunde gewonnen. Charmanter als der in Gummi und Renntierfell gewandete Namensgeber der Gruppe kann ein Künstler kaum sein. So blieb er etwa eine ganze Weile bei drei blinden Journalisten stehen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, mit ihren Händen herauszufinden, mit wem sie es eigentlich zu tun haben. In voller Montur besuchten die fünf Rocker auch das mehr als 2000 Jahre alte Olympieion, die Reste des berühmten Zeustempels unweit der Akropolis. Und sie legten sich für Interviews eine Weile auf Liegestühle an ihrem Hotelpool - und das in die pralle Sonne. So gesehen muß Athen eine wahre Tortur für die Finnen gewesen sein.

Auch wenn Lordi und „Texas Lightning“ nicht viel gemeinsam zu haben scheinen, ihr Weg ins Grand-Prix-Finale ähnelt sich doch: Beide wurden von ihren nationalen Fernsehsendern gebeten, am Vorentscheid ihres Landes teilzunehmen. Sie drängten sich nicht auf - im Gegenteil. „Wir waren vollkommen überrascht und dachten, die haben sich wohl verwählt“, erzählt Lordi über den entscheidenden Anruf. Doch da die Finnen gerade ein neues Album planten, ließen sie sich gerne auf die, wie sie meinten, werbewirksame Veranstaltung ein. Allerdings rechneten sie höchstens mit Erfolgen in ihrer Heimat, an ein Fortkommen bis ins Finale glaubten sie nicht. Auch die Hamburger Band um Olli Dittrich hoffte darauf, in Deutschland ein wenig bekannter zu werden. Beide Bands gewannen dann aber schon die Vorentscheide klar mit mehr als 40 Prozent der Zuschauerstimmen.

Vicky Leandros, die 34 Jahre nach ihrem Sieg für Luxemburg noch einmal für Deutschland nach Athen fahren wollte und an „Texas Lightning“ gescheitert war, hätte in Athen wie ein Geist aus der Vergangenheit gewirkt. Die Zeit der einsam auf der Bühne vorgetragenen Chansons scheint vorbei. Die Inszenierungen sind zum Teil so aufwendig, das sie schon fast wie kleine Musicals wirken. Viele der in die Jahre gekommen Grand-Prix-Fans mögen das bedauern. Ralph Siegel deutete schon an, daß er im nächsten Jahr wieder antreten will - und dann „ganz zeitgemäß“ nicht mit einer Ballade. Die Karawane jedenfalls zieht nach Helsinki. Und da, sagte ein finnischer Fan, sei es im Mai wirklich schön. „Und Mücken gibt es auch noch keine.“

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa
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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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