04.05.2002 · Tief bewegt haben mehr als 100.000 Menschen Abschied von den Opfern des Schul-Massakers von Erfurt genommen.
Bundespräsident Johannes Rau hat bei der Trauerfeier in Erfurt für die Opfer des Amoklaufs im Gutenberg-Gymnasium zu mehr Mitmenschlichkeit und weniger Gleichgültigkeit aufgerufen. „Wenn die Gesellschaft zusammenhalten soll, dann müssen wir uns umeinander kümmern“, sagte er am Freitag auf dem Domplatz, wo sich rund 100.000 Menschen versammelt hatten, um der Toten zu gedenken. „Wir sind ratlos und haben es nicht für möglich gehalten, dass bei uns so etwas passiert“, sagte Rau. Es müsse nach Konsequenzen gesucht werden, damit eine solche Tat nicht mehr vorkomme.
An der Trauerfeier des Landes Thüringen nahmen neben Rau und Vogel auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Kanzler Gerhard Schröder (beide SPD) sowie zahlreiche Bundesminister und Ministerpräsidenten teil. Der Bundespräsident gedachte der Opfer und ihrer Angehörigen, aber auch der Familie des Täters. Niemand könne deren Trauer und Scham ermessen. „Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt trotzdem ein Mensch“, sagte Rau. Die Gesellschaft müsse einander und aufeinander achten. Es dürfe nicht gleichgültig lassen, wenn Freunde, Schulkameraden, Kinder und Kollegen Wege gingen, die ins Abseits führten, wenn sie aus der Wirklichkeit in die Scheinwelten von Drogen oder elektronischen Spielen flüchteten.
Fünf Opfer des Massakers im Erfurter Gutenberg-Gymnasium sind am Samstag auf dem Hauptfriedhof Erfurts beigesetzt worden. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit wurden sie im Beisein ihrer Familien und Freunde zur letzten Ruhe gebettet. Bereits am Freitag war eine der am 26. April getöteten Lehrerinnen in ihrer niedersächsischen Heimat beerdigt worden.
Rau: Alle sind gefordert
Rau sagte, die Selbstkontrolle der Medien sei wichtig, die eigene Selbstkontrolle jedoch noch wichtiger. „Wir müssen uns gegen eine Verrohung der Gesellschaft wehren“, sagte Rau. Kinder bräuchten deshalb eine lebendige Phantasie, die sie zu selbstbestimmten und selbstbewussten Menschen werden lasse. Der Kampf gegen Gewalt, Aggression und Hass dürfe jedoch nicht allein an die Schulen delegiert werden. Alle seien gefordert.
"Gewalt und Terror“ dürfe nicht in Spielen und „virtuellen Scheinwelten“ auftreten, sagte Vogel. Deswegen müsse über entsprechende Gesetze gesprochen werden. Es werde Auseinandersetzung und Streit geben, jedoch solle dies „in einem anderen Geist“ als sonst passieren. Vogel appellierte an die Menschen, „Entsetzen in Kraft“ und „Schmerz in Liebe“ zu verwandeln. „Wir sind voller Trauer, haben aber auch Hoffnung“, sagte er weiter. Die Tat habe Wunden geschlagen, die niemals völlig vernarben würden. Dennoch sei die Mitmenschlichkeit in Deutschland keine verloren gegangene Tugend. Es gebe viel Gemeinsamkeit und Gemeinsinn.
Schülerin sprach zur Trauergemeinde
Eine Schülerin der 12. Klasse des Gutenberg-Gymnasiums sprach im Anschluss an den Ministerpräsidenten. In ihrer Schule habe immer eine „familiäre Atmosphäre“ geherrscht. „So soll es auch wieder werden“, sagte sie. Die getöteten Lehrer seien Vertraute und auch Freunde gewesen. Sie hätten immer viele Ratschläge für den Lebensweg der Schüler gegeben. „Sie werden uns fehlen“, sagte die Schülerin weiter. Im Anschluss an die Trauerfeier fand ein ökumenischer Gottesdienst unter freiem Himmel statt.
Der Amokläufer hatte insgesamt 13 Lehrer und eine Sekretärin, zwei 14- und 15-jährige Schüler sowie einen Polizisten erschossen. Robert Steinhäuser, der ein geübter Schütze und Mitglied in einem Schützenverein war, hatte gezielt auf Lehrer des Gymnasiums geschossen. Die Bluttat hatte eine bundesweite Debatte über die Ursachen von Gewalt und eine Verschärfung des Waffengesetzes ausgelöst.