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Europäisches Porzellan Augusts lebendes Staatsgeheimnis

15.01.2008 ·  Vor 300 Jahren erfand Johann Friedrich Böttger in Dresden das europäische Porzellan. Das brachte ihm die Freiheit zurück, die ihm der sächsische Kurfürst genommen hatte. Zum Jubiläum stellt die Staatliche Porzellan-Manufaktur noch einmal Porzellan aus dem Grundstoff her.

Von Reiner Burger, Dresden
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Über die Jungfernbastei im Dresdner Festungsgewölbe erzählte man sich in Zeiten Augusts des Starken schauerliche Dinge. Tief unter der Erde gebe es dort eine entsetzliche Maschinerie in der Gestalt einer stählernen Jungfrau. Unablässig drehten sich ihre mit rasiermesserscharfen Klingen versehenen Arme. Wer in Ungnade am Hofe Augusts gefallen sei, bekomme die Augen verbunden, müsse auf die grässliche Jungfrau zugehen und sich schließlich von ihr zerstückeln lassen.

Zwar war August ungeduldig, drang auf Erfolge. Doch auch wenn es Böttger nach jahrelangem Experimentieren noch nicht gelungen war, Gold herzustellen oder dem Geheimnis des asiatischen Porzellans, das man damals mit Gold aufwog, auf die Spur zu kommen, war der junge Alchimist bei August längst nicht in Ungnade gefallen. Dass er Böttger in der Jungfernbastei ein Labor einrichten ließ, sollte vielmehr der Geheimhaltung dienen. Der Kurfürst mit der notorischen Prunksucht und dem deshalb unstillbaren Verlangen nach Geld glaubte an Böttgers Fähigkeiten. Und tatsächlich gelang es Böttger am 15. Januar 1708 in seinem Geheimlabor wenn schon nicht Gold, so doch weißes Gold herzustellen. Schon im Alter von neunzehn Jahren war dem Mann ein abenteuerlicher Ruf vorausgeeilt: Böttger, der 1682 in Schleiz geboren wurde und 1696 eine Ausbildung als Apothekerlehrling in Berlin begann, könne unedle in edle Metalle umwandeln. Der preußische Hof setzte, nachdem Böttger freundlichen Avancen nicht nachgab, ein Kopfgeld auf den jungen Mann aus.

Große Leidenschaft für Porzellan

Durch die Flucht nach Wittenberg, wo er bei einem Onkel unterkam, suchte sich der junge Alchemist seiner Verhaftung zu entziehen. Auch August der Starke hatte freilich längst von Böttgers angeblicher alchimistischer Meistertat erfahren, ließ ihn 1701 sehr zum Verdruss des Preußenkönigs festnehmen und nach Dresden bringen. Böttger mangelte es an nichts, er führte das Leben eines Edelmanns - und war doch ein Gefangener. August fürchtete, andere Herrscher könnten Böttger entführen, und ließ ihn deshalb schwer bewachen. Erst wenn er das Arkanum für Gold gefunden habe, komme er wieder frei, verfügte August. Jahrelang vermochte es Böttger, seinen Auftraggeber mit eindrucksvollen Schauexperimenten und vielerlei Ausflüchten zu vertrösten. Schließlich sollte Augusts große Leidenschaft für Porzellan Böttger aus seiner ausweglosen Lage retten.

Wie an vielen europäischen Höfen mühte man sich auch in Dresden, dem Geheimnis des Porzellans auf die Spur zu kommen. Sachsen hatte die besten Voraussetzungen. Dort gab es seit dem 16. Jahrhundert zahlreiche Manufakturen, in denen Herstellungsprozesse schon nach den Prinzipien der Arbeitsteilung organisiert waren. Hinzu kam das florierende Berg- und Hüttenwesen, das Wissenschaftler durch methodisches Experimentieren stetig weiterentwickelten. Davon sollte auch Böttger bei seiner Arbeit profitieren. Als er 1703 sein Labor auf die Albrechtsburg in Meißen verlegte, bekam er ein halbes Dutzend Freiberger Berg- und Hüttenleute sowie die beiden Wissenschaftler Pabst von Ohain und Ehrenfreid Walther von Tschirnhaus unterstellt. Tschirnhaus war schon seit Jahren mit Versuchen zur Porzellanherstellung beschäftigt. Unter seinem Einfluss wandte sich auch Böttger diesem Problem zu.

„Sehr schön weiß und durchscheinend“

Doch im September 1706 fanden die Forschungsarbeiten auf der Burg wegen des Schwedenkriegs ein jähes Ende. Wie August frönte auch der schwedische König einer ausgeprägten Leidenschaft für die Alchimie. Nun musste August fürchten, Böttger - sein lebendes Staatsgeheimnis - könnte Karl XII. in die Hände fallen. Versuchsstücke, Laborausrüstung und auch Teile des persönlichen Besitzes der Forschergruppe wurden in zwei geheimen Räumen der Albrechtsburg eingemauert. Böttger kam zusammen mit drei Berg- und Hüttenleuten auf die Festung Königstein in der Sächsischen Schweiz. Beinahe ein Jahr langweilte sich Böttger dort, erwog einmal, mit Festungshäftlingen auszubrechen, verwarf den Plan zur Verschwörung dann aber im letzten Augenblick. Verzweifelt wandte er sich an den Kurfürsten, bat um Freilassung und die Erlaubnis, seine Arbeit wiederaufnehmen zu dürfen, binnen zwei Monaten werde dann Großes passieren, er werde das Geheimnis der Porzellanherstellung lüften. Weil Porzellan ebenso wertvoll wie Gold sei, werde es die pekuniäre Not des Herrschers ebenso lindern.

Noch Ende 1707 gelang es Böttger und seinen Mitarbeitern dann in der Jungfernbastei in Dresden bei sehr hohen Temperaturen ein wasserundurchlässiges braunes Steinzeug aus eisenoxidhaltigen Tonen herzustellen. Der Alchimist nannte es wegen seiner Härte und Farbe „Jaspisporzellan“. Heute trägt es die Bezeichnung Böttgersteinzeug. Anfang des Jahres 1708 gelangen den Forschern dann nach mühsamem systematischen Suchen und Experimentieren spektakuläre Ergebnisse. In ihrem feuchten und schmutzigen Labor stellten sie aus heller Colditzer Tonerde und dem Flussmittel Alabaster in wissenschaftlich abgestufter Zusammensetzung sieben Proben her und brannten sie. Die erste war weiß, die zweite und dritte waren zerbrochen, die vierte war unbeschädigt, aber verfärbt. Die Nummern fünf bis sieben schließlich waren „sehr schön weiß und durchscheinend“, wie es in Böttgers handschriftlichem Protokoll vom 15. Januar 1708 heißt. Es ist die Geburtsurkunde des europäischen Porzellans.

Vom Goldmacher zum Töpfer

Um noch helleres Porzellan zu erhalten, hatte man schon im 18. Jahrhundert zunächst Kaolin aus Aue und schließlich aus Seilitz bei Meißen verwendet. In Seilitz wird auch heute noch das Kaolin für das - wie die Geschichte so spielt - vor allem in Asien immer beliebtere Meißener Porzellan gewonnen. Dreihundert Jahre nach Böttgers Erfindung hat die Staatliche Porzellan-Manufaktur noch einmal Porzellanmasse aus den Grundstoffen von 1708 hergestellt und dafür bei Colditz zehn Tonnen Ton abbauen lassen. „Böttger war ein genialer Experimentator. Durch unsere Rekonstruktion ist mein Respekt vor ihm noch gewachsen, denn er hatte damals keine technischen Lösungen wie die elektronische Brenntemperaturüberwachung“, sagt Manufaktur-Geschäftsführer Hannes Walter.

Böttger soll seine Leistung laut Überlieferung ironisch kommentiert haben: „Gott, unser Schöpfer, hat gemacht aus einem Goldmacher einen Töpfer.“ Als August 1710 in Meißen die erste europäische Porzellan-Manufaktur gründete, macht er Böttger zu ihrem „Administrator“. 1714 schenkte der Herrscher seinem Alchimisten endgültig die Freiheit. Verbissen arbeitete Böttger weiter am Arkanum für Gold. Im Alter von 37 Jahren starb er im März 1719 in Dresden an den Folgen seines leichtsinnigen Umgangs mit Substanzen wie Quecksilber.

Quelle: F.A.Z., 15.01.2008, Nr. 12 / Seite 7
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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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