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Ernährung Brasilien nimmt an Gewicht zu

06.02.2005 ·  Während der brasilianische Präsident den Kampf gegen den Hunger propagiert, werden die Brasilianer immer dicker. Das Land der Strandschönheiten kämpft mit Gewichtsproblemen.

Von Josef Oehrlein, Porto Alegre
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Der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva warb auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre und kurz darauf beim Weltwirtschaftsforum in Davos für seinen Feldzug gegen den Hunger. Dabei plagt sein Land auch ein ganz anderes Problem: In Brasilien sterben mehr Menschen an den Folgen der Fettleibigkeit als an Unterernährung. Das Zahlenverhältnis, das bekannt wurde, als der Präsident gerade für sein Land warb, ist verblüffend.

Wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Brasília im Jahr 2003 mehr als 447 000 Personen Opfer von Diabetes, Bluthochdruck oder Infarkten aufgrund extremen Übergewichts, starben 54 000 Brasilianer an Anämie, Lungenentzündung oder Durchfall, typischen Anzeichen von Mangelernährung. Nach statistischen Erhebungen von Ende vergangenen Jahres hatten 38,8 Millionen Einwohner Brasiliens Übergewicht, 3,8 Millionen litten an den Folgen von Unterernährung.

All-You-Can-Eat-Grills

Ein Blick auf die Eßgewohnheiten der Brasilianer genügt, um die Ursache der Fettleibigkeit auszumachen. In den Restaurants sind reich ausgestattete Büffets überaus beliebt, die es erlauben, so viel zu essen, wie in den Magen paßt, und wenn es geht, noch ein bißchen mehr. Besonders bei der Mittelschicht genießen die "Rodízio" genannten Grillrestaurants große Sympathien.

Dort tragen die Kellner unaufhörlich gewaltige Spieße mit allen zum Grillen geeigneten Fleischsorten herum. Der Gast kann sich von den Spießen so oft Eßportionen abschneiden lassen, wie er es wünscht. Er hat nur eine Möglichkeit, den Ansturm der Spieße abzuwehren: durch eine Signaltafel, die er von "Grün" auf "Rot" stellen kann.

Kalorienreiches aus Afrika

Das Fleisch ist in dieser Art Restaurants, von denen eine berühmte Kette "Porcão" (Großes Schwein) heißt, nicht einmal der Hauptdickmacher, wenn man sich nicht gerade ein von Fett triefendes Rinderrippenstück auf den Teller legen läßt. Wer von dem obligatorisch zu der Spießparade gehörenden Salatbüffet nur grüne Blätter, rote Rüben, Spargel und Broccoli nimmt, hat nichts zu befürchten. Aber zwischen den Salaten lauern in allerlei fetten Soßen angerichtete Leckereien, und um die Fleischorgie nicht ausarten zu lassen, werden als Appetitbremsen Salamischeiben, in Öl ausgebackene Bananen und Pommes frites gereicht.

Ein anderer Essensbrauch, der in der Tradition Brasiliens wurzelt, läßt sich gleichfalls nicht als Schlankmacherdiät bezeichnen. Die "Feijoada", ein üppiges, aus Afrika stammendes Gericht mit schwarzen Bohnen und Reis, enthält vor allem nach einer speziellen Methode gepökeltes und gedörrtes Schweinefleisch. Neben solchen einheimischen Essensbräuchen hat sich auch in Brasilien die Fast-food-Unkultur ausgebreitet. Sie bietet fast die einzige Ernährungsmöglichkeit in den Shoppingzentren der großen Städte, an Kiosken und bei Großereignissen.

Kampagne zur Bekämpfung des Übergewichts

Die Untersuchungen haben die Erkenntnis zutage gefördert, daß Fettleibigkeit in Brasilien keineswegs ein Privileg der Mittel- und Oberschicht ist, die sich alle Genüsse leisten können. Auch in den Armenquartieren gibt es immer mehr Übergewichtige: Die Ernährung dort besteht häufig aus Mehl, frittierten Gerichten und minderwertigen Lebensmitteln - Gerichten, die dick machen, ohne wirklich zu nähren. Sie liefern eben nicht all jene Proteine, die Präsident Lula in seinen Reden gern als Wunderwaffe im Kampf gegen den Hunger anpreist.

Das Gesundheitsministerium in Brasília will eine Kampagne zur Bekämpfung des Übergewichts ausrufen. Mit ihr sollen die Einwohner dazu angehalten werden, auf gesündere Ernährung zu achten, das Rauchen einzuschränken, sich mehr zu bewegen oder sich gar sportlich zu betätigen. Bei der Kampagne soll Lula als Vorturner auftreten, denn auch er ist kein Kostverächter und kämpft mit Gewichtsproblemen.

Hunger und Fettleibigkeit

Er wird dabei einen merkwürdigen Spagat vorführen müssen. Denn einerseits zählt die Bekämpfung von Hunger und Unterernährung in den Favelas nach wie vor zu den wichtigsten Punkten seines Regierungsprogramms, zumindest als fester Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit. Andererseits muß Lula dafür werben, daß seine Landsleute weniger und qualitativ besser essen sollen.

Unternehmen, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen, die alltäglich eine große Zahl von Personen verköstigen, sollen mit der Kampagne angehalten werden, gesünderes Essen anzubieten. Wenn der gegenwärtigen Entwicklung nicht Einhalt geboten wird, gelingt es Brasilien zwar, die Zahl der vom Hungertod bedrohten Personen zu senken. Dafür wird aber die Gesellschaft der Fettleibigen immer größer.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.02.2005, Nr. 31 / Seite 9
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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