27.05.2006 · Nach einem nächtlichen Lichtspektakel zur Eröffnung des Hauptbahnhofs haben Tausende Berliner ihre neue Zentralstation in Besitz genommen. Der Andrang war so groß, daß das Gebäude zeitweise abgeriegelt werden mußte.
Berlin hat fast 17 Jahre nach dem Fall der Mauer einen zentralen Hauptbahnhof. Nach einem weithin sichtbaren nächtlichen Lichtspektakel zur Eröffnung des Bahnhofs haben Tausende Berliner ihre neue Zentralstation in Besitz genommen. Von 23 Uhr an stürmten die Neugierigen in Massen zum ersten Mal in den hell erleuchteten Bahnhof mit seinen 80 Geschäften. Der Andrang war so groß, daß das Gebäude kurz vor Mitternacht aus Sicherheitsgründen zeitweise abgeriegelt werden mußte.
Zur Lichtshow kamen nach Bahnangaben mehr als 500.000 Zuschauer. Der Hamburger Lichtkünstler Jerry Appelt ließ den Bahnhof in den Farben grün, gelb, rot oder lila leuchten. Hunderte Scheinwerfer erhellten die Umrisse des Gebäudes oder strahlten in den Himmel. Illuminierte Züge fuhren als Symbol für das Zusammenwachsen Berlins aus Ost- und Westrichtung in die Bahnhofshalle zu. Grüne Laserstrahlen und farbige Lichtkegel verbanden das neue Gebäude mit dem nahen Kanzleramt, dem Reichstag und dem Potsdamer Platz. Feuerwerkskörper beleuchteten den Bahnhof im Takt von Schlagern aus Ost und West, Klassik oder Rockmusik. Zum Schluß leuchtete das Bahnlogo rot in die Nacht. Die neuen Uferwege entlang der Spree durch das Regierungsviertel wirkten schnell wie Ameisenstraßen. Die Brücken begannen unter dem Massenansturm zu vibrieren. Im Regierungsviertel kam es nach der Show zu langen Staus.
Eröffnung per Knopfdruck
Mit einem symbolischen Knopfdruck hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bahnchef Hartmut Mehdorn am Freitag den neuen Knotenpunkt am Regierungsviertel eröffnet. Sie wurden unterstützt von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, EU-Kommissar Günter Verheugen und Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit.
FAZ.NET-Spezial: Berliner Hauptbahnhof eröffnet
Merkel nannte den Bahnhof mit seiner transparenten Konstruktion ein Symbol für ein weltoffenes Land. Die Kanzlerin bekannte sich klar zu einer Privatisierung der Bahn, „die nicht nur kommen soll, sondern kommen muß“. Mit Bundestag und Bundesrat würden Form und Zeitpunkt der Privatisierung besprochen. Die Bundesregierung werde alles daran setzen, daß die Bahnreform nicht steckenbleibe. Die Bahn müsse für den europäischen Wettbewerb fit gemacht werden.
Bahnchef Mehdorn nannte den neuen Hauptbahnhof ein Symbol für die Überwindung der deutschen Teilung. Von der Station auf dem einstigen Grenzstreifen zwischen Ost und West könnten nun Fahrgäste in alle Richtungen reisen. Die Bahn könne sich „gut vorstellen, eines Tages mit unserer Konzernzentrale hier zu leben“, sagte er mit Blick auf das Areal am Regierungsviertel. Bürgermeister Wowereit begrüßte dies: „Wir freuen uns darauf.“
Mißstimmung bis zur Eröffnungsfeier
Bevor aber rund 1.000 geladene Gäste die Einweihung am späten Abend live erleben konnten, meldeten sich alle, die in den vergangenen Jahren den Bahnhof und Mehdorn kritisiert hatten, noch einmal zu Wort. Dahinter steckte die vermutlich richtige Annahme, daß nach der Inbetriebnahme der Zentralstation das Tagesgeschäft alle Kritik verstummen lassen würde - es sei denn, es gibt Pannen.
So beklagte Architekt Meinhard von Gerkan, daß er nicht reden dürfe. Von Gerkan hat richtig Krach mit Mehdorn, weil der das Bahnhofsdach um 80 auf 321 Meter gekürzt hat und im Zwischengeschoß eine Lochplatten- statt einer Gewölbedecke hat einziehen lassen, um Geld zu sparen. Die Bahn hatte von Gerkans Auftritt mit Hinweis auf das „enge Zeitfenster“ des Festakts abgelehnt. Manche fühlten sich da an die Einweihung des Bundeskanzleramts gleich gegenüber erinnert. Da gab es vor gut fünf Jahren auch Ärger mit dem Architekten, weil Kanzler Gerhard Schröder andere Vorstellungen bezüglich der Innengestaltung des Amtes hatte und umsetzen ließ.
Nicht alle dürfen zu Wort kommen
In der Tat war es wieder total hektisch: Kanzlerin Angela Merkel empfing noch schnell den türkischen Ministerpräsidenten, bevor sie sich zum Zug aufmachte, der sie in den Bahnhof bringen sollte. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee - der beim Festakt auch nicht zu Wort kommen sollte - kam aus Leipzig, wo er immerhin beim Besteigen des Sonderzugs ein Grußwort sprach. Merkel sollte erst bei einem Zwischenhalt am Südkreuz zusteigen - einem anderen der insgesamt vier neuen Berliner Bahnhöfe, die am Sonntag mit In-Kraft-Treten des Sommerfahrplans in Betrieb genommen werden. Tiefensee lobte per Pressemitteilung den Bahnhof als „architektonische und ingenieurtechnische Meisterleistung“.
Mehdorn hat nach der „Langen Nacht des Bahnhofs“, in der bis 03.00 Uhr gefeiert werden sollte, auch keine Zeit, sich entspannt zurückzulehnen und den Ausgang des Prozesses mit von Gerkan abzuwarten. Der Bahnchef muß am kommenden Donnerstag einen wichtigen Zwischenschritt für sein eigentliches Hauptthema abarbeiten - den Börsengang. Die Bahn ist zu einer Anhörung vor den Verkehrsausschuß über diese Frage geladen, zusammen mit Verbänden und Gewerkschaften. Eine Expertenanhörung vor zwei Wochen war zehn zu Null gegen den von Mehdorn favorisierten Börsengang einschließlich Netz ausgegangen.
Genaue Baukosten bleiben unbekannt
Weniger kritisch wurde die Frage der Baukosten des Bahnhofs behandelt. Die Bahn hatte hier seit Monaten die Parole ausgegeben, keine Einzelsummen zu nennen. Erwähnt wurde nur, daß in die Erneuerung des Berliner Eisenbahnnetzes seit der Wende rund zehn Milliarden Euro gesteckt worden seien, davon seitens des Bundes „mehr als fünf Milliarden in den Knoten Berlin“, wie Tiefensee anmerkte. Die Einzelsumme für den Bahnhof blieb geheim. Die Bahn dementierte aber Zahlen zwischen 700 und 800 Millionen nicht.
Dann kam der Kölner Baukonzern Strabag, einer der Arbeitsgruppenführer, und nannte 600 Millionen für Rohbau und Ausbau einschließlich Haustechnik. Dafür lagen noch keine Schienen im Bahnhof, keine Oberleitung lieferte den Strom, und keine Signaltechnik sorgte für Verkehrssicherheit. Vor Jahren war der Bahnhof noch zusammen mit der Neubaustrecke Köln-Frankfurt als Milliardengrab genannt worden.