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Der Mann hinter Lena Herkules oder Die Marke Raab

Jetzt müssen wir ihn ernst nehmen: Ohne Stefan Raab hätte Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest nicht gewonnen. Der Macht des Entertainers beugt sich sogar sein Sender Pro Sieben.

© ddp Was er anfasst, wird zu Gold: der König Midas der deutschen Unterhaltungsbranche allein auf der Grand Prix-Bühne

Die Engländer sind verzweifelt. Sie warten seit Jahren auf einen Sieg beim europäischen Schlager-Grand-Prix. Sie sind ratlos. So ratlos, dass ein Kritiker der „Times“ zehn Regeln für den Sieg aufstellte. Postmodern solle man sich geben, sich einen Gimmick ausdenken und in einem Esperanto singen, das auch Säuglinge verstehen. Eurovisions-Titel wie „Diggi-Loo-Diggi-Ley“ oder „Ding-a-Dong“ hätten Geschichte geschrieben. Die Hinweise mögen nicht zwingend ernstgemeint sein, doch könnte man sagen, die Briten hätten sich daran gehalten. Ergebnis: letzter Platz, zehn Punkte. Zehn Regeln, zehn Punkte. Warum sie nicht 246 Punkte haben und jemanden wie Lena Meyer-Landrut als nationale Ikone bejubeln können, lässt sich aber auch auf einen anderen, ganz einfachen Nenner bringen: Sie haben keinen Stefan Raab.

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Der Spiritus Rector des nicht für möglichen gehaltenen Erfolgs in Oslo ist niemand anderer als er. Der Jesuitenschüler mit Jurastudium und Metzgerlehre, der in jungen Jahren als Krawallmacher bei Viva auffiel, ist für den Privatsender Pro Sieben, was Günther Jauch für RTL darstellt – unentbehrlich. Der Mann ist die Marke, dahinter steht inzwischen sogar der Sender zurück. Wie Jauch hat Raab mit ungeheurer Ausdauer, geleitet von einem sicheren Instinkt, die Verhältnisse zu seinen Gunsten gewendet: Er ist am Drücker, er macht die Show, er bestimmt die Regeln. Das gilt auch für den „Eurovision Song Contest“, den sich die ARD als unermesslichen Erfolg mit 14,69 Millionen Zuschauer zurechnet (Marktanteil 49,1 Prozent) und dessen Vorspiel, die „Unser Star für Oslo“-Kandidatensuche bei Pro Sieben. Diplomatisch unter Dach und Fach gebracht hat diese nun vom Erfolg beglaubigte Zusammenarbeit der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, den kreativen Kraftakt aber hat abermals Raab gestemmt, der nicht nur der König Midas, sondern vor allem der Herkules der deutschen Fernseh- und Popunterhaltung ist.

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Den Clown auf Mario-Barth-Niveau gibt dieser Stefan Raab nur noch in seiner Werktagsshow „TV total“. Seine uninspirierten Witze über andere tragen nicht weit, haben ihm eine gebrochene Nase (der Rapper Moses Pelham schlug zu) und einige empfindlich hohe Geldstrafen eingetragen. Peu à peu nur löst sich Raab von diesem Witzmilieu. Was er wirklich kann und will, zeigt er als Produzent, Musiker und Showerfinder. Während anderen partout nichts einfällt, stampft er eine Unterhaltungsshow nach der anderen aus dem Boden. Seine Shows fallen weniger durch ein filigranes Konzept, sondern mehr durch Kampf- und Wettbewerbsgeist auf, sei es die „Eisball“-Meisterschaft, die „Wok-WM“ oder das große Stock-Car-Rennen, nicht zu vergessen die Mann-gegen-Mann-Olympiade „Schlag den Raab“, in die sich der Mittvierziger stürzt wie Witali Klitschko in seine WM-Verteidigung; auch wenn ihn die „Eisenfaust“ von Regina Halmich beizeiten zweimal in die Seile befördert hat.

raab 02 © ddp Vergrößern Der Mentor und seine Vorzeigeschülerin: Raab und Lena nach dem Grand Prix-Triumph

Stefan Raab ist hart gegen sich selbst und gegen jene, die mit ihm in den Ring steigen, wenn er sich bisweilen auch zu leichte Opfer sucht. Er wäre klug beraten, das bei seinen Witzchen über Filmausschnitte künftig ganz zu lassen. Raab macht Unterhaltung für alle, die sich gerne unter Niveau amüsieren, das aber niemals zugeben würden. Er ist der „Dirty Harry“ der Szene, der „Last Man Standing“, der an Widerständen nicht zerbricht, sondern wächst. Eisern etwa hält der zweifache Vater sein Privatleben aus der Presse, steht eine Dauerfehde mit der „Bild“-Zeitung und dem Boulevardsender RTL durch, mit denen er partout keine Homestory-Kompromisse eingehen will, was diese in den Wahnsinn treibt, wie man an dem von RTL betriebenen Pseudoskandal um ein Oben-ohne-Freibadfilmchen mit Lena Meyer-Landrut erkennen konnte. Auch in Oslo gönnte Raab den Konkurrenten, bei denen ein Trashtalker wie Dieter Bohlen den Ton angibt, keine Handbreit Terrain. Wer ihn herausfordert, muss sich auf einen Kampf über zwölf Runden einstellen. Fast schon altmodisch wirkt Stefan Raab in der Rolle des Tugendritters und Vormunds, der auch „seine“ Lena abschirmt, doch ist es ihm damit ernst. Auch seine unorthodoxe Politsendung zur Bundestagswahl war kein Witz. Und so passt Raab in mancher Hinsicht inzwischen bestens zur ARD oder zu dem Image, das diese von sich entwirft.

Es geht um Deutschland in Europa

Die Krönung all seines Wirkens ist dieser Schlager-Grand-Prix, an dem Raab nun zum vierten Mal teilgenommen hat. Einmal sang er selbst, zweimal betreute er Interpreten – Guildo Horn und Max Mutzke –; jedes Mal landeten Raabs Stücke unter den besten zehn. Für den Satz, dass ihm dies „ein nationales Anliegen“ sei, wurde Raab lange belächelt, und er wurde viel zu lange nicht ernst genommen. Doch man muss sich nur ansehen, was er dieser Zeitung vor knapp einem Jahr zum Grand Prix sagte. Das Publikum“, meinte Raab da, brauche „einen Finalisten, den es kennt, liebt und unterstützt“. Die ganze Geschichte könne „so emotional werden, wie es sonst nur bei der Fußball-Weltmeisterschaft geht, weil im besten Fall das ganze Land hinter einem Künstler steht. Bei uns vertritt der Gewinner Deutschland in Europa.“

Kann man besser in Worte fassen, was sich mit Lena Meyer-Landrut am Samstagabend in Oslo ereignet hat? Genau so ist es gekommen, als hätte einer Drehbuch geführt. Kein Wunder, dass die ARD alles darangesetzt hat, sich die Hilfe des Pro-Sieben-Entertainers auch im nächsten Jahr zu sichern. Die Briten sollten Raabs Regeln lesen.

Quelle: F.A.Z.

 
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