29.04.2002 · Ruhig, intelligent, kontaktfreudig und beliebt - so beschrieben Mitschüler und Bekannte den Amokläufer von Erfurt. Was im Kopf des 19-Jährigen vorging, hatte keiner erwartet.
Ruhig, intelligent, kontaktfreudig und beliebt - so beschrieben Mitschüler und Bekannte den Amokläufer von Erfurt. Seine Freunde nannten ihn „Steini“. Offensichtlich hatte der 19-jährige Robert Steinhäuser aber große Schwierigkeiten mit den Zwängen des Schulalltags. Eine Mitschülerin: „Er wollte immer auffallen und ist damit bei den Lehrern angeeckt.“
Vor einem Jahr fiel Robert Steinhäuser durch die Abitur-Prüfung. Er hätte sie wiederholen können. Doch nach Angaben des Kultusministeriums wurde er im Herbst 2001 von der Schule verwiesen. Angeblich, weil er oft Krankheitsbescheinigungen gefälscht hatte. Das Ministerium beruft sich dabei auf Angaben der Schuldirektorin. Den Schulverweis hielt Robert Steinhäuser jedoch vor seiner Familie geheim. Anscheinend fing er den Brief der Schule ab.
Kurzschlussreaktion vermutet
Auch die Beziehung zu Waffen war den Mitschülern unbekannt. „Die Tat passt überhaupt nicht zu dem Bild, das ich von ihm habe,“ sagte eine ehemalige Mitschülerin. Sie habe Robert als einen intelligenten und an Politik interessierten Menschen kennen gelernt. „Er war sehr lebensfroh, war nachmittags immer unterwegs und auch mit Freunden in der Disco.“ Ihrer Meinung nach sei der Amoklauf eine Kurzschlussreaktion, weil seine Freunde Abitur machten und er nicht. „Da ist er vielleicht durchgeknallt.“ Außerdem erinnerte sie sich an einen denkwürdigen Satz von ihm: „Einmal möchte ich, dass mich alle kennen“, soll Robert gesagt haben.
Die Vernehmung der Mutter und die Durchsuchung der Wohnung lösten das Rätselraten um das Tatmotiv ebenfalls nicht auf: Es wurden zwar weitere erhebliche Mengen Munition gefunden, „sonst aber auf den ersten Blick keine Auffälligkeiten“, sagte Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel - Gewaltvideos hatte der junge Mann zum Beispiel keine in seinem Zimmer. Allerdings soll er blutrünstige Killerspiele auf dem Computer gehabt haben. Das Verhalten des Amokschützen sei „auffällig unauffällig“.
Auch die Mutter des Täters ahnte nichts: In einer Vernehmung sagte sie den Polizisten, dass sie keine Besonderheiten festgestellt habe, die auffällig gewesen wären. Experten des Bundeskriminalamtes seien dabei, ein Persönlichkeitsprofil zu erstellen. Polizeilich war er bislang nicht aufgefallen. Einen Eintrag ins Strafregister gibt es über Robert Steinhäuser nicht.
Ausgebildeter Schütze
Robert Steinhäuser war ein „ausgebildeter Schütze“. Viele seiner Opfer hat er durch Kopfschüsse umgebracht. Der 19-Jährige war Mitglied im Polizeisportverein und einem Erfurter Schützenverein. Dort hat er das Schießen gelernt. Straffes Training sei zum Erwerb der Scheine notwendig, erklärte ein Polizeisprecher, um das zu schaffen brauche man mindestens ein halbes oder dreiviertel Jahr.
Die Polizei geht zudem verschiedenen Gerüchten nach: Nach Aussagen zweier Mitschüler hat der Amokschütze noch vor der Tat Warnbotschaften per Handy abgeschickt. So soll der 19-Jährige per SMS einen Mitschüler aufgefordert haben, am Tattag zu Hause zu bleiben. Ein Abschiedsbrief ist bislang nicht gefunden worden.