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Erster Weltkrieg in Verdun : Grauen mit neuem Anstrich

Verdun am Beginn der Gedenkjahre: Granattrichter vor der Festung Douaumont Bild: Wohlfahrt, Rainer

Verdun lebt mit den Toten des Ersten Weltkriegs - und von ihnen. Aus der Erinnerung an die Schlacht vor 100 Jahren wird nun ein Spektakel. 

          Entlang der Straße treten die ersten Trümmer in Erscheinung, fünf Kilometer vor der Stadt fängt das an. Ruinen, Bunker, mit bemoosten Decken und rostigen Haken, die in die Luft ragen. Überall Hügel und Senken, hier schlugen die Granaten ein. Die Landschaft war einmal schön. Nur ein kurzes Stück, dann ist die Gegend wieder ordentlich, adrett und sauber. Viele Häuser scheinen neu. Der Bäcker hat die Fassade seines Ladens frisch gestrichen, der Metzger die Fenster geputzt. In dieser Stadt kann man mühelos zwischen den Zeiten hin und her laufen. Hier, in Lothringen, dieser Landschaft des Übergangs, zwischen Metz und Paris. Verdun, eine kleine Stadt in der französischen Provinz.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Vor 100 Jahren lebten hier 15.000 Menschen, etwa so viele wie heute. Als der Krieg losbrach, verließen sie fast alle den Ort, nur wenige blieben, zum Beispiel drei Alte, die eine Kantine für die Garnison betrieben. Sie wurde kaum beschädigt, genau wie das Rathaus. Andere Gebäude litten mehr, zufällig fast, denn es ging ja gar nicht um diese Stadt. Um Verdun herum lagen 39 Forts. Sie waren das Ziel. Gleich am Ausgang der Stadt die Zitadelle. In den Fels gehauen, hat sie die Form eines zerbrochenen Sterns mit acht Zacken. Man kann sich dies und jenes anschauen. Ein schmaler Raum mit Etagenbetten, an den Wänden laufen Wassertropfen herunter, sammeln sich in Pfützen. An dem Blechschirm der elektrischen Lampe kleben ein paar rotbraune Flecken. Man denkt: Blut. Aber wahrscheinlich nur Rost. Ein paar Meter weiter ein großer Saal, vielleicht für die Mahlzeiten oder ein Lazarett. Hier haben erst Franzosen, dann Deutsche ihre Suppe gegessen, hier wurden ihnen Arme und Beine amputiert. Dann schossen sie wieder aufeinander.

          Höhe Mort Homme (Toter Mann): Im Kampf um die Schlüsselstellung auf dem linken Maasufer fielen im Lauf der Kriegsjahre auf beiden Seiten Zehntausende Soldaten.
          Höhe Mort Homme (Toter Mann): Im Kampf um die Schlüsselstellung auf dem linken Maasufer fielen im Lauf der Kriegsjahre auf beiden Seiten Zehntausende Soldaten. : Bild: Wohlfahrt, Rainer

          Durch die hügelige Landschaft zieht sich hier und da ein originaler Schützengraben. Das Land um Verdun hat ein gutes Gedächtnis, auch nach 100 Jahren. Man retuschiert ein paar Strommasten weg, das bisschen Wald, und schon hat man wieder ein Schlachtfeld. Am 21. Februar 1916, um 7.12 Uhr, gaben die Deutschen den ersten Schuss ab. Dann Trommelfeuer. Die französischen Soldaten waren beeindruckt, aber gut vorbereitet. Sie hatten mit dem Angriff schon für einige Tage früher gerechnet, aber da war das Wetter zu kalt und nass. Nun standen sich 50 Divisionen und 1225 Geschütze auf deutscher, 75 Divisionen und 1300 Geschütze auf französischer Seite gegenüber. Nur vier Tage nach dem Angriff nahmen die Deutschen das Fort Douaumont ein, die modernste Festung in der Gegend. Sie hätten vermutlich auch Verdun schnell erobern können, aber darum ging es eben nicht. Erich von Falkenhayn, dem deutschen Generalstabschef, lag nicht an einem schnellen Sieg im Westen. Er wusste, die Franzosen würden alles aufbieten, um dieses Nest, diese Beule der Front zu verteidigen. Von Falkenhayn wollte die Franzosen ausbluten lassen. Die Deutschen nannten den Angriff „Operation Gericht“.

          Die Franzosen bluteten, die Deutschen auch. Der Angriff kam nicht mehr voran. Noch eine Anstrengung, sagten die Befehlshaber hier wie dort, dann haben wir sie. Sie sagten es im März, im April, im Mai und Juni. Dann sagten sie es nicht mehr. Die Männer buddelten Schützengräben, drückten sich an die feuchte Erde und warteten. Seit Mitte Mai stand die Schlacht. Damit ist eigentlich alles benannt und der Mythos der Schlacht von Verdun geboren. Krieg in seiner sinnlosesten Form. Das bisschen, was Franzosen und Deutsche in den nächsten Monaten an Boden gewannen, konnten sie mit Leichen bedecken. Meist war das Wetter schlecht und die Gräben liefen voll Regenwasser. Unter den Sohlen der Soldaten quietschte der Schlamm. Halb Frankreich klebte ihnen an den Beinen. Sie hatten Angst, erschossen zu werden. Aber mindestens genauso fürchteten sie die Grabenfüße, wenn nach wochenlangem Herumlaufen in nassen Schuhen erst die Füße anschwollen, sich dann die Haut verfärbte, die Zehen abstarben und die Füße schließlich abgeschnitten werden mussten. Wen das nicht dahinraffte, der erstickte vielleicht im Schlamm oder ertrank in einem vollgelaufenen Granattrichter. In den Briefen für die Angehörigen stand immer: „Er starb durch eine Kugel mitten ins Herz.“ Nur wenigen war das vergönnt.

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