10.05.2007 · Roger Cicero vertritt Deutschland beim Eurovision Songcontest in Helsinki. Der Hamburger ist zwar mit deutschem Swing erfolgreich, bei vielen Grand-Prix-Experten gilt er damit aber jetzt schon als Verlierer. FAZ.NET-Spezial.
Von Peter-Philipp SchmittSeine Bühne ist das „Einstein“ im Hamburger Stadtteil Ottensen. Seit einer guten Stunde sitzt er auf der Terrasse des Restaurants und gibt in der prallen Sonne Interviews. Es ist erstaunlich warm im Norden Deutschlands. Roger Cicero durchleidet lächelnd seinen Auftritt - in dunkler Anzughose, hellgrauem Sakko und mit Baskenmütze auf dem Kopf. Man kennt ihn hier, lässt ihn aber in Ruhe. Keine Autogrammwünsche, niemand, der sich mit ihm fotografieren lassen will. Ottensen ist Ciceros Viertel, manche nennen es „das Künstlerviertel von Hamburg“: Im einstmals dänischen Westen der Hansestadt leben unter anderen Wolf Biermann, Karl-Heinz von Hassel, Hannelore Hoger, Peter Lohmeyer, Nina Petri - und Roger Cicero.
Der studierte Jazzsänger war noch vor einem Jahr nicht mehr als eine Lokalgröße. Erst seit er sich mit eigener Big Band an deutschem Swing versucht, ist sein Name landesweit bekannt. Noch ehe der NDR ihn zum Vorentscheid des „Eurovision Song Contest“ einlud, erreichte sein Album „Männersachen“ Platinstatus - es verkaufte sich 200 000mal. Die Country-Band „Texas Lightning“, ebenfalls aus Hamburg und vor einem Jahr Deutschlands Grand-Prix-Hoffnung, bekam das Edelmetall erst Wochen nach ihrem überraschenden Vorentscheid-Erfolg.
Johannisbeersaftschorle und Cappuccino
Nach einer Stunde verlässt er seine Bühne. Cicero zieht sich ins kühle Innere des „Einstein“ zurück. Während er sich eine Johannisbeersaftschorle und einen Cappuccino bestellt, erzählt er begeistert von seinem soeben beendeten Interview. Eigens aus Amsterdam sei der Journalist angereist, um ihn auf einer ganzen Seite in „De Telegraaf“ zu porträtieren, in der ältesten und größten niederländischen Tageszeitung. „Ich dachte“, sagt Cicero ein wenig kokett, „man kennt mich gar nicht in den Niederlanden.“
Der inzwischen Sechsunddreißigjährige hat zwar Anfang der neunziger Jahre an der Hochschule der Künste im nordholländischen Hilversum Musik - Hauptfach Jazzgesang - studiert, aber das Interesse der Niederländer am deutschen Grand-Prix-Teilnehmer könnte auch damit zu tun haben, dass unsere Nachbarn eine echte Favoritin, Edsilia Rombley, nach Helsinki entsenden. Sie war schon einmal, 1998 in Birmingham, auf dem vierten Platz gelandet.
Kandidaten für Null-Punkte-Debakel
Cicero hingegen gilt vielen Experten als Fehlbesetzung: Der britische Schriftsteller Tim Moore, Autor des Buchs „Nul Points“ über „ein bisschen Scheitern beim Eurovision Song Contest“, bezeichnete Cicero als ernsthaften Kandidaten für ein Null-Punkte-Debakel. Moore vermutet, die Deutschen hätten dieses Mal alles darangesetzt, die „Fernsehzuschauer in ganz Europa vorsätzlich zu befremden und zu verärgern“. Einer seiner Hauptkritikpunkte: die deutsche Sprache, die sich seit Nicoles Sieg 1982 im britischen Harrogate als „besorgniserregend unpopulär“ erwiesen habe.
„Es war eine Idee von mir und meinem Management, Swing mit deutschen Texten zu kombinieren“, sagt Cicero. Ein Wagnis, wie ihm viele im Frühsommer 2006 bedeuteten. Mit Vorbehalten gegenüber dieser Musikrichtung hatte auch Michael Bublé zu kämpfen, dessen Alben sich nun millionenfach verkaufen. Cicero wird oft mit dem Kanadier verglichen, genauso mit dem Briten Robbie Williams, der schon 2001 und damit noch vor Bublés Durchbruch 2003 sein Album „Swing When You're Winning“ aufgenommen hatte. Doch während Williams und Bublé Songs von Frank Sinatra, Ray Charles und den Beatles interpretieren, lässt sich Cicero Lieder von Komponist Matthias Hass, Arrangeur Lutz Krajenski und Texter Frank Ramond, der durch seine Zusammenarbeit mit Annett Louisan bekannt wurde, schreiben. „In jedem Song“, versichert Cicero, „steckt aber auch etwas von mir drin.“
„Ich bin kein Mann für eine Frau“
Was genau, lässt sich schwer abschätzen. Ein Chauvi, den mancher in ihm zu sehen glaubt, weil er zum Beispiel in einem Lied „Ich bin kein Mann für eine Frau“ singt, ist der Hamburger nicht. Darüber können auch der kleine Unterlippenbart und seine oft zur Schau gestellte Brustbehaarung nicht hinwegtäuschen. Er wirkt sogar eher weich, in seiner Gestik manchmal fast feminin. Als Berufscharmeur könnte man ihn bezeichnen, wären da nicht seine zum Teil fast bissig anmutenden Pointen, die zum Lachen reizen: „Ich wollt 'n Flitzer / Du Caravan / Jetzt fahr'n wir Bahn / Du wollst nach Hamburg / Ich nach Berlin / Es wurde Schwerin“ heißt es zum Beispiel im Song „Kompromisse“. Solche Zeilen sagen viel über das Verhältnis von Frau und Mann aus.
Wer sich nur auf Ciceros Liedtexte verlässt und darin ausschließlich autobiographisch Vertrauliches zu entdecken glaubt, täuscht sich gewaltig. So wird immer wieder kolportiert, der Wahlhamburger sei Fußballfan und es gebe nicht Schöneres für ihn, als samstags im Jogginganzug bei Bier und Fertigpizza auf der Couch die Sportschau anzusehen. „Fußball“, sagt Cicero, „ist für mich ein langweiliger Sport.“ Seine angebliche Fußballliebe stamme aus dem Lied „Du willst es doch auch“. Nur während der Fußball-WM habe er einige Spiele verfolgt - und konnte sich so richtig mit der deutschen Mannschaft freuen. Vielleicht auch, weil genau zur selben Zeit sein ganz persönliches Sommermärchen begann.
Rumänische Wurzeln
Roger Cicero, der eigentlich Roger Marcel Cicero Ciceu heißt, was er aber nicht gerne verrät, dafür aber Wert darauf legt, dass sein Vorname französisch ausgesprochen wird und nicht englisch (also nicht wie in „Alles Roger!“), hat lange auf seinen Durchbruch warten müssen. Erstaunlich lange, wenn man seine Familiengeschichte kennt. Sein Großvater väterlicherseits stammt aus einem kleinen Karpatendorf. Er war Priester der rumänisch-orthodoxen Kirche, sang allerdings, wie Roger Ciceros Vater Eugen zu erzählen wusste, furchtbar falsch. „Mein Vater saß in den Messen mit verzerrtem Gesicht“, berichtet der Sohn. Dafür verfasste der Großvater Gedichte, die Großmutter wiederum sang im Chor. Sohn Eugen floh Anfang der sechziger Jahre aus Rumänien, noch ehe Nicolae Ceausescu an die Macht gelangte. Der angehende Pianist Ciceu hatte sich früh dem Jazz verschrieben, einem kapitalistischen Musikstil also, was letztlich wohl zu seinem Verweis von der Musikhochschule in Bukarest führte. Im Westen wurde Eugen Ciceu unter seinem Künstlernamen Eugen Cicero berühmt. Jahrelang zählte er zu den besten Jazzpianisten Europas.
Sohn Roger hingegen, im Juli 1970 geboren, zeigte als Kind wenig Interesse für den Beruf des Vaters. „Er wollte unbedingt, dass ich Klavier spiele.“ Der Vierjährige verweigerte sich erfolgreich. Erst als Teenager setzte sich Roger freiwillig ans Piano, nachdem er zuvor mit dem Gitarrespiel begonnen hatte. Mit zwölf Jahren stand er erstmals auf einer Bühne: Er war die „Zugabe“ bei der Premiere eines Helen-Vita-Abends in Berlin, eine Woche später, bei der Derniere, war er dann schon das Vorprogramm. „Da saß ich mit meiner Gitarre und habe den Simon-and-Garfunkel-Titel ,Slip Slidin' Away', José Felicianos ,California Dreaming' sowie etwas Selbstgeschriebenes zum Besten gegeben: das Lied ,Schule, Schule, oh ich mag Dich nicht'.“
Cicero bekam einen Blauen Brief
Das blieb auch so, Cicero bekam einen Blauen Brief nach dem anderen und ging schließlich nach der elften Klasse von der Schule ab, um Profimusiker zu werden. Ein Jahr am Hohner-Konservatorium in Trossingen auf der Baar zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb verleidete ihm den klassischen Gesang gehörig. „Für einen neunzehnjährigen Berliner gibt es wohl nichts Schlimmeres, als sich plötzlich in einer Kleinstadt mit 15 000 Einwohnern wiederzufinden.“ Cicero studierte fortan in Hilversum Jazzgesang und kehrte nach seinem Abschluss nach Hamburg zurück, wo er schnell Zugang zur Musikerszene der Hansestadt fand.
„Zu Jazz“, sagt Cicero, „gehört es, sich adrett zu kleiden.“ Schon als Gymnasiast sei er ein Popper gewesen, mit Seitenscheitel und schmalem Lederschlips. „Ich bin sehr eigen, was meine Klamotten angeht.“ Nichts überlässt er dem Zufall, sorgfältig breitet er vor jedem Auftritt seine Garderobe aus - Anzug, Hemd, Schlips, Schuhe, aber auch Gürtel und Manschettenknöpfe. Einmal jedoch wurde sein Ritual zunichte gemacht: Bei einem Konzert in Stuttgart kam sein Gepäck nicht an. „Ich musste mich am Flughafen komplett neu einkleiden.“ Geschadet hat es nicht: „Die Kritiken waren die besten, die ich auf der ganzen Tour bekommen habe.“
Auf der Bühne immer dabei, in einem kleinen Säckchen, hat er eine Sternschnuppe von seiner Freundin - als Glücksbringer. In Helsinki wird er zudem eine eigens von der Berliner Hutdesignerin Fiona Bennett angefertigte Kopfbedeckung tragen. Und noch etwas wird beim Grand-Prix-Finale neu sein: Die letzten beiden Refrains seines „Frauen regier'n die Welt“ wird er auf Englisch singen, auch wenn er nach dem Vorentscheid mit Vehemenz klargestellt hatte, dass er so eine Konzession nicht machen werde. Ob er damit seine deutschen Fans enttäuscht? Wohl nicht, wenn er Tim Moore widerlegt und am nächsten Samstag gewinnt.
Der Weltfrauenversteher
Roger Cicero glaubte lange, dass Caterina Valente seine Patentante sei. Doch seine Mutter klärte ihn darüber auf, dass dieser Wunsch seiner Eltern letztlich an der unterschiedlichen Konfession gescheitert sei. Der 1970 in Berlin geborene Cicero ist rumänisch-orthodox. Den Namen Cicero hat er vom Vater Eugen Cicero übernommen. Der berühmte Jazzpianist versuchte schon früh, aus seinem Sohn einen Musiker zu machen. Der aber wehrte sich. Überliefert ist, dass Baby Roger einer Freundin der Familie, Josephine Baker, in den Ausschnitt spuckte. Auch auf dem Klavierschemel wollte der Vierjährige später nicht sitzen bleiben. Mit großer Mehrheit wurde Cicero im März zum deutschen Grand-Prix-Teilnehmer bestimmt. Dass er beim Vorentscheid am 8. März, dem Weltfrauentag, mit dem Lied „Frauen regier'n die Welt“ antrat, soll Zufall gewesen sein.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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